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Wie aus dem Nichts

Per Handy warnt eine Schülerin der Albertville-Realschule in Winnenden ihren Freund vor dem Amokläufer: "Komm nicht in die Schule." Als sie ihn anruft, hat Tim K. bereits mit gezückter Waffe die Schule gestürmt und ein Blutbad angerichtet. Rekonstruktion einer Tragödie.

Von Tilman Wörtz, Winnenden

Der Anruf kommt kurz nach halb zehn. Marcel Babel, 17, hört ein Schluchzen. Er erkennt die Stimme seiner Freundin Isabel. Aber sie sagt nichts. Heult nur immer weiter. Er weiß, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Erst nach qualvollen Sekunden der Ungewissheit versteht er: "Komm nicht in die Schule, er hat alle getötet!" Marcel Babel, der in die Parallelklasse seiner Freundin geht und heute erst in der dritten Stunde Unterricht hat, erfährt zwischen Heulkrämpfen und Schluchzen die Wahrheit: Es hatte an die Tür am Chemiesaal geklopft. Aus Sicherheitsgründen ist der immer von der Lehrerin verschlossen. Sie öffnete. Tim K. stürmte im dunklen Tarnanzug herein und schoss wild um sich. Die Klasse stürmte zum Notausgang, die Feuerleiter herunter. Es kam zum Gerangel. Isabel stürzte ab, brach sich die Rippen. Schwer verletzt schleppte sie sich in Sicherheit.

Wie der Amoklauf im schwäbischen Winnenden, zwanzig Autominuten von Stuttgart entfernt, weiterging, erfährt Marcel Babel aus SMS und E-Mails von Mitschülern: Der Amokläufer Tim K. drang auch in das Zimmer einer neunten Klasse ein und schoss auch dort um sich. Bilanz seines Amoklaufs: 16 Tote, davon drei Lehrerinnen, neun Schüler und später noch drei Passanten auf der Flucht - sowie der Täter selbst. Nach wenigen Minuten traf die Polizei samt Scharfschützen am Tatort ein und sicherte den gesamten Schulkomplex, zu dem vier Schulen gehören. Verletzte wurden in das nahe gelegene Vergnügungsbad Wunnebad gebracht und behandelt. "Amoklage" begründet ein Polizist lapidar im Fachjargon, warum er niemanden zur Schule passieren lässt. So ein Szenario gehört seit Columbine in den USA und Erfurt zur Ausbildung auch deutscher Polizisten. Doch dieser Amoklauf ist anders: Der Täter hatte sich nicht, wie meistens in solchen Fällen, gleich am Tatort gerichtet, sondern er flüchtete. Zwei Polizeihubschrauber kreisten stundenlang über der Stadt auf der Suche nach dem Jugendlichen. Die Polizei wusste lange Zeit nicht, wo er sich befand. In der Schlossstraße der Winnender Innenstadt wurde er zum letzten Mal gesehen.

Stetig steigt die Zahl der Toten

Unter den Eltern, die am Wunnebad ihre Kinder aufsuchen, wird von einem möglichen zweiten Täter gesprochen. Mädchen mit Tränen verschmiertem Make-up bahnen sich den Weg, immer mehr Angehörige treffen ein. Zuerst war von einem Toten die Rede, dann von zehn. Die Zahl steigt stetig. In einer Turnhalle gegenüber der Schule kümmern sich Seelsorger um die Opferfamilien und die Schüler aus den beiden Klassenzimmern, in denen Tim K. sein Blutbad angerichtet hat. Die Schulen stehen immer noch unter Polizeischutz, nach und nach werden einzelne Klassen zu Bussen und dann in ihre Stadtteile gebracht und dort registriert. Immer noch ist unklar, wie viele Menschen Tim K. auf dem Gewissen hat. Sanitäter und freiwillige Helfer haben die Bäckereien in Winnenden leer gekauft und bieten den Wartenden Gebäck und Säfte an. Marcel Babel simst mit seinen Freunden in der Zwischenzeit, vergeblich auf der Suche nach Erklärungen: Wieso gerade diese beiden Klassen? Niemand hat eine Antwort. Wieso gerade Tim K.? Auch das kann sich niemand erklären. Tim, dieser große, schlanke Junge, der immer gepflegt mit Hemd und Jeans gekleidet war.

Tim K. war kein aggressiver Schüler

Auch Marcel Babel hat ab und an bei Tim K. zu Hause Poker gespielt. Oft besuchten ihn ein Dutzend Jugendlicher und mehr. Es hatte sich rumgesprochen, dass der Spross einer wohlhabenden Unternehmerfamilie einen großen Partykeller im Haus seiner Eltern hat. Er empfing sie gerne. Sie tranken Bier, rauchten, schauten fern. Sein Vater versorgte die Jugendlichen mit Häppchen, die die Mutter zubereitete. Tim K. galt als umgänglich, nett, weder aggressiv noch introvertiert. Mit seiner Waffensammlung protzte er nie. "Jede Menge Softball-Gewehre" hat Marcel Buben bei ihm im Zimmer gesehen. Holte ein Jugendlicher mal eins raus, raunte ihn Tim K. an: "Leg das wieder zurück und bleib aus meinem Zimmer draußen!" Er spielte gerne Counter-Strike, aber die Parallelwelt der Gewaltspiele löste nicht sein richtiges Leben ab. Er machte vor einem Jahr seinen Abschluss mit Belobigung. "Ein Einser- und Zweier-Schüler", erinnert sich Marcel Babel und schüttelt den Kopf, unsicher, ob ihm auch noch so viele SMS und Emails von Mitschülern das Verbrechen von Tim K. erklären können.

Auch die Wirtin der Gaststätte vom Schützenverein Leutenbach, in dem der Vater von Tim K. Mitglied ist, konnte keine besondere Aggressivität an Tim K. ausmachen. Im Gegenteil: Sanft sei er gewesen und liebevoll im Umgang mit seinem Vater. Von der Waffensammlung des Vaters hat sie gehört: "Kurz- und Langkaliber, auch ne Magnum". Vater und Sohn seien "so alle Vierteljahr mal gekommen". Tim schoss aber nicht selber. "Er sollte die Firma übernehmen und machte deshalb eine Ausbildung als Mechaniker." Tim K. entschied sich aber anders. Er raubte einem Autofahrer den Wagen und fuhr ins vierzig Kilometer entfernte Wendlingen am Neckar. In einem Autohaus tötete er noch zwei Passanten und erschoss sich dann selbst.

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