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Traumabewältigung nach Unglücken: Wie Eltern den Tod ihres Kindes bewältigen

Amokläufe, der Germanwings-Absturz - immer wieder reißen Menschen Unschuldige bewusst mit in den Tod. 2009 starb die 16-jährige Stefanie in Winnenden. Wie verarbeiten die Eltern den Schmerz?

Von Ingrid Eißele

Nur 16 Jahre alt wurde Steffi - sie starb 2009 beim Amoklauf von Winnenden

Nur 16 Jahre alt wurde Steffi - sie starb 2009 beim Amoklauf von Winnenden

Auf dem Klavier im Wohnzimmer stehen Fotos eines blonden Mädchens. Stefanie, 16 Jahre alt. Nach dem Mittagessen spielte sie oft eine halbe Stunde zur Entspannung. Doris Kleisch hat das Klavier vor Kurzem wieder stimmen lassen, sie spielt manchmal darauf, um ihrer Tochter nahe zu sein. Doris und Dieter Kleisch sind die Eltern von Stefanie, die die Albertville-Realschule in Winnenden besuchte. Stefanie saß am Morgen des 11. März 2009 im Klassenzimmer der 10d, als Tim K. herein kam und schoss. Er tötete 15 Menschen. Auch Stefanie, die in seiner Nachbarschaft wohnte. Wie kann man solch ein Drama verarbeiten? Stefanies Eltern sagen: "Man kann das nicht verarbeiten." Aber sie schaffen es, damit zu leben. Der Weg dahin: "Schwerstarbeit."

Frau Kleisch, Herr Kleisch, in Köln wird es heute eine große Trauerfeier für die Opfer des Germanwings-Absturzes geben. Wie reagierten Sie, als Sie erfuhren, dass der Copilot die Maschine vorsätzlich abstürzen ließ?

Er: Ich dachte, das ist wie ein Amoklauf. Der eine benutzt die Waffe, der andere einen vollbesetzten Flieger.

Sie: Das hat mich alles so an damals erinnert. Die Bilder im Fernsehen, die vielen Spekulationen, die grausamen Details.

Wer hatte Sie nach dem Amoklauf von Winnenden informiert?

Er: Eine Klassenkameradin unserer Tochter. Wir wussten stundenlang nicht, was mit unserer Steffi geschehen war. Wir Eltern mussten in der abgeschirmten Stadthalle auf Nachrichten warten. Auf der einen Seite arbeitete der Krisenstab, auf der anderen Seite saßen wir an Tischen, zum Stillhalten gezwungen. Ich fragte die Rektorin unserer Schule, was mit Steffi ist. Sie durfte uns nichts sagen, obwohl sie die Kinder identifiziert hatte. Irgendwann am Nachmittag wurden wir in einen Umkleideraum geführt, ich erinnere mich noch genau an die Kleider, die an Haken hingen. Ein Polizeibeamter war dabei, eine Psychologin, jemand vom Roten Kreuz. Sie sagten uns, dass unser Kind unter den Opfern ist.

Sie: Dann sitzt man da und denkt, die Welt müsste explodieren. Da ist eine völlige Leere, ein Erstarren, alles andere ist komplett ausgeblendet. Eine völlig irreale Situation.

Er: Wir wollten sofort nach Hause, zu unserem Sohn, er war damals neun. Er wollte gerade mit seinem Freund spielen gehen. Wir sagten ihm: "Unsere Steffi wird nicht mehr kommen."

Wie bewältigt man den Tod seines Kindes?

Er: Die Gemeinschaft mit anderen betroffenen Eltern hat uns sehr geholfen. Wir trafen uns fast täglich, daraus entstand das Aktionsbündnis, das politisch aktiv wurde. Wir sind auch hier im Ort aufgefangen worden, ebenso in meiner Firma, es gab Kollegen, die mich einfach nur gedrückt haben.

Beschreiben Sie uns, was seit dem 11. März 2009 mit Ihnen geschah.

Er: Die ersten Tage war ich extrem gelähmt.

Wie lange?

Er: Bestimmt zwei Wochen. Dann habe ich wieder gearbeitet. Wir schickten unseren Sohn wieder in die Schule, ich wollte wieder so etwas wie Alltag. Wir wurden damals von einem Polizeibeamten betreut, der zu einem Kriseninterventionsteam gehörte und uns täglich besuchte.

Wie half er Ihnen?

Sie: Er strahlte absolute Ruhe aus und hat uns viel Raum gelassen, Fragen zu stellen.

Welche Fragen beschäftigten Sie?

Er: Wie unsere Tochter gestorben ist.

Warum sind diese Details so wichtig?

Sie: Man überlegt sich, was hat mein Kind durchgemacht? Hatte es noch Schmerzen, hatte es Todesangst? Man steigert sich rein, wenn man keine Erklärung bekommt. Unsere erste Notfallbetreuerin, eine Trauma-Therapeutin, erklärte uns, was in diesen Momenten mit Steffi geschah, sie hatte die medizinischen Berichte gelesen. Man will Klarheit, kein Blabla. Sie hat uns auch erklärt, was mit uns nach diesem Schock passiert. Man fragt sich ja manchmal, bin ich bescheuert? Man muss sich alles überlegen, selbst einfache Dinge, wie man den Tisch deckt beispielsweise.

Der Täter war tot. Empfanden Sie Hass auf ihn?

Er: Natürlich. Aber einen richtigen Zorn bekam ich erst im Lauf des Prozesses gegen den Vater des Amokläufers, der seinem Sohn den Zugang zu der Waffe ermöglicht hatte, aber nie wirklich zu seiner Verantwortung stand.

Sie: Es ist wichtig, dass jemand sagt, ich übernehme Verantwortung, so wie jetzt die Lufthansa und German Wings.

Ihr neunjähriger Sohn war Ihre Lebensverpflichtung?

Sie: Mehr noch, er war unsere Lebensrettung. Ich kann nicht sagen, wie wir reagiert hätten, hätten wir nur Steffi gehabt. Viele sagen, würde ich mein Kind verlieren, würde ich mich umbringen.

Mussten Sie gegen diesen Gedanken - ich will nicht mehr leben - ankämpfen?

Er: Man muss sich fragen, was hätte die eigene Tochter gewollt - hätte sie gewollt, dass ihre Eltern sich aufgeben?

Zwingt das zur Härte sich selbst gegenüber?

Sie: Auf jeden Fall. Das wäre ja die nächste Katastrophe gewesen, wenn unser Sohn auch noch seine Eltern verloren hätte. Er hat schon genug gelitten.

Er: Wir wurden immer wieder gefragt, wie viele Kinder haben Sie noch? Das klingt herzlos, irritierend. Aber es ist was dran. Du hast auch eine Verantwortung gegenüber deinem Kind, deinem Ehemann, deiner Familie.

Sie: Unsere Trauer ist ja zugleich eine große Last für das überlebende Kind. Wir wollten unseren Sohn bewusst nicht überbehüten.

Sind Sie dennoch als Eltern ängstlicher?

Sie: Ja, aber wir versuchen, es unseren Sohn nicht spüren zu lassen.

Er: Er ist jetzt 15, neulich kam er sehr spät nach Hause. Elf Uhr war abgemacht, auf dem Handy war er nicht zu erreichen. Ich war verzweifelt und wollte schon losfahren, um ihn zu suchen. Irgendwann gegen halb zwei rief er an: "Sorry, ich bin unterwegs." Da ging der Zorn mit mir durch. Gleichzeitig sind wir beide uns sehr nahe, wir drücken uns auch mal.

Sie: Ich bin eigentlich froh, dass er genau das Leben führt wie andere Jugendliche auch, dass er rausgeht und Freunde trifft.

Sind Sie noch traumatisiert?

Sie: Nein. Natürlich fällt man an manchen Tagen in ein Loch, beispielsweise an Steffis Geburtstag. Viele denken, nach sechs Jahren ist es vorbei. Aber es gibt Dinge, die gehen nie vorbei.

Können Sie heute trauern?

Sie: Ja. Der Schmerz kommt manchmal ganz überraschend, beispielsweise, wenn ich in der Stadt ein Mädchen sehe, das genau den gleichen Gang hat wie Stefanie.

Er: Wenn der Musikverein am Gedenktag das Lieblingslied unserer Tochter spielt, aus dem "König der Löwen", zieht mich das runter, aber es berührt mich auch, weil sie es speziell für Steffi spielen.

Was haben Sie mit Steffis Zimmer gemacht?

Er: Es ist noch genau so, wie sie es verlassen hat, die Decke liegt noch auf ihrem Bett. Im Bad liegen noch ihr Schminkzeug, ihre Haarbürste. Als ich mal aufräumen wollte, sind meiner Frau die Tränen gekommen. Mir war das gar nicht so bewusst, wie wichtig diese Dinge für sie sind.

Sie: Ich habe die Psychologin gefragt, ob das falsch ist, wenn ich das so lasse wie es ist? Andere haben die Zimmer ihrer Kinder doch längst ausgeräumt. Sie sagte mir: Daran ist gar nichts falsch, so lange Sie daraus keinen Schrein machen.

Er: Meine Frau wurde von ihrer Psychologin hervorragend begleitet.

Sie: Ja, du hingegen wolltest zu keinem Psychologen.

Er: Im Stuhlkreis mein Innerstes nach Außen zu kehren ist nicht mein Ding.

Viele Ehen scheitern nach solch einer Tragödie. Wie schafften Sie es?

Sie: Man muss dem anderen auch mal seine Freiheit lassen. Ich war am Anfang viel unterwegs. Du sagtest: "Geh nur."

Wie oft besuchen Sie Stefanies Grab?

Sie: Anfangs fast täglich, jetzt mehrmals wöchentlich. Ich finde dort Ruhe.

Er: Am 11. März, ihrem Todestag, lagen wieder viele Blumen dort. Abends traf ich Steffis Freundin, die mit ihrem Freund am Grab saß. Das freut einen.

Gibt es neben all dem Schlimmen auch etwas, was Sie heute als positiv ansehen?

Sie: Man regt sich nicht mehr über Nichtigkeiten auf. Und man ist froh über jede Freundschaft. Man hat ja auch Gutes erfahren von Menschen, die wir vorher nicht kannten.

Er: Du wirst durch das Entsetzen durchgetragen.

Sie: Ich hoffe für die Angehörigen der Absturzopfer, dass sie diese Unterstützung, die sie jetzt haben, noch ganz lange bekommen, denn sie haben noch ganz lang zu kämpfen.

Wie würden Sie das nennen, was Sie geschafft haben? Haben Sie den Tod von Stefanie verarbeitet?

Sie: Nein, wenn ich etwas verarbeite, dann ist es weg. Es ist aber nicht weg. Auch die Psychologin kann das nicht wegmachen, sie kann nur helfen, das Leben Schritt für Schritt wieder zu bewältigen. Das ist Schwerstarbeit.

Wie geht es Ihnen heute?

Sie: Schwankend. Es gibt keine unbefangene Freude mehr wie früher, aber Dankbarkeit für das, was früher selbstverständlich war. Beispielsweise, wenn wir beim Abendessen zusammen sitzen und mein Sohn erzählt und ich schaue ihn an und meinen Mann und denke, er ist gesund, und man ist einfach dankbar.

Er: Ich kann damit leben. Aber es ist immer noch bitter. Unsere Tochter wäre jetzt 22. Wir hatten alles, wir waren gesund, es hätte uns allenfalls eine Krankheit oder ein Unfall treffen können, mehr passte nicht in meine Vorstellungswelt. Erst recht kein Amoklauf.

Vor einigen Monaten bekamen Stefanies Eltern ein Paket von der Justizverwaltung. Darin Kleidungsstücke, die Stefanie am Tag ihres Todes getragen hatte. Sie hätte sie vernichten lassen können, sagt Doris Kleisch, aber das wollte sie nicht. Sie stellte das Paket in den Keller. Irgendwann, sagt sie, werde sie es öffnen.

Wie Angehörige mit dem Schmerz leben ...

Auszüge aus dem Buch gibt es im neuen stern - ab Donnerstag im Handel

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