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stern Crime

Kein fairer Kampf, sondern ein Verbrechen

New York 1983, Madison Square Garden: Zwei junge Männer stehen sich im Ring gegenüber, es ist der Boxkampf ihres Lebens. Doch einer wird im Gefängnis landen, der andere sterben.

Die Boxer Billy Collins jr. und Luis Resto

Der schwer gezeichnete Billy Collins jr. und Luis Resto nach dem Kampf im Madison Square Garden 1983. Rechts: Resto im Januar 2016. Er sagt, er habe Gott um Vergebung gebeten. Die Leute aus dem Gym, in dem er arbeitet, sagen, er sei kein Verbrecher, sondern "ein armer Hund".

Diese Reportage erschien zuerst unter dem Titel "Zerschlagen" in Crime, Nr. 6

Wer Luis Resto treffen will, muss nach New York fahren, in die Bronx, muss die Eisentür des Morris Park Boxing Gym öffnen, den Geruch von Männerschweiß hinnehmen und vorbei an einem großen, schweren Mann namens Aaron Davis. Davis ist der Besitzer des Boxklubs. Früher wog er weniger und war Weltmeister. Fragt man Davis, wo Resto sei, zeigt er nach hinten, dorthin, wo muskulöse Männer auf Sandsäcke einschlagen.

Luis Resto arbeitet und lebt in diesem Gym, er hat ein Zimmer im Keller. Jetzt sitzt er auf einer Holzbank am Rande der Trainingsfläche und rubbelt mit einem Penny ein Glückslos frei. Er trägt einen Kapuzenpullover mit der Aufschrift " Park Boxing Club". Er schaut hoch, er schaut auf sein Los. Dann sagt er: "Nichts gewonnen."

Herr Resto, ich möchte mit Ihnen über den 16. Juni 1983 sprechen. Er nickt. "Aber sag Luis."

Okay.

New York, 16. Juni 1983, eine unbestimmte Aufregung liegt über dem Madison Square Garden. Es ist die größte Boxveranstaltung in Amerika seit zehn Jahren. In den ersten Reihen sitzen Boxlegenden wie Muhammad Ali, um den Kampf zwischen Davey Moore und Roberto Durán zu verfolgen. Jetzt aber sind erst einmal die Vorkämpfer dran, Weltergewicht. Zwei junge Typen betreten den Ring. Minutenlanger Applaus.

Kämpfer Nummer eins ist Billy Collins, 21, ein Amerikaner mit irischen Wurzeln.

Kämpfer Nummer zwei ist Luis Resto, 27, Puerto Ricaner.

Collins kämpft erst seit 16 Monaten als Profi im Mittelgewicht, aber seine Bilanz liest sich wie der wahr gewordene Traum eines jeden Boxers. 14 , 14 Siege, elf durch K. o. Sein Promoter nennt ihn "die irische Goldmine". Collins ist das, was Amerikaner lieben. Ein gut aussehender Junge, der sich nach ganz oben kämpft.

Resto galt nach ein paar verlorenen Kämpfen schon als erledigt, aber sein Trainer Panama Lewis hat ihn zurückgeholt. Resto hat 30 Kämpfe geboxt, 20 Siege, acht Niederlagen, zwei Unentschieden. Sein großes Vorbild Roberto Durán steht nach ihm im Ring.

Für die beiden jungen Männer ist es das größte und prominenteste Publikum, das sie jemals hatten. 20.000 Menschen sitzen da unten, sie werden sich an den Namen des Siegers erinnern. It's a big moment.

Boxkampf Luis Resto und Billy Collins jr.

Ungleicher Kampf vor 20.000 Menschen: Billy Collins jr. (l.) und Luis Resto stehen sich im Juni 1983 im berühmten New Yorker Madison Square Garden im Boxring gegenüber.


Es riecht nach Bier und Popcorn, aber der Madison Square Garden ist ein Ort der Verheißung. Hier sang Marilyn Monroe "Happy Birthday, Mr. President!" für John F. Kennedy. Ali, "the Greatest", kämpfte im Garden, Hulk Hogan auch. John Lennon, Elvis Presley, Bob Dylan, Elton John, David Bowie und die Rolling Stones, sie alle haben hier gespielt.

Michael Buffer, heute der bekannteste Boxansager der Welt, ruft die Namen der Kämpfer und eröffnet den Ring. In den ersten drei Runden verteilt Collins ein paar starke Rechte. Aber Resto hält dagegen. Resto ist nicht, wie erwartet, schwächer als Collins.

"Daddy, es fühlt sich an, als habe er Steine in seinen Handschuhen!"

Nach Runde drei sagt Collins zu seinem Vater: "Dad, er ist stärker, als ich dachte, viel stärker!"

Billy Collins senior liebt seinen Sohn über alles. Sie tragen nicht nur denselben Namen, Collins junior sieht auch aus wie sein Abziehbild. Der gleiche blasse Teint, die gleichen roten Haare. Es scheint, als läge zwischen ihnen nur die Zeit. Collins senior war selbst mal ein guter Boxer, aber für den Durchbruch hat es nicht gereicht.

Er trainiert seinen Sohn seit zehn Jahren, er ist mit ihm stundenlang durch Nashville gejoggt, er hat ihm beigebracht, wie man einen Gegner besiegen kann. Collins junior war ein gelehriger Schüler. Nie hat er verloren. Vor dem Kampf hat der Junior seinem Vater versprochen, dass er reich und berühmt werden wird. Und wenn ich ein großer Boxer bin, Dad, dann kaufe ich dir und Mom ein Haus.

Nach Runde fünf sagt Collins zu seinem Vater: "Daddy, es fühlt sich an, als habe er Steine in seinen Handschuhen!"

Mit jeder Runde, die nun folgt, werden Collins' Verletzungen schwerer. Er bekommt harte Schläge auf Wangen, Kinn und Stirn. In den Pausen zwischen den Runden rät ihm sein Vater, das Handtuch zu werfen, aber Collins weigert sich. Er will weiterkämpfen, er gibt nicht auf. Nicht so, nicht freiwillig.

Die Runden neun und zehn sind für die Zuschauer nur noch schwer mit anzusehen. Collins taumelt durch den Ring. Resto schlägt auf ihn ein wie auf einen Sandsack. Collins wankt, aber er fällt nicht.

Nach zehn Runden wird Resto zum Sieger nach Punkten erklärt. Collins steht daneben und starrt ins Leere. Später wird er sagen, dass er sich an das Ende des Kampfes nicht erinnern kann. Sein Körper schmerzt wie eine offene Wunde. Sein Gesicht ist zugeschwollen.

Billy Collins' Vater

"Daddy, es fühlt sich an, als habe er Steine in den Handschuhen!" Collin's Vater (im grünen T-Shirt) ahnt, dass etwas nicht stimmt.


Collins' Vater hat einen Verdacht. Als Resto auf seinen Sohn zugeht, um ihm den Judaskuss zu geben, greift Collins senior an Restos Handschuhe, hält sie fest. Er spürt Finger, Knöchel, alles ist hart. Er schreit: "Die Handschuhe! Es ist etwas mit den Handschuhen! Es ist etwas mit den Handschuhen! Inspektor! Inspektor! Die Polsterung ist aus den verdammten Handschuhen raus!" Resto weicht zurück, Panik im Gesicht. Sofort kommt sein Trainer Panama Lewis angelaufen. Ein Tumult entsteht, Lewis schreit: "Das sind die Handschuhe, die sie uns gegeben haben! Es ist alles in Ordnung!" Aber von diesem Moment an ist nichts mehr in Ordnung.

Ein Kopf wie eine Wassermelone, Augen wie matschige Pflaumen

Der Ringrichter des Kampfes ist Tony Perez. Er geht mit Luis Resto und Panama Lewis in den Umkleideraum und zwingt sie, die Handschuhe zu übergeben. Er fühlt sofort, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Collins junior wird zum Arzt gebracht. Resto fragt Lewis, was los sei. Der antwortet nur: "Nichts ist los. Die wollen mich an die Wand nageln, weil ich so viel Erfolg habe."

Seit dem späten 19. Jahrhundert wird im Profiboxen mit gepolsterten Handschuhen gekämpft. Während man früher mit Rosshaar polsterte, nimmt man heute vor allem Schaumstoff. Schon vor 1983 gab es Fälle, in denen Boxhandschuhe manipuliert wurden. Aber nie waren die Folgen so dramatisch wie im Kampf zwischen Collins und Resto.

Am nächsten Tag besucht ein Sportfotograf Billy Collins junior im Hotelzimmer. Auf dem Foto, das an jenem Tag entsteht, sieht Collins' Kopf aus wie eine Wassermelone, seine Augen erinnern an matschige Pflaumen. Später wird der Fotograf gefragt, warum er Collins mit geschlossenen Augen fotografiert habe. Da antwortete er: "Seine Augen waren geöffnet."

Der Arzt, der Collins nach dem Kampf untersucht, sagt, man müsse abwarten, bis die Schwellung abgeklungen sei. Als es so weit ist, stellen die Ärzte eine irreversible Schädigung des Sehnervs und der Iris im rechten Auge fest. Sie sagen, Billy Collins werde vielleicht nie wieder boxen können, vielleicht sogar auf dem rechten Auge erblinden. Er sieht nun die Welt wie durch eine Fensterscheibe voller Wassertropfen.

Trainer Panama Lewis und Boxer Luis Resto

Trainer Panama Lewis (M.) und Resto beraten sich 1985 mit einem Anwalt. Beide werden zu Haftstrafen verurteilt.


Die New York State Athletic Commission stellt fest, was Collins senior schon geahnt hat: Die Handschuhe waren manipuliert. Die Hälfte des Innenfutters aus Pferdehaaren ist durch zwei Löcher entfernt worden. Pro Handschuh etwa eine Unze Gewicht. Der Kampf wird für ungültig erklärt. Es gibt eine Anhörung, und am Ende erhält Resto ein lebenslanges Boxverbot für die Vereinigten Staaten. 18 Tage nach dem Fight im Madison Square Garden ist seine Boxerkarriere für immer vorbei. Auch Panama Lewis erhält eine lebenslange Sperre. Er darf Boxer zwar noch trainieren, aber bei Wettkämpfen nicht in der Kabine oder der Ringecke sein.

Collins fährt betrunken in den Tod

Billy Collins junior kann nicht verkraften, was geschehen ist. Er fängt an zu trinken, schreit seine Frau an, seinen Vater, seine Mutter, seine Geschwister, seine Freunde. Versucht ihn jemand zu beruhigen, sagt er, dass er ein Krüppel sei und niemand ihn verstehe. Sein Arzt rät ihm, zu einem Psychologen zu gehen, aber Collins' Therapeut ist der Schnaps.

Meistens sitzt er irgendwo und trinkt, wirkt weggetreten, depressiv. Seine Familie macht sich Sorgen, seine Frau hält das Geschrei nicht mehr aus. Einmal kommt sie nach Hause, da zerschlägt er die Möbel ihres Apartments. Sie sagt heute: "Ich habe ihn immer noch geliebt. Aber das war nicht mehr Billy! Das war nicht der Mann, den ich kannte." Sie verlässt ihn mit der Tochter und verlangt die Scheidung.

Neun Monate nach dem Kampf, am 6. März 1984, ist Collins bei seinen Eltern. Es kommt zum Streit. An diesem Tag hat er endgültig erfahren, dass er nie wieder boxen kann. Seine Sehkraft ist zu schlecht. Er ist 22 Jahre alt und Rentner.

Collins hat sich betrunken, trotzdem will er noch mit dem Auto nach Hause fahren. Sein Vater nimmt ihm den Schlüssel weg. Collins schreit ihn an. Ein Freund von Collins verspricht zu fahren, der Vater gibt dem Freund den Schlüssel.

Doch unterwegs verlangt Collins, die Plätze zu tauschen. Er will fahren. Keine Meile vom Elternhaus entfernt stürzt der schwarze Oldsmobile Cutlass von einer Brücke in einen ausgetrockneten Flusslauf und überschlägt sich. Der Freund auf dem Beifahrersitz bleibt unverletzt. Später wird er sagen, dass Billy Collins gerufen hat: "Ich werde uns töten!"

Einer von Billys Brüdern ist wenig später auf dem Heimweg, hört Polizeisirenen und folgt den Streifenwagen zur Unglücksstelle. Dort sieht er Billys Auto. Er fährt zu seinem Elternhaus, weckt den Vater, sagt, dass Billy einen Unfall hatte.

"Bring ihn ins Krankenhaus!", schreit der Vater.

"Dad, das geht nicht."

"Warum?"

"Er ist tot."

In den Morgenstunden des 7. März 1984 wird Billy Collins in einem Leichenwagen abtransportiert. Das Autowrack liegt noch heute in dem ausgetrockneten Flusslauf, der schon von jeher "Collins Creek" heißt, als gäbe es doch eine Vorsehung.

Auf der Beerdigung liest Collins' älteste Schwester ein Gedicht vor. "This man I know who is filled so with pride of hundred men/To be broken and mistreated, he will never go down as a loser." Auch sein Vater sagt, dass Collins ein Sieger sei und ungeschlagen. Er sagt: "Mein Sohn starb in Nashville, hier ist er auch beerdigt. Aber umgebracht wurde er in New York City." Auf seinen Grabstein schreiben sie: "Irish Billy Collins. A great fighter."

Restos Hände als "Waffe"

Im Sommer 1986 beginnt der Prozess gegen Luis Resto und Panama Lewis. Beide streiten ab, die Handschuhe manipuliert zu haben. Lewis sagt, er habe keine Ahnung, wer das getan habe. Nicht nur das Gericht glaubt ihm nicht. Bereits sieben Wochen vor dem Kampf im Madison Square Garden gab es Hinweise darauf, dass Panama Lewis einem seiner Boxer ein Dopingmittel im Trinkwasser verabreicht hat.

Im August wird Resto wegen schwerer Körperverletzung, Betrug und kriminellen Einsatzes einer Waffe zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt. Als "Waffe" definiert der Richter Restos Hände. Panama Lewis wird zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. Obwohl sie ihm die Tat nicht eindeutig nachweisen können, halten sie ihn für den Kopf hinter dem Verbrechen. Lewis ist der Mann mit dem größten Motiv, er wollte, dass Resto gewinnt. Zudem hat er Verbindungen ins Drogenmilieu. Die Polizei vermutet, dass Kokainbosse Geld auf Restos Sieg setzten. Und Lewis sollte dafür sorgen, dass Resto gewinnt. Panama streitet das ab, Beweise fehlen. Aber es gab vor dem Kampf ein Treffen in einem New Yorker Café mit einem Kokainboss. Der Kokainboss soll zu Panama gesagt haben: "Kümmere dich darum, dass Resto gewinnt." Panama Lewis möchte darüber heute nicht mehr reden. Er sagt, er sei unschuldig.

Auch die Collins wollen über die Nacht von 1983 und das, was danach geschah, nicht mehr sprechen. Nachbarn aus Nashville erzählen über die Collins, dass sie "broken" seien, kaputt. Der Kampf vom 16. Juni 1983 ist das Trauma der Familie, das Unheil der Mutter und der drei Geschwister. Und der Vater hatte seinen Sohn in den Kampf begleitet, der ihn zerstörte.

Collins senior war immer stolz darauf, dass sein Sohn ein Boxer war wie er selbst. Aber wäre er auch ein Boxer geworden ohne den Vater? Würde er dann noch leben? Und warum konnte Billy Collins senior sein Kind nicht schützen?

Irgendwann gaben die Collins auf zu klagen

Die Collins sind sich bis heute sicher, dass der Tod ihres Sohns kein Unfall war, sondern ein Selbstmord. Billy konnte nicht mehr boxen, und ohne das Boxen wollte er nicht mehr leben. Erst waren sie unendlich traurig, dann wurden sie wütend. Es reichte ihnen nicht, dass Panama Lewis und Luis Resto im Gefängnis saßen. Sie klagten weiter.

Gegen Lewis. Gegen Resto. Gegen Top Rank Boxing, Restos Promoter. Gegen die Boxinspektoren. Gegen Everlast, den Hersteller der Boxhandschuhe. Zuletzt gegen die New York State Athletic Commission, mit der Begründung, sie hätten es nicht geschafft, Resto zu schützen. Es hat alles nichts genützt.

Zehn Jahre lang kämpften die Collins. Wer ihre Schriftsätze liest, spürt, wie sie irgendwann aufgaben. 1994 wurde ihre letzte Klage abgewiesen. Damit verstummten sie.

Dabei war alles noch viel schlimmer, als sie dachten. 2008 gab Resto in einem Interview nicht nur zu, dass er von den manipulierten Handschuhen gewusst habe. Die Bandagen unter den Handschuhen waren mit Gips getränkt, was die Härte seiner Schläge noch zusätzlich erhöht hatte. "Es fühlt sich an, als habe er Steine in den Handschuhen": Billy Collins junior hatte gar nicht falschgelegen.

Luis Resto

Luis Resto heute. Die goldenen Handschuhe um seinen Hals stammen aus besseren Zeiten.

New York, Anfang 2016. Aaron Davis lässt Resto seit Jahren mietfrei im Keller des Gym wohnen. Dafür arbeitet Resto als Hausmeister und Reinigungskraft. Er putzt die Toiletten und Umkleiden, macht Reparaturen, schließt morgens auf und abends ab.

Unten im Keller hat er gegenüber den Toiletten einen kleinen, feuchten Raum mit Couch, viel Gerümpel und einem Fernseher. Er geht nicht mehr aus. Im vergangenen Jahr wurde er 60, seine Kollegen aus dem Gym schenkten ihm eine Schokotorte aus dem Supermarkt und sangen "Happy Birthday". Dann sagte er ihnen: "Es reicht, haut ab", schloss die Tür des Gyms zu und ging nach unten, um fernzusehen.

Nach dem Gefängnis fing Resto an zu saufen

Etwa 20 Meter vom Gym entfernt liegt ein kleiner Laden und daneben eine Pizzeria, wo es das Stück Margherita für einen Dollar gibt. "Ich gehe nur vom Gym bis dahin und wieder zurück", sagt Resto. Er kauft sich ein Stück Pizza, einen Kaffee, ab und an ein Glückslos.

Er hat versucht, seine Boxgenehmigung zurückzubekommen. Sein Antrag wurde abgelehnt. Er wollte als Cornerman arbeiten, aber auch dafür bekam er keine Genehmigung. An seinem Namen klebt Schmutz. Er könnte es noch mal versuchen, aber Papierkram war noch nie sein Ding. Resto kann nicht gut lesen und schreiben. Als er neun Jahre alt war, kam er mit seiner Mutter und seinen fünf Geschwistern nach New York in die Bronx. Die Mutter wollte, dass ihre Kinder bessere Chancen haben als in Puerto Rico.

Er flog von der Schule, da war er 14 Jahre alt. Die Mathe-Lehrerin hatte ihn beschuldigt, dass er zu laut gewesen sei. Er sagte, er sei es nicht gewesen. Die Lehrerin glaubte ihm nicht, zog ihn am Ohr, da rammte er ihr seinen Ellbogen ins Gesicht.

Resto versuchte zu fliehen, aber vor der Schule warteten schon zwei Polizeiautos. Die Polizisten nahmen ihn fest, sie verhörten ihn, dann brachten sie ihn ins Krankenhaus. Er kam sechs Monate in eine Einrichtung für psychisch kranke Jugendliche. Als er wieder draußen war, meldete ihn sein Onkel in einem Boxgym in der Bronx an. Von da an hat Resto nie mehr etwas anderes getan.

Sein Vorbild, erzählt er, war schon damals der Boxer Roberto Durán aus Panama. Man nannte Durán "Mano de Piedra", die steinerne Hand, weil er angeblich mit 14 ein Pferd mit einem Schlag k. o. geschlagen hatte. Durán hat Al Pacino zur Rolle des Tony Montana in "Scarface" inspiriert. So wie Durán, stark und mächtig, wollte Resto immer sein.

1975 und 1976 gewann Resto die Golden Gloves, Amerikas wichtigste Amateur-Trophäe. Noch heute trägt er die goldenen Handschuhe um seinen Hals. Einmal bot ihm jemand 1000 Dollar dafür. Er antwortete: "Diese Kette ist alles, was ich noch habe."

Nach dem Gefängnis fing Resto an zu saufen. Am liebsten Whiskey und Wodka Soda, aber letztendlich trank er alles, was flüssig war und genügend Prozente hatte. Wenn er irgendwo ein bisschen Geld auftreiben konnte, kaufte er sich eine Tüte weißes Pulver dazu, das er sich durch die Nase zog und das ihm für ein paar Stunden vorgaukelte, dass selbst ihm armen Hund noch etwas Glück zustand in dieser beschissenen Welt.

Er wäre gestorben, hätte er nicht, so erzählt es Resto, einen alten Mann getroffen, der ihn im Nacken packte, tief in seine Augen sah und sagte: "Junge, du wirst dich zu Tode saufen. Hör auf damit!" Heute sagt er: "God was behind me!"

Aaron Davis sagt, die meisten aus der Bronx würden hier niemals rauskommen. Resto habe es zumindest versucht. Aber ist es nicht tragisch, wie er heute lebt? "Nein", sagt Davis, "das ist das Leben in der Bronx."

Nur sehr selten redet Resto von etwas anderem als vom Boxen. Fragt man ihn nach seiner Familie, wird er still. Resto hat zwei Söhne mit einer Frau, die er 1974 kennenlernte, mit der er aber nie verheiratet war. Das letzte Mal besuchte er seine Söhne in Virginia vor drei Jahren. Sein jüngstes Enkelkind hat er noch nie gesehen. Vor ein paar Jahren boten ihm seine Söhne an, er könne zu ihnen ziehen. Resto hat es ausprobiert, aber es hat ihm nicht gefallen. Sein ganzes Leben hat sich immer nur ums Boxen gedreht. Das Boxen hat ihn zerstört und ihm doch Halt gegeben. Er fuhr mit dem Bus zurück und fragte Davis, ob er wieder der Hausmeister sein dürfe. Davis sagte: "Ja."

Wenn man seine beiden Söhne fragt, ob Luis Resto ein guter Vater war, dann sagen sie: "Nein." Wenn man Luis Resto fragt, ob er ein guter Mensch war, dann sagt er: "Nein." Nur wenn man ihn fragt, ob er ein guter Boxer war, dann sagt er: "Ja. Ich hätte Weltmeister werden können."

Das ist es, was ihn bis heute aufrecht hält. Die Erinnerung an eine Hoffnung auf ein Leben, das unter anderen Umständen vielleicht möglich gewesen wäre. Aber alles, was Luis Resto hätte werden können, hat er zerstört in jener schmutzigen Nacht im Juni 1983.

"Ich bin Boxer. Ich habe nur gemacht, was ich machen sollte: boxen!"

Es ist Samstagabend, Resto ist allein im Gym. Er hat aufgeräumt und geputzt. An der Decke über ihm ist ein Wasserschaden, um den er sich noch kümmern muss, durch ein kaputtes Rohr tropft es. Aber vorher möchte er noch etwas zeigen. Er öffnet eine Holzkiste, die im Gym steht. Dort verstaut er persönliche Sachen, die nicht mehr in sein Kellerzimmer passen. In einem Sportschuhkarton sammelt Resto alte Fotos und Zeitungsausschnitte über sein Leben. Sie sind vergilbt, aber für Resto scheinen sie golden zu sein. Er erzählt von seinen ersten Kämpfen, zeigt Familienfotos. Er findet seine alte Boxlizenz von der State Athletic Commission. Minutenlang sitzt er da und schaut sie an.

Boxtrainer Panama Lewis

Panama Lewis in Las Vegas. Der Trainer ist heute 70 und lebt in Miami. Er hat sich nie bei Resto gemeldet.


Wer trägt die Schuld an dem Verbrechen, Luis?

"Panama."

Und du?

"Ich bin Boxer. Ich habe nur gemacht, was ich machen sollte: boxen!"

Du hast Collins schlimm verletzt.

"Aber nicht absichtlich."

Wusstest du, dass die Handschuhe präpariert waren?

"Ja, ich habe gesehen, dass Panama vorher etwas auf dem Klo gemacht hat."

Was hat er denn genau gemacht?

"Ich weiß es nicht."

Warum hast du ihn nicht gefragt?

"Ich habe ihn gefragt."

Was hat er gesagt?

"Er sagte, es ist alles gut. Ich möchte nur, dass du gewinnst."

Haben sich die Handschuhe anders angefühlt?

"Ein bisschen."

Du hast Panama vertraut?

"Ja. Ich habe ihm vertraut."

Du hast vor Gericht gesagt, du hättest es nicht gewusst.

"Das war gelogen."

Warum sagst du über ein Vierteljahrhundert später plötzlich die Wahrheit?

"Weil es nicht auszuhalten ist zu lügen. Und weil ich unschuldig bin."

Aber deine Hände waren eingegipst.

"Ja. Die Bandagen waren eingegipst. Es war Wasser und Gips drum."

Und das Wasser in den Pausen?

"Da war auch manchmal was drin."

Was denn?

"Ich weiß es nicht, irgendwas, damit man wacher ist."

Doping?

"Ja, irgendwas."

Hatte Panama Kontakte zu Kokaindealern?

"Er hatte immer Kokain, ja. Er hatte auch Kontakte."

Wer trägt die Schuld an Collins' Tod?

"Ich nicht."

Wer dann?

"Ich habe ihn nicht umgebracht."

Aber er ist an den Folgen des Kampfes gestorben.

"Er hatte einen Unfall."

Weil er nicht mehr kämpfen konnte. Sein Leben war zerstört.

"Es war ein Unglück. Es war nicht meine Schuld. Ich habe nur gekämpft."

Resto stammelt die Worte jetzt wie ein Mantra.

"Ich bin nicht schuld. Ich habe nur gekämpft. Ich wollte mich bei den Eltern von Collins entschuldigen, aber sie haben mich weggejagt. Das mit den Handschuhen muss Panama gewesen sein. Ja, Panama."

Resto?

"Nichtschuldpanama."

Sieht man ihn so dasitzen, diesen alten, gebeutelten Mann, dann fällt es einem schwer zu glauben, dass es Restos Idee gewesen sein könnte, die Handschuhe zu präparieren. Resto hat in seinem Leben nur im Ring gekämpft, außerhalb ist er schwach. Vermutlich hat er sich nicht dagegen gewehrt, als er mitbekam, dass sein Trainer die Handschuhe auf der Toilette präparierte. Vermutlich hat er nichts gesagt, als sie ihm die Bandagen eingipsten. Vermutlich war es wie mit dem Doping im Wasser: Er wusste davon, dass Panama Lewis etwas reingetan hatte, aber er schluckte es trotzdem. Das Leben hat dem Einwandererkind Luis Resto nicht viele Chancen geboten. Das Boxen schien ihm die einzige zu sein. Vielleicht wollte Resto auch deshalb die Möglichkeiten, die ihm Lewis anbot, um jeden Preis annehmen. Vielleicht hat er deshalb so lange geschwiegen.

Resto geht jetzt nach unten in den Keller in sein Zimmer, aber etwas lässt ihm keine Ruhe. Er setzt sich hin, er steht wieder auf. Er kramt in einem Pappkarton, bis er ein schweres Eisenschloss in den Händen hält. Er geht wieder nach oben. Er befestigt das Schloss am Deckel der Truhe mit seinen Erinnerungen. Dann stellt er sich vor die Kiste und schweigt. Es ist jetzt ganz still in dem Gym, nur das Tropfen des Wassers, das durch die Decke drängt und auf dem Fußboden aufschlägt, ist zu hören.

Resto fällt auf die Knie.

Er sagte, er trage keine Schuld an dem Tod von Billy Collins, aber er vergräbt seinen Kopf in seinen Händen. Er wimmert.

Januar 2016, Luis Resto weint.

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