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Die Details seiner Tat auf Korfu - und wie er nach Deutschland kam

Schon 2013 wurde Hussein K. auf Korfu wegen versuchten Mordes verurteilt. Nach zwei Jahren wurde er aus der Haft entlassen – dann flüchtete er nach Deutschland. Das ermöglichte nach stern-Recherchen ein neues Gesetz der griechischen Regierung.

Von Ferry Batzoglou und Raphael Geiger, Korfu

Hussein K.

Hussein K. in Deutschland, eines seiner vielen Selfies auf Facebook

Für , den mutmaßlichen Mörder der Freiburger Studentin Maria L., begann im Frühsommer 2015 ein neues Leben in Freiheit. Eigentlich hätte der angebliche Afghane zehn Jahre in einem Gefängnis für Jugendliche in einer griechischen Provinzstadt verbringen sollen, aber aufgrund eines neuen Gesetzes kam er nach rund zwei Jahren wieder frei.

neue Regierung unter Premier Alexis Tsipras hatte das Gesetz Nummer 4322/2015 schnell nach ihrem Amtsantritt auf den Weg gebracht. Ab April 2015 sollten mehr als 2000 Häftlinge aus den griechischen Gefängnissen entlassen werden, vor allem Minderjährige, Ausländer und Behinderte. Die überfüllten Haftanstalten sollten so entlastet werden.

Der stern erfuhr Anfang dieser Woche, dass Hussein K. schon im Sommer 2013 auf der Insel Korfu straffällig geworden war. Damals stürzte er eine Studentin über eine Klippe, die Frau überlebte den zehn Meter tiefen Sturz mit viel Glück. Das Jugendgericht Korfu verurteilte K. wegen versuchten Mordes.

Nach der Tat ging Hussein K. erst mal baden

An diesem Mittwoch erfahren die Menschen auf , dass der Täter von damals womöglich auch der Täter von Freiburg sein könnte. Der leitenden Staatsanwältin der Insel sieht man an, dass sie von der Nachricht schockiert ist. Ihr wurde K. damals, am Tag nach der Tat, vorgeführt. "Ein ganz schmächtiger Junge mit einem fahlen Gesicht", erinnert sie sich. Wie schade um ihn, habe sie spontan gedacht.

"Ich wusste nicht, was ich tue", sagte Hussein K. später vor Gericht. "Ich wollte sie nicht werfen."

Im 15-seitigen Urteil vom 12. Februar 2014, das dem vorliegt, ist K.s Schilderung der Tatnacht im Detail dokumentiert. Er sei ziellos mit einer Flasche Wein durch die Gassen von Korfu-Stadt gelaufen, ehe er gegen zwei Uhr auf die 20-jährige Geschichtsstudentin Spiridoula C. traf. Er habe sie nicht über die Klippe stürzen wollen, beteuerte er, "nur zur Seite schubsen, um an ihr vorbeizukomme". Danach sei er im Meer baden gegangen.

Opfer widerspricht der Darstellung von Hussein K.

Als Spiridoula C. bei der Hussein K. identifizierte, schaute der sie mit einem drohenden Blick an, erinnerte sich C. vor Gericht. Sie beschrieb die Nacht anders als er: Auf einmal sei K. vor ihr aufgetaucht, sie habe Angst bekommen. "Er griff nach mir", erzählte die Studentin, "er schlug auf mich ein und warf mich zu Boden. Er zog an meiner Tasche. Als ich nach der Tasche griff, schlug er mir ins Gesicht. Ich begann zu schreien. Ich suchte Halt an dem Geländer, er riss mich aber los und schubste mich darüber."

Offenbar überlebte Spiridoula C. den Sturz nur, weil sie vom Gebüsch an der Felswand abgefedert wurde, und weil sie auf einem kleinen Streifen Sand landete. Außerdem prallte sie nicht mit dem Kopf auf - das rettete ihr das Leben. 17 Tage lag sie im Krankenhaus, sie musste sich drei Operationen unterziehen. In Korfu erinnern sich die Menschen noch heute an die Tat. Korfus Polizeisprecher sagte dem stern, sie sei "in ihrer Wildheit einmalig" gewesen.

Griechische Behörden wussten nichts von Flucht nach Deutschland

Vielleicht auch deshalb fiel das Urteil hart aus. Weil K. angab, dass er bei der Tat erst 17 Jahre alt gewesen sei, und weil ein DNA-Test kein eindeutiges Ergebnis brachte, mussten die Richter ihn nach Jugendstrafrecht verurteilen - zehn Jahre sind demnach schon fast das Höchstmaß. Die Anwältin von K. ging gegen das Urteil in Berufung, die Verhandlung darüber steht bis heute aus.

K. verbrachte seine Haft im Jugendgefängnis von Volos in Zentralgriechenland. Wie der stern aus Polizeikreisen erfuhr, wurde er dort am 31. Oktober 2015 entlassen. Danach sollte er sich regelmäßig bei der Polizei an seinem neuen Wohnort Athen melden. Dagegen verstieß er aber schon bald. Bei der Polizei erschien er nur ein einziges Mal. Die fahndete seither nach K., ohne von seiner Flucht nach Deutschland zu ahnen. In Griechenland käme er sofort wieder ins Gefängnis.

Hussein K. ist mindestens 20 Jahre alt

Schon wenige Tage nach seiner Entlassung machte sich K. über den Balkan auf den Weg nach Norden. Es war die Zeit der offenen Grenzen, hunderttausende Flüchtlinge waren damals auf dieser Route unterwegs.

Im November 2015 kam K. in Deutschland an. Hier behauptete er erneut, er sei minderjährig, was eindeutig seiner Aussage vor dem griechischen Gericht im Februar 2014 widerspricht. Laut Urteil sagte er damals: "Vor zehn bis zwölf Tagen habe ich mein 18. Lebensjahr vollendet." Demnach wäre er 1996 geboren und heute 20 Jahre alt.

Griechenland hatte Hussein K. schon früh nach seiner Tat auf Korfu eine zweite Chance gegeben. In Freiburg könnte sie mutmaßlich in einer Tragödie geendet sein.

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