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Der Fall Gina-Lisa ist abgeschlossen - aber Fragen bleiben

Das Revisionsgericht hat den Schuldspruch gegen Gina-Lisa Lohfink wegen Falschverdächtigung bestätigt. Fragen aber bleiben - auch darüber, was ein Richter so alles von sich lassen darf.

Von Sylvia Margret Steinitz

Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink am Freitag vor Gericht

Anfangs sieht alles nach dem ordentlichen Abschluss eines jahrelangen Verfahrens aus: ein ruhig auftretender Richter, ernste Gesichter, würdevolle Atmosphäre. Es gibt keine Schreiszenen am 10. Februar, dem Tag der Revision in der Strafsache , keine Fernsehteams im Gang vor dem Gerichtssaal, keine Sprechchöre – Szenen wie sie während des Verfahrens am Amtsgericht Berlin dazu gehörten, wurden durch eine Reihe von Anordnungen unterbunden.

Doch spätestens, als der Vorsitzende Richter Ralf Fischer die Entscheidung des Senats bekannt gibt, ändert sich die Atmosphäre. Der Revisionsantrag wird verworfen. Die Verurteilung Lohfinks zu einer Geldstrafe wegen falscher Verdächtigung zweier Männer bleibt aufrecht, einzig die Höhe der Strafe soll neu bestimmt werden. Es folgt die Begründung: Einzelne Punkte des mehr als 50 Seiten umfassenden Antrags der Verteidigung erklärt der Richter für verfahrensfremd oder unlogisch und lässt wahlweise Zweifel an der Kompetenz und am Charakter des Anwalts laut werden – Zweifel, in die er dessen Mandantin mit einbezieht: Warum sie denn überhaupt zur Hauptverhandlung erschienen sei, wenn sie das alles doch so belastet habe, fragt er Gina-Lisa Lohfink. Ob ihr Anwalt denn nicht gesagt habe, dass sie gar nicht erscheinen müsste. Ob dieser dies aus Unkenntnis verschwiegen habe oder aus Eigennutz, um Werbung für seine Kanzlei zu machen. Hüsteln und verhaltenes Gekicher im Publikum, Lohfink und ihr Anwalt wirken wie zu Eis erstarrt.

Abrechnung mit "Team Gina-Lisa"

Der Richter sagt an diesem Tag viele Dinge, die unwidersprochen bleiben, weil er das alleinige Wort hat und alles, was er sagt, so geschliffen und schlüssig klingt. Er nützt diesen Umstand auch weidlich – für eine Abrechnung mit Lohfink, ihrem Anwalt und dem "Team Gina-Lisa", jenen Unterstützerinnen, die die Stirn besitzen, sich ihren eigenen Reim auf den Fall zu machen und vor allem den Strafbefehl wegen zu kritisieren.

Ja, die Verteidigung hätte bei dem Verfahren vor dem Amtsgericht im Vorjahr die Entbindung ihrer Mandantin von der Anwesenheitspflicht beantragen können. Sie selbst sagte jedoch mehrfach: "Ich will für mich einstehen, ich will da durch, egal, wie schlimm es wird." Für die Zeugenbefragung der beiden , die Lohfink falsch verdächtigt haben soll, wurden allerdings entsprechende Anträge gestellt und bewilligt, die Lohfink von der Anwesenheit vor Gericht befreiten, "das schaffe ich nicht." Aber dieses Detail zu erwähnen, hätte dem Richter wohl seine Pointe ruiniert.

Es bleiben Fragen

Ich habe es schon öfter geschrieben, aber bitte, hier noch einmal: Es kann bis heute nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass Gina-Lisa Lohfink unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen stand. Das Gutachten hierzu ist erstaunlich kurz und wurde – das ist einer meiner Hauptkritikpunkte in Bezug auf die Verteidigung – nicht ernsthaft genug hinterfragt. Inwiefern die Verabreichung von Alkohol Lohfinks Urteilskraft beeinträchtigte, wurde komplett beiseite gewischt. Wer säuft, ist offenbar selbst schuld an allem, was folgt. Interessanterweise wurde auch der Zeugenaussage eines der Männer, wonach dieser beobachtet haben will, wie der andere, Sebastian Castillo , Frau Lohfink Drogen gegeben hätte, keine Bedeutung beigemessen, ebensowenig wie die Schilderungen von gleich zwei Frauen, die angeben mit Pinto ähnliches erlebt zu haben wie Lohfink.

Dann gibt es noch die Tatsache, dass die Hausdurchsuchung bei den beiden Männern geschlagene vier Wochen auf sich warten ließ – ob die sichergestellten Videos tatsächlich das ganze in jener Nacht aufgenommene Material ausmachen, besonders ab dem Zeitpunkt, an dem der erste der beiden Männer die Wohnung verlassen hatte, werden wir nie erfahren. Die Interpretation dessen, was Lohfink meinte, als sie im Video "Nein, nein!" sagte, ist strittig, auch, ob sie in ihrem beeinträchtigten Zustand überhaupt bemerkte, wer sich da gerade an ihrem Körper zu schaffen machte – ihr neuer Bekannter oder der andere. Lohfink sagt, mit Bekanntwerden der Details jener Nacht, an die sie sich anfangs nur bruchstückhaft zu erinnern meinte, habe sich in der Retrospektive ein Bild ergeben, das für sie nur einen Schluss zuließ: Das war eine Gewalterfahrung. Worauf sie zur Polizei ging.

Nein, die Beweise dafür, dass Gina-Lisa Lohfink bewusst gelogen hat, sind längst nicht so erdrückend, wie der Vorsitzende Richter behauptet. Doch wie sagt man so schön: Die Geschichtsbücher werden von denen geschrieben, die den Krieg gewonnen haben.

Gericht beklagt "Showprogramm"

Was dem Richter offenbar besonders sauer aufstößt, weil er es in gefühlt jedem zweiten Satz erwähnt: die "Show" für die Medienvertreter während des Prozesses vor dem . Man darf Lohfinks Verteidiger einiges vorwerfen. Doch den Medienrummel, das Gerangel um das beste Statement, die exklusiven Bilder, noch nicht abgedeckte Details haben schon wir Journalisten selbst zu verantworten. Dass wesentliche Teile des vom Gericht beklagten "Showprogramms", das während des Prozesses in den Gerichtsgängen lief, gar nicht der Anwalt, sondern Lohfinks Manager Helmut Werner inszenierte, sei hier nur am Rande erwähnt. Aber wenn das Gericht von dem Rummel so genervt war, warum gab es dann keine Anordnungen, die etwas Ordnung in das Chaos gebracht hätten? Bei der Revisionsverhandlung ging's ja auch. War das Gericht etwa gewillt, dem ganzen Zirkus bewusst seinen Lauf zu lassen – und wenn ja, zu welchem Zweck?

Richter macht Stimmung gegen Anwalt und Medien

Vom ersten Verhandlungstag an wurde gegen Burkhard Benecken Stimmung gemacht: Es gebe Anhaltspunkte, behauptete die Gerichtssprecherin, wonach er drei Störenfriede, die den Verhandlungstermin sprengten, selbst ins Gericht bestellt habe. Das ist nachweislich falsch. In ähnlicher Tonart ging es weiter, die giftige Saat fiel bei manchen Kollegen auf fruchtbaren Boden. Auch der stern wird während der Revisionsverhandlung mit Dreck beworfen. In einem Gleichnis – angeblich zum Zwecke der Illustration eines falschen Gedankengangs des Strafverteidigers – zeichnet der Richter das fiktive Bild von Anwalt Benecken, der eine stern-Reporterin ersticht, weil diese ihm "nicht genug Geld für Informationen" bezahlt habe. Ich würdige diese erbärmliche Äußerung keiner Replik. Ich halte nur fest: Hier wird der Versuch unternommen, in den Köpfen des Publikums Bilder zu erzeugen, die den Ruf einer kritischen Journalistin beschmutzen, sie vor der medialen Konkurrenz in Misskredit bringen und ihre 14-monatige Recherche an dem Fall entwerten sollen. Solche Methoden führt der amtierende Präsident der USA gerade vor. Ich wusste nicht, dass diese auch am Kammergericht Berlin angewandt werden.

Eine bekannte Hamburger Anwältin, die den Prozess verfolgt hatte, schrieb mir vor einem halben Jahr: "Mit einer anderen  Strategie hätte sie gewonnen." Nach Auffassung des Richters nicht: Jeder gute Anwalt hätte Gina-Lisa Lohfink geraten, den Strafbefehl zu akzeptieren, sagt er.

Mit den beiden Männern, die Lohfink falsch verdächtigt haben soll, wollte ich mich in diesem Text gar nicht befassen. Aber weil in den vergangenen Tagen von mehreren Seiten  der Vorwurf erhoben wurde, deren Leben sei durch den Prozess ruiniert: Das haben die beiden ganz alleine durch ihre Tat hinbekommen. Besonders Sebastian Castillo Pinto hat seinen Weg gewählt, lange bevor er mit dem Satz "Fick sie hart, Alter, die braucht das" zweifelhafte Internetberühmtheit erwarb. Eine eindrucksvolle Liste von Vorstrafen, die er auch nicht leugnet, spricht eine deutliche Sprache. Und während Pinto vor dem Gerichtssaal seine möglicherweise letzte Chance auf mediale Aufmerksamkeit wahrnahm, läuft gegen ihn bereits das nächste Verfahren: Verdacht der Vergewaltigung, schon wieder, die Geschichte eine ganz ähnliche wie im Fall Lohfink. Diesmal hat die betroffene Frau jedoch einen Vorteil: Sie geht einem "bürgerlichen" Beruf nach und vermag sich auszudrücken. Vielleicht glaubt man ihr ja.

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