Kirchweyhes längster Tag

16. März 2013, 17:44 Uhr

Es sollte um Besinnung gehen, Trauer, um einen 25-Jährigen, der brutal am Bahnhof erschlagen wurde. Aber in den Köpfen rumort es - die Politik, die Integration, der Verlust der Idylle. Von Jarka Kubsova, Kirchweyhe

Kirchweyhe, Daniel S., Türkei, Türken, Überfall, Prügel, Bahnhof, Schläge

"Es ist so schlimm, was hier passiert ist": Der Bahnhofsvorplatz in Kirchweyhe©

Das Ausmaß des Unbehagens, das sich in Kirchweyhe breit gemacht hat, lässt sich an der Anzahl der Hundertschaften ablesen. Es sind Dutzende, sicher mehr als in Kirchweyhe je zu sehen waren. Polizeibusse haben den Bahnhof der kleinen Gemeinde nahe Bremen eingekreist, in mehreren Reihen. Man ist auf das Schlimmste vorbereitet.

Als ob das Schlimmste nicht schon geschehen wäre. Der Bahnhofsvorplatz, den nun die Polizei beherrscht, war vor einer Woche Schauplatz eines Verbrechens. Ein Junge ist tot, Daniel S., 25 Jahre alt, Lackierer aus Kirchweyhe. Die Staatsanwaltschaft schildert den Fall bisher wie folgt: In einem Bus, in der Nacht, auf dem Weg von der Disco, entbrannte ein Streit, Rangeleien unter Jugendlichen. Die einen Deutsche, die anderen Türken. Daniel S. versuchte zu schlichten. Und wurde später an der Haltestelle derart schwer verprügelt und in den Kopf getreten, dass er am Donnerstag an den Folgen der Schlägerei starb. Der 20-Jährige Cihan A., der Hauptverdächtige, sitzt seitdem in U-Haft, wegen Mordverdachts.

"Mich regt das auf!"

Heute wollen die Menschen in Kirchweyhe um Daniel trauern. Aber sie wollen auch irgendwohin mit der Wut. Im Internet hat sie sich den Weg schon gebahnt; in Foren und bei Facebook. Manche Regionalzeitungen mussten ihre Kommentarfunktionen schließen, zu krass, zu aggressiv waren die Einträge. Die einen bejubelten "einen Nazi in Weyhe weniger", die andere riefen zur Lynchjustiz an den Tätern auf, "dieser Türkenbande." Die Angst ging um, dass diese Wut auch auf die Straßen schwappt. "Deshalb haben wir das so hier hochgefahren", sagt ein Polizeisprecher.

Das Aufrüsten war die eine Sache. Die andere waren Verbote. Im Internet wurde nicht nur gepoltert, sondern auch mobilisiert, zu Mahnwachen um 15 Uhr wurde aufgerufen. "Das waren Leute aus der rechten Szene, deshalb haben wir das verboten", sagt die Polizei. Genehmigt wurde eine einzige Veranstaltung um 11 Uhr, die offizielle Mahnwache der Gemeinde Weyhe. "Mich regt das auf", sagt Christine K., die zwei Stunden lang angereist ist. "Ich bleib hier bis 15 Uhr, die Propagandaveranstaltung des Bürgermeisters interessiert mich nicht."

"Wir haben kein Ausländerproblem"

Warten auf 15 Uhr, auf den kritischen Zeitpunkt. Wie viele werden dem verbotenen Aufruf der Rechten folgen? Viele sind nervös: Wird es krachen? Andere hoffen das Beste, auf eine Trauerfeier, die so still endet, wie sie gerade beginnt. Unter milchigem Winterhimmel kurz vor 11 Uhr treten Jugendliche vor die Kerzen und Blumen, die für Daniel S. am Boden liegen. Die Mädchen und Jungen stehen im Kreis, sie haben geschwollen Augen. Sie teilen sich Zigaretten und Taschentücher. Sie sagen nichts, sie starren bloß und schluchzen.

Etwas abseits steht eine Gruppe älterer türkischer Herren, schließlich wickelt einer einen Strauß Rosen aus, geht hinüber zur Haltestelle, legt den Strauß nieder. Er wird beäugt. Mehr nicht. Wieso auch? "Wir haben kein Ausländerproblem hier", sagt Suzanne B., die hier in der Nähe wohnt. Irgendwo im Kreis Weyhe soll es Ghettos geben, sagt sie. "So Häuser, wo viele Ausländer wohnen." Aber sie weiß nicht mal, wo das sein soll, gesehen hat sie die Häuser nie.

"Ihr bleibt besser zuhause"

In der Tat fallen im Kreis Weyhe eher hübsche Familienhäuser auf, eine nette Gegend für Familien, viele haben hier neu gebaut. Auch der Bahnhof wird gerade gründlich überholt. In einiger Entfernung steht noch die Ruine des alten Wartehäuschens, davor ein freundlicher, heller Platz. Keiner dieser finsteren Schmuddelbahnhöfe, auf denen das Unheil in jeder Ecke zu lauern scheint. Daniel S. Schädel wurde auf hell gefliestem Straßenboden zertrümmert.

"Unser Kirchweyhe. Dass das jetzt so im Mittelpunkt steht. Das hätte ich nie gedacht", klagt eine Frau der anderen. "Der Anlass… schrecklich!"

Der Anlass hat auch Mehmet Karakas an den Bahnhofsplatz getrieben. Er ist einer der türkischen Herren, die Blumen gebracht haben. "Es ist so schlimm, was passiert ist, ich wollte hier mitmachen. Das ist eine menschliche Sache hierher zu kommen." Er lebt seit 1996 in dem Ort, arbeitet als Schlosser, hat vier Kinder, auf der Realschule und dem Gymnasium. Ausländerfeindlich sei man hier nie zu ihm gewesen. Heute Morgen hat er hat sich mit den Nachbarn zusammentelefoniert, sie sind gemeinsam gekommen. "Aber den jungen Leuten haben wir gesagt: Ihr bleibt lieber zuhause. Damit es ruhig bleibt", sagt Karakas. "Ist besser."

"Man muss doch sagen dürfen ..."

Besser war wohl auch, dass die Polizei gründlich herumstreifte. Ein Dutzend Menschen, die der rechten Szene zugerechnet werden, wurden angesprochen. "Nach der Identitätsfeststellung sind sie wieder abgedreht", sagt ein Sprecher der Polizei. Man fürchtet, sie werden wieder kommen, zu der verbotenen Veranstaltung am Nachmittag.

Aber noch läuft der offizielle Teil, 1500 Menschen haben sich versammelt, und der Bürgermeister Frank Lemmermann versucht sich schon einmal in Deeskalation. Beiden Lagern will er Beschwichtigendes sagen: "Daniel S. war nach allem was ich weiß, ein guter Junge. Und er war ganz sicher kein Nazi", ruft Lemmermann ins Mikrofon. "Es ist unerträglich, dass man ihn im Internet so bezeichnet." Und er betont mehrmals: "Aber der Täter hätte auch ein deutscher Junge sein können."

"War er aber nicht", zischt ein Mann aus dem Publikum. Und Chrsitine K. stößt aus: "Das ist eine Unverschämtheit." Sie hat sich aus der Menge gelöst, in der Bahnhofshalle ringt sie um Fassung. Der Bürgermeister nütze den Tod des Jungen aus, um gegen Rechts zu wettern, das sei unerträglich. Sie findet, dass man doch sagen dürfen muss, dass das Opfer ein Deutscher war und der Täter ein Türke. "Man muss sagen dürfen, dass das Migrantengewalt war", sagt sie und dass Multikulti nicht funktioniere. Sie wartet auf 15 Uhr.

"Der offizielle Teil ist zuende"

Viele andere tun das nicht. Die Kälte kriecht vom Boden in die Füße, um die Ohren weht eisiger Wind. Gegen Mittag zerstreut sich die Menge. Die Polizei bleibt. Zu Recht, denn um 15 Uhr füllt der Platz sich wieder. Etwa 700 Menschen finden sich erneut zusammen. Um 15: 22 greift Bürgermeister Lemmermann noch einmal zum Mikrophon. "Danke, dass sie so zahlreich teilgenommen haben. Der offizielle Teil ist nun zu Ende. Kommen sie gut nach Hause. Tschüss." Und was, wen sie nicht gehen? "Dann lassen wir sie hier stehen", sagt der Polizeisprecher. "Es ist ja nicht verboten, sich vor dem Bahnhof aufzuhalten". Gespanntes Warten, dann macht sich Langeweile breit. Nichts passiert. Die Menge schlurft auseinander. Ist es das nun gewesen, beleibt es friedlich in Kirchweyhe? Schwer zu sagen.

Für Sonntag ist eine Demo der NPD angemeldet.

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