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1. März 2008, 10:34 Uhr

Toms zweites Leben

Als die Polizei ihn befreite, spürte er längst keine Schmerzen mehr; das Nervensystem hatte auf Notbetrieb geschaltet. Tom, Opfer jahrelangen Missbrauchs, lebt heute bei Pflegeeltern. Die Geschichte einer großen Last - und bedingungsloser Liebe. Von Jan Rübel

Tom, 11, auf dem Weg zu den Pferdekoppeln. Am linken Ohr trägt er ein Hörgerät, Schläge haben ihn taub gemacht© Dominik Butzmann

Wie bedächtig der Junge die Haube poliert. Langsam lässt er seine Hand über das rote Metall kreisen. Leicht gebeugt und mit sanftem Druck - so wäscht man ein Auto. Nur der Stein in der Kinderhand irritiert. Der flache Kiesel kratzt eine Ellipse in den Kühler. Ein Satellit auf der Umlaufbahn, den plötzlich eine große Hand umschließt und nach oben reißt. "Warum machst du das?", fragt Dirk Müller* außer Atem. Gerade ist er zum VW Golf auf der Auffahrt gerannt und hält die Jungenhand fest. "Ich spiele Autowaschen", antwortet Tom*.

Tom, 11, weiß nicht, wie ein Kind spielt. Er lernt es seit knapp acht Jahren. Dreieinhalb war er, als ihn das Jugendamt aus seiner "Herkunftsfamilie", wie die Behörden sagen, herausholte und in die Obhut einer "Pflegefamilie" gab. Es war die Chance auf ein zweites Leben. Das erste war nahezu verwirkt.

Tom bei der Reittherapie mit seinem Lieblingspferd Smilla© Dominik Butzmann

Ein Reihenhaus, darin ein helles Esszimmer, Kiefermöbel auf Dielen. Fotos mit Schiffen an den Wänden und ein Miniatur- Leuchtturm auf dem Fensterbrett; maritim sieht es hier aus, inmitten einer Vorstadt im Sauerland. "Ich war früher Seemann", sagt Dirk Müller. Es klingt, als sei das lange her. Jetzt, sagt der Pflegevater, gebe es für ihn nur Tom. Denn mit dem sei das schon eine "Kiste". Dieses Wort sagt er oft. Im Kopf stapelt der Diplom-Nautiker noch immer die Container eines Schiffes.

Ein spitzer Schrei, Panik am Esstisch. "Halt!", ruft Tom. Es ist 13 Uhr. Gerade hat Dirk Müller nach der Kelle gegriffen und begonnen, den letzten Rest Kürbissuppe aus der Schüssel zu kratzen. "Willst du noch?", fragt er Tom. Nein, seit Minuten zieht Toms Löffel lustlos kleine Kanäle in das Gelb im eigenen Suppenteller. Aber die Schüssel, die darf keiner vor seinen Augen leeren. Es könnte ja die letzte sein.

Das Nervensystem hatte auf Notbetrieb geschaltet

Bevor die Polizei ihn damals befreite, aß Tom vor Hunger die Tapete von der Wand. Sein linkes Ohr war taub von den Schlägen, sein Unterleib vom sexuellen Missbrauch verletzt. Er konnte gerade drei Schritte gehen, kannte keine dreißig Wörter und spürte keine Schmerzen mehr. Das Nervensystem hatte auf Notbetrieb umgeschaltet. "In der Akte des Jugendamts stand nur, dass er vernachlässigt worden war", erinnert sich Anke Müller*, Toms Pflegemutter. Und dass der Dreieinhalbjährige körperlich, seelisch und geistig nicht auf dem altersgerechten Stand war - von den tatsächlichen Schäden ahnten sie damals noch nichts.

Die Geschichte von Toms Herkunft gleicht vielen anderen Geschichten in Deutschland. Seine Mutter eine Frau, die selbst nie ein richtiges Zuhause kannte. Die trank und deren Mutter auch trank. Einen Vater hatte Tom nicht. Von den zahlreichen Liebhabern der Mutter weiß man nicht, wer sich an ihm vergriff - erst Jahre später wurde der sexuelle Missbrauch an Tom bewiesen. Natürlich war er nach der Herausnahme untersucht worden - doch zu oberflächlich. Die Taubheit wurde nicht entdeckt, und erst als der Kleine nach einigen Monaten sagte: "Nichts in den Po stecken", wuchs der schreckliche Verdacht. Schließlich wurde der Missbrauch nachgewiesen, doch die Spuren sind längst verwischt, und die Mutter lebt weit entfernt von Tom unter staatlicher Obhut und Therapie.

Das Lächeln folgte einer Überlebensstrategie

Das Ehepaar Müller konnte selbst keine Kinder bekommen. Und sie wollten helfen. Das Jugendamt vermittelte ihnen schnell und unbürokratisch Tom. "Er hatte ein so herzliches, offenes Gesicht", erzählen die Pflegeeltern. Beide wussten nicht, dass Toms Lächeln einer Überlebensstrategie folgte. "Er machte jeden an", erzählt Dirk Müller. "Er wusste nicht, was kommt. Ob es etwas zu essen gab oder Schläge oder gar nichts. Er nahm, was er kriegen konnte." Der Junge versuchte, jede Gefahr wegzulächeln.

An die Wand seines Zimmers hat Tom immer wieder Männer und Frauen gemalt. Die Geschlechtsmerkmale zeichnete er dabei nach und nach zurückhaltender© Dominik Butzmann

Tom erhielt mit den Müllers eine neue Familie. Bald merkten sie, dass etwas nicht stimmen konnte. Ständig sickerte Stuhl aus seinem Po, bis zu 15 Windeln mussten sie ihm am Tag umlegen. Sein einziger Satz war: "Nach Dortmund essen gehn." Später erfuhren sie, dass ihn früher eine Tante und die Geschwister hin und wieder zu McDonald’s mitgenommen hatten. Und sie bekamen weitere Hinweise auf Missbrauch, als Tom die Tapete seines Zimmers mit Genitalien bemalte. Der sickernde Stuhl: ein Schutz des Pos vor Schlimmerem.

Da trugen sie den knapp Vierjährigen, fütterten, streichelten und küssten ihn, und er lernte laufen und sprechen. Was genau in seiner ersten Familie geschah, das weiß Tom nicht. Aber es ist da. Er sitzt jetzt mitten auf dem Asphalt, Raureif belegt die Serpentinenstraße, eine weiße Schlange, deren Kälte in Toms Kleider zieht. "Stehst du bitte auf?" Dirk Müller fragt leise, fast beiläufig. "Nein", antwortet Tom laut. Tom ist wütend, keiner darf ihn anfassen, weil er gerade den Mann auch nicht anfassen durfte. Jenen Passanten, der vor fünf Minuten nach dem Weg zur Pferdekoppel gefragt hatte, der so nett aussah und auf den Tom zustürmte und den er umarmen wollte - bevor er von Dirk Müller zurückgerissen wurde. "Lass mich, nein, nein!", sagt Tom jetzt. Der Passant, ein wenig verstört, ist längst weg.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 09/2008

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KOMMENTARE (10 von 17)
 
tagora-sagittara (03.03.2008, 13:57 Uhr)
@freundhase
Du hast absolut recht,...wenn Du wüstest wie recht Du hast!!!
zuddi (03.03.2008, 11:40 Uhr)
Wütend
Wütend machen mich zwei Dinge: zum Einen die Tatsache, dass es so abscheulich perverse Kreaturen gibt, die einen kleinen Menschen kaputt machen. Es ist unvorstellbar, was diesem Kind angetan wurde. Und dann kommt Nummer Zwei: die Hilfe, die so einem Kind verwehrt wird. Als wäre die Vergangenheit nicht tragisch genug, kommt hier die Unfähigkeit, das Desinteresse der staatlichen Einrichtungen dazu. Wenn man bedenkt, dass ein Junkie, der vor Gericht steht, die Wahl hat zwischen Knast und Therapie (so ein Drogenentzug kostet um die 60.000.- €). Natürlich wird er die Therapie wählen, um entweder hinterher sofort wieder mit den Kumpels weiter zu fixen oder aber er bricht gleich ab. Aber er bekommt ja noch die zweite oder dritte oder vierte Chance. Dafür ist Geld da. Für einen, der wissendlich seine Gesundheit ruiniert. So ein Kind, dass sich nicht wehren kann, bleibt auf der Strecke.
undjetztnochder (03.03.2008, 08:57 Uhr)
Sehr guter Artikel
ernstes, schwieriges Thema. Einfühlsames Erzählen, schöne Sprache. Auch wenn es weh tut: mehr von solchen unbequemen stillen Wahrheiten, die in unserer lauten Gesellschaft nur all zu oft untergehen! Danke an den Jan Rübel!
freundhase (02.03.2008, 16:21 Uhr)
Opfer sein bringt in Deutschland nix
Irgendwie hat sich an dem meiner Meinung nach eigentlichen Hammer in dem Artikel noch niemand gestört.
Tom wird offensichtlich in der Schule nicht optimal gefördert, bekommt noch nicht mal die angemessene Ernährung zugestanden, andere Pflegeltern bezahlen Therapien aus der eigenen Tasche (die Kasse zahlt nicht) und die Mutter (wohl mehr Täterin) LEBT UNTER STAATLICHER OBHUT IN THERAPIE!!! Hallo?
Das pass zum aktuellen RTL Programm wo therapieunwillige Teenager zur Resozialisierung um die halbe Welt geflogen werden, während die Opfer in die Röhre gucken.
Toms einzige Chance ist es, die blöde Opferrolle endlich loszuwerden. Als Täter hat man in Deutschland einfach die besseren Chancen.
Also Tom, einfach mal jemanden zusammentreten, auf eine schwere Kindheit verweisen, und als Täter alle Vorzüge genießen. Es fängt an, bei der staatlich garantierten Speisenvielfalt im Knast (drei Sorten Brot und 150 g Fleisch am Tag) geht weiter über die optimal abgestimmte Betreuung und Ausbildung dort und kann sogar bis zu einer von RTL gesponserten Fernreise führen.
Also, Tom, in Deutschland muss man Täter werden, nicht Opfer.
Opfer sein ist einfach uncool.
gimi (02.03.2008, 14:47 Uhr)
Traumata und Pflegekind
Pflegeeltern sind häufig die letzte Chance für ein traumatisiertes, mißhandeltes Kind Familie kennen zu lernen und ein einigermaßen geordnetes Leben zu führen. Im Verhältnis zu einer Heimunterbringung ist eine Pflegefamilie erheblich günstiger und spart dadurch erheblich Steuergelder ein. Doch wie ist das Ansehen der Pflegefamilien in der Öffentlichkeit - überwiegend negativ, da in der Regel davon ausgegangen wird, dass diese nur ein KInd aufnehmen um sich daran zu bereichern. Jedoch sieht keiner dass Pflegeeltern 24 Std. täglich, 7 Tage in der Woche gefordert sind. Sie versuchen alles, damit es dem Kind wieder gut geht, dass es Traumatas aufarbeiten und Geborgenheit und Liebe erfahren kann. Pflegeeltern sind oft ausgebrannt und bekommen wenig Unterstützung von außen, aber müssen die Qualitäten eines Marathonläufers haben um mit ihren Pflegekindern leben zu können. Dieser Artikel zeigt sehr eindrucksvoll, das Leben der Pflegeeltern. Also Hut ab vor Menschen, die Pflegekinder aufnehmen.
unheilig (02.03.2008, 14:20 Uhr)
@Think-Smart
EIN SELTEN DUMMER KOMMENTAR,VÖLLIG ÜBERFLÜSSIG!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
heiner5362 (02.03.2008, 13:47 Uhr)
@Think-Smart
hirn einschalten bitte.
das ist ein angelernter reflex um schläge und schlimmeres zu vermeiden.
wieder ein beweis dass sich otto michelbürger zwar auslassen muss aber null ahnung hat.
wie wärs mal mit unterstützung für diese geschundenen kreaturen ?
nee, kostet ja geld...
man sollte solchen kommentatoren wünschen derartige erfahrungen zu durchleben aber das wollen wir nicht.
einfühlungsvermögen ist nicht das ding der neoliberalen aufstrebenden deutschen.
hacken stechen und nachtreten kommt schon besser auf dieses volk.
heiner5362 (02.03.2008, 13:37 Uhr)
allerhöchste hochachtung denen
die sich entschliessen solch eine bürde als pflegefamilie zu schultern.
solches engagement ist mit gold nicht aufzuwiegen, allein ich würde daran zerbrechen.
anerkennung ? NULL.
ächtung 100% !
das ist das gelobte deutsche land...
soziale anerkennung wird hier durch das fette bankkonto definiert, nicht durch aufopferung für geschundene kinder.
man genehmige sich die liste der empfänger des verdienstordens der bundesrepublik.
schlimmer noch die angespannte finanzielle situation der familien und aberkennung der förderungswürdigkeit von therapien durch krankenkassen.
zu den jugendämtern kein kommentar;
ideologisch besetzte posten von warmluftduschern mit negativ gepoltem erfahrungswert der materie.
ich wünsche allen mit solchen fällen involvierten dass sich was ändert nur haben minderheiten keine mehrheiten. traurig aber wahr.
und dem "titelhelden" vertretend diese unsäglich vernachlässigte gruppe :
REITE SO WEIT DU KANNST
Think-Smart (02.03.2008, 13:36 Uhr)
Seltsam
Der Junge soll von Männern missbraucht sein, dreht aber durch, wenn er die Mutter sieht und schmeißt sich fremden Männern an den Hals. Irgendwas stimmt hier nicht.
unheilig (02.03.2008, 12:42 Uhr)
tztztztzttztz
hammer,was menschen kinder antun.aber wie immer das opfer leidet und andere bekommen therapie wie seine mutter,ja das passt zu deutschland!
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