Als die Polizei ihn befreite, spürte er längst keine Schmerzen mehr; das Nervensystem hatte auf Notbetrieb geschaltet. Tom, Opfer jahrelangen Missbrauchs, lebt heute bei Pflegeeltern. Die Geschichte einer großen Last - und bedingungsloser Liebe. Von Jan Rübel

Tom, 11, auf dem Weg zu den Pferdekoppeln. Am linken Ohr trägt er ein Hörgerät, Schläge haben ihn taub gemacht© Dominik Butzmann
Wie bedächtig der Junge die Haube poliert. Langsam lässt er seine Hand über das rote Metall kreisen. Leicht gebeugt und mit sanftem Druck - so wäscht man ein Auto. Nur der Stein in der Kinderhand irritiert. Der flache Kiesel kratzt eine Ellipse in den Kühler. Ein Satellit auf der Umlaufbahn, den plötzlich eine große Hand umschließt und nach oben reißt. "Warum machst du das?", fragt Dirk Müller* außer Atem. Gerade ist er zum VW Golf auf der Auffahrt gerannt und hält die Jungenhand fest. "Ich spiele Autowaschen", antwortet Tom*.
Tom, 11, weiß nicht, wie ein Kind spielt. Er lernt es seit knapp acht Jahren. Dreieinhalb war er, als ihn das Jugendamt aus seiner "Herkunftsfamilie", wie die Behörden sagen, herausholte und in die Obhut einer "Pflegefamilie" gab. Es war die Chance auf ein zweites Leben. Das erste war nahezu verwirkt.

Tom bei der Reittherapie mit seinem Lieblingspferd Smilla© Dominik Butzmann
Ein Reihenhaus, darin ein helles Esszimmer, Kiefermöbel auf Dielen. Fotos mit Schiffen an den Wänden und ein Miniatur- Leuchtturm auf dem Fensterbrett; maritim sieht es hier aus, inmitten einer Vorstadt im Sauerland. "Ich war früher Seemann", sagt Dirk Müller. Es klingt, als sei das lange her. Jetzt, sagt der Pflegevater, gebe es für ihn nur Tom. Denn mit dem sei das schon eine "Kiste". Dieses Wort sagt er oft. Im Kopf stapelt der Diplom-Nautiker noch immer die Container eines Schiffes.
Ein spitzer Schrei, Panik am Esstisch. "Halt!", ruft Tom. Es ist 13 Uhr. Gerade hat Dirk Müller nach der Kelle gegriffen und begonnen, den letzten Rest Kürbissuppe aus der Schüssel zu kratzen. "Willst du noch?", fragt er Tom. Nein, seit Minuten zieht Toms Löffel lustlos kleine Kanäle in das Gelb im eigenen Suppenteller. Aber die Schüssel, die darf keiner vor seinen Augen leeren. Es könnte ja die letzte sein.
Bevor die Polizei ihn damals befreite, aß Tom vor Hunger die Tapete von der Wand. Sein linkes Ohr war taub von den Schlägen, sein Unterleib vom sexuellen Missbrauch verletzt. Er konnte gerade drei Schritte gehen, kannte keine dreißig Wörter und spürte keine Schmerzen mehr. Das Nervensystem hatte auf Notbetrieb umgeschaltet. "In der Akte des Jugendamts stand nur, dass er vernachlässigt worden war", erinnert sich Anke Müller*, Toms Pflegemutter. Und dass der Dreieinhalbjährige körperlich, seelisch und geistig nicht auf dem altersgerechten Stand war - von den tatsächlichen Schäden ahnten sie damals noch nichts.
Die Geschichte von Toms Herkunft gleicht vielen anderen Geschichten in Deutschland. Seine Mutter eine Frau, die selbst nie ein richtiges Zuhause kannte. Die trank und deren Mutter auch trank. Einen Vater hatte Tom nicht. Von den zahlreichen Liebhabern der Mutter weiß man nicht, wer sich an ihm vergriff - erst Jahre später wurde der sexuelle Missbrauch an Tom bewiesen. Natürlich war er nach der Herausnahme untersucht worden - doch zu oberflächlich. Die Taubheit wurde nicht entdeckt, und erst als der Kleine nach einigen Monaten sagte: "Nichts in den Po stecken", wuchs der schreckliche Verdacht. Schließlich wurde der Missbrauch nachgewiesen, doch die Spuren sind längst verwischt, und die Mutter lebt weit entfernt von Tom unter staatlicher Obhut und Therapie.
Das Ehepaar Müller konnte selbst keine Kinder bekommen. Und sie wollten helfen. Das Jugendamt vermittelte ihnen schnell und unbürokratisch Tom. "Er hatte ein so herzliches, offenes Gesicht", erzählen die Pflegeeltern. Beide wussten nicht, dass Toms Lächeln einer Überlebensstrategie folgte. "Er machte jeden an", erzählt Dirk Müller. "Er wusste nicht, was kommt. Ob es etwas zu essen gab oder Schläge oder gar nichts. Er nahm, was er kriegen konnte." Der Junge versuchte, jede Gefahr wegzulächeln.

An die Wand seines Zimmers hat Tom immer wieder Männer und Frauen gemalt. Die Geschlechtsmerkmale zeichnete er dabei nach und nach zurückhaltender© Dominik Butzmann
Tom erhielt mit den Müllers eine neue Familie. Bald merkten sie, dass etwas nicht stimmen konnte. Ständig sickerte Stuhl aus seinem Po, bis zu 15 Windeln mussten sie ihm am Tag umlegen. Sein einziger Satz war: "Nach Dortmund essen gehn." Später erfuhren sie, dass ihn früher eine Tante und die Geschwister hin und wieder zu McDonald’s mitgenommen hatten. Und sie bekamen weitere Hinweise auf Missbrauch, als Tom die Tapete seines Zimmers mit Genitalien bemalte. Der sickernde Stuhl: ein Schutz des Pos vor Schlimmerem.
Da trugen sie den knapp Vierjährigen, fütterten, streichelten und küssten ihn, und er lernte laufen und sprechen. Was genau in seiner ersten Familie geschah, das weiß Tom nicht. Aber es ist da. Er sitzt jetzt mitten auf dem Asphalt, Raureif belegt die Serpentinenstraße, eine weiße Schlange, deren Kälte in Toms Kleider zieht. "Stehst du bitte auf?" Dirk Müller fragt leise, fast beiläufig. "Nein", antwortet Tom laut. Tom ist wütend, keiner darf ihn anfassen, weil er gerade den Mann auch nicht anfassen durfte. Jenen Passanten, der vor fünf Minuten nach dem Weg zur Pferdekoppel gefragt hatte, der so nett aussah und auf den Tom zustürmte und den er umarmen wollte - bevor er von Dirk Müller zurückgerissen wurde. "Lass mich, nein, nein!", sagt Tom jetzt. Der Passant, ein wenig verstört, ist längst weg.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 09/2008