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Euro-Krise bei "Illner" und "Beckmann": Zwischen Quassel-Alarm und Weichspül-Gequatsche

Der Euro ist angeblich gerettet. Nun wurde er den TV-Talkern zum Fraß vorgeworfen. Verständlicher wurde die verquere Thematik dadurch nicht. Neue Erkenntnisse wurden auch nicht vermittelt. Ex-Finanzminister Theo Waigel brachte es auf den Punkt: "Es wird zuviel darüber gequatscht."

Von Sylvie-Sophie Schindler

Noch ist wenig darüber nachgedacht worden, ob Maybrit Illner möglicherweise Lady-Diana-Qualitäten hat. Ist sie etwa die heimliche Talk-Königin der Herzen? Jana Pallaske brachte diese Idee just in der gestrigen ZDF-Sendung ins Spiel. Illner sei jemand, der bei Gesprächen stets zeige, dass sie ein Herz habe. Und dafür gebühre ihr großer Dank. So wie Maybrit Illner drein schaute, schien sie davon fast überrumpelt – was ja sonst kaum zu schaffen ist. Jana Pallaske, die als Schauspielerin arbeitet und über sich selbst sagt: "Ich bin ein Mensch", sprach mit leiser, sanfter Stimme. Kein Poltern und Rumpeln, wie man es sonst von den meisten Talkgästen kennt. Ein bisschen wirkte sie so, als sei sie nicht von dieser Welt, gleich einer zerbrechlichen Elbin aus "Herr der Ringe", was für manche vielleicht befremdlich schien, andererseits, sie gab dem Gesprächsverlauf, wenn auch nur für wenige Minuten, eine völlig neue, überraschende Färbung.

Denn wo über den Euro geredet wird, so auch hier, ist das Wort Herz gewöhnlich eine ebenso fremde Vokabel wie, sagen wir mal, Liebe – denn den Euro hat man nicht lieb, man gibt ihn aus. Doch das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft ist, wenn es nach Jana Pallaske geht, kein Modell der Zukunft. Sie gehört zu den Berliner Occupy-Demonstranten und forderte bei "Maybrit Illner": "Wir brauchen wieder Respekt voreinander." Weder von Gier noch Angst solle man sich wie bisher leiten lassen. Man müsse sich trauen, miteinander zu kommunizieren, statt sich anzufeinden, "das ist der Schlüssel."

"Es wird zuviel darüber gequatscht"

Träumereien? Man wird sehen, was kommen wird. Über das Heute ist zu sagen: Der EU-Gipfelmarathon in Brüssel ist beendet und das Ergebnis wurde, wen wundert's, den TV-Endlos-Talkern zum Fraß vorgeworfen. Maybrit Illner, wie gewohnt professionell, gewitzt und charmant – die Kollegen dürfen sich gerne mal ein oder zwei oder auch drei Scheiben von ihr abschneiden – und Beckmann, mei, der Beckmann halt. Hieß das Thema bei Illner "Europa zankt, der Bürger zahlt – Euro gerettet?", ging man in der ARD, bei Beckmann, mit "Europa am Abgrund – wie sicher ist unser Geld?" ins Rennen. Dort Quassel-Alarm unter anderem mit den Gästen Volker Kauder, Gregor Gysi und Alexander Graf Lambsdorff, da Weichspül-Gequatsche mit Theo Waigel, Philipp Rösler und Dirk Müller.

Was hat's gebracht? Zumindest mal wieder die Erkenntnis: schön, dass wir darüber geredet haben. Die nächste Revolution wird jedenfalls so nicht ausgelöst. Sondern nur das fortgesetzt, was Politiker ohnehin bis zum Exzess betreiben: Satz um Satz in die Welt schleudern. Wortungetüme, die, zumindest aus Politikermunde, oft eher verwirren, als Klarheit bringen, schlimmstenfalls Ängste noch vergrößern als abbauen. So auch in Sachen Euro. Daran stört sich beispielsweise einer wie Theo Waigel. "Es wird zu viel darüber gequatscht", befand der Ex-Finanzminister. "Ich wünsche mir weniger Kakophonie. Hier und da schweigen können und den Mund halten, das wäre segensreich für die Entwicklung der Märkte und Börsen und des Vertrauens in die Institutionen." Amen.

Rote und grüne Meinungen? Wollte niemand hören

Schweigegelübde aber taugen nicht besonders gut für Polit-Talk-Sendungen. Also, nichts wie ran an die Ergebnisse des EU-Gipfels. Daumen hoch oder runter? "Wir haben den entscheidenden Schritt in Richtung Stabilitätsunion gemacht", urteilte FDP-Mann Lambsdorff. Auch Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, sprach von einem richtigen Schritt, "aber es gibt noch eine Menge zu tun." Linke-Fraktionschef Gysi, weit entfernt von euphorischen Hymnen, polterte: "Hut ab vor der Kanzlerin, das würde ich nie sagen." Was ihn am meisten störe: "Immer geht es um die Sorge, die Banken zu retten, nie ist davon die Rede, die Griechen zu retten." Übrigens, wie die SPD die Lage einschätzt und wie die Grünen, auch bei Beckmann wollte man es nicht wissen – oder befinden sich deren Vertreter nach dem Solo des SPD-Duos Schmidt-Steinbrück bei Jauch nun in einem klammheimlichen Talk-Streik?

Finanzexperte Dirk Müller und Michael Kemmer vom Bundesverband deutscher Banken (BdB) sollten zudem sicher stellen, dass nicht nur Pseudo-Wissen über den Euro die Runde macht. Wer wollte die Komplexität der Währungs-Debatte auch unterschätzen? Und wer steigt schon zu hundert Prozent durch? Politiker etwa? "Herr Rösler, verstehen Sie das alles?", so ein nonchalanter Beckmann-Seitenhieb. Nichts Neues für Rösler, er schmunzelte gelassen, Beckmann habe ihm diese Frage bereits vor einigen Wochen gestellt.

Gysi stupst Kauder an

Sonst noch was? Theo Waigel sieht weder eine Inflation noch eine Währungsreform auf Deutschland zukommen, hätte aber nicht übel Lust, Berlusconi aus dem Amt zu kicken. Gysi empörte sich, die Politik werde hier eindeutig für die Banken gemacht und nicht für die Bürgerinnen und Bürger. Michael Kemmer, Stichwort Rekapitalisierung, prognostizierte, die Banken würden, so wie es aussehe, kein Geld vom Staat brauchen. Die Chancen, es selbst am Markt zu schaffen, stünden gut, bestätigte Lambsdorff. Bundeswirtschaftsminister Rösler sagte, nur für den Fall, dass es sich noch nicht herumgesprochen hatte, die Zauberformel für das Krisen-Aus brav auf: "Weltweite Schuldenbremse und mehr Wachstum." Und sollte irgendwer die Strategie erwägen, Griechenland aus der EU rausschmeißen zu wollen, so wurde sowohl bei Illner als auch Beckmann klar gestellt: das geht gar nicht.

Ende gut, alles gut? Oder ist der nächste Krisengipfel bereits in wenigen Wochen zu erwarten? Inwiefern traut man dem Geld noch über den Weg? Was bringen Rettungsschirme? Und sollte man nicht lieber, wie einst die Mongolen, mit Stofflappen zahlen? Anderswo, weit weg von Politik und Banken, wird längst darüber nachgedacht, das Geld ganz abzuschaffen. Beckmann-Gast Franz Hörmann, Wiener Wirtschaftsprofessor, rechnete beispielsweise vor, dass es nur eine Frage der Zeitspanne sei, wann ein gängiges System zusammenbreche, jetzt sei es übrigens soweit, und appellierte, man solle sich wieder auf die Grundidee von Geld besinnen, das doch derzeit nichts weiter sei als "von Banken aus der Luft erfunden" und "eine Zahl im PC". Zurück also zu den Ursprüngen, zu dem Prinzip Geld als Tauschmittel.

Auch bei Illner kamen Alternativ-Denker zu Wort. Roman Asriel, der sich neben Jana Pallaske bei der Occupy-Bewegung engagiert, plädierte dafür, nicht am alten System rumzudoktern. Der Rettungsschirm sei bereits das Eingeständnis, dass man gescheitert sei. "Unser jetztiges System ist absurd. Der Bürger wird für dumm verkauft", so Asriel. Noch wisse er nicht, wie genau es anders gehen könne, doch genau deshalb kommen die Occupy-Demonstranten ja zusammen, um ihre Ideen vorzutragen und auszutauschen. Gysi, begeistert über derlei gelebte Demokratie, stupste Kauder an: "Lassen Sie uns doch da mal hingehen." Ein Blick in Kauders Gesicht signalisierte eindeutig: keine gute Idee. Und wohl keine Überraschung: Wo Bürger Visionen haben, stürzt sich Politik mit Vorliebe auf Krisen.

  • Sylvie-Sophie Schindler