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Griechenlandkrise bei "Anne Will": Mr. Dax for King of Akropolis!

Was dürfen Deutsche Griechen vorschreiben, wenn die germanische Fantastilliarden verjuxen? Wie zwingt man Banken unter der Flagge der Freiwilligkeit zum Verzicht auf Forderungen? Anne Will verhandelte am Sonntag wieder einmal große Fragen- und bekam dabei Hilfe von einem Klartextsprecher mit hessischem Zungenschlag.

Von Florian Güßgen

Der Grieche an sich ist derzeit ja schon so ein sehr gepeinigtes Geschöpf. Schulden ohne Ende; im Nacken die Gläubiger, viele davon aus der buckligen europäischen Verwandtschaft; dazu ein Chor von globalen Besserwissern, die einem immerzu erzählen wollen, wo man denn nun am besten sparen kann in Zukunft.

Angesichts dieser geballten Pein war es vielleicht gar nicht schlecht, dass der Grieche an sich am Sonntagabend nicht auch noch "Anne Will" gucken musste. Denn mit alarmistischer Stimmung, die an das famose "Akropolis now" des "Economist" erinnerte, und mit sonnengebräuntem Teint à la "Wetten, dass..?" aus Malle verhandelte Will im Griechenland-Talk die ganz großen Fragen, mit denen uns der Grieche an sich gerade so sündhaft teuer unterhält: Können wir, die Deutschen an sich, ihm vorschreiben, wie er jetzt zu sparen hat? Bringt es überhaupt etwas, dass wir ihm demnächst wieder Geld pumpen, wenn doch eigentlich eine wie auch immer geordnete Pleite vielleicht das Beste wäre? Und: Wie halten wir's eigentlich mit den vermeintlichen universalen Beelzebuben - den Banken, wem sonst?

Die griechische Mischung kann jederzeit explodieren

Es sei der Fairness halber gesagt, dass es derzeit niemanden gibt, der wirklich überzeugende Antworten auf all diese Rätsel hat. Am Mittwoch entscheidet das griechische Parlament über das Geld, das das Land in den nächsten Jahren einsparen soll: 28 Milliarden Euro sollen gekürzt, 50 Milliarden Euro über den Verkauf von staatseigenen Gütern herausgeholt werden. Ob das alles reicht, um Griechenland zu retten, bezweifeln viele Ökonomen, ein zweites Rettungspaket ist längst in der Mache. Nichts Genaues weiß man nicht. Deshalb ist es derzeit auch ein wenig so, als ob alle - vom IWF über die Europäer bis hin zu den Deutschen - den Griechen beim gehetzten Experimentieren mit hochexplosiven Chemikalien zugucken würden. Sie geben Ratschläge in der Hoffnung, dass es gelingt, aus Dreck Gold zu zaubern, aber spekulieren auch schlicht darauf, dass die griechische Mischung nicht doch hoch geht und allen Beteiligten um die Ohren fliegt.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht schlimm, dass Wills Sendung keinen neuen Erkenntnisgewinn gebracht hat. Was will man denn erwarten? Eher plaudernd kam die Runde daher, mit dem Linken Gregor Gysi, der Hellas gerne mit einem Marshall-Plan mit geringen Zinsen und messerscharfen Bedingungen retten würde, und mit FDP-Mann Otto Fricke, phänotypisch ein Röttgen-Klon, der seine Unterstützung für eine Umschuldung - also für eine Abkehr von der Dauersubvention via Rettungspakete - nur vorsichtig hinter seinem rhetorischen "So-deutlich-darf-ich's-doch-nicht-sagen-Schleier" durchschimmern ließ.

Business as usual

Es war dabei schade, dass es Will nicht gelang, die diffuse Fragestellung ihrer Sendung - "Schulden-Tragödie in Athen. Wer zahlt für das Desaster?" auf die wichtigste Fragen zu fokussieren: Was spricht dafür, was dagegen, Griechenland pleitegehen zu lassen? Und vor allem: Wie groß ist die Ansteckungsgefahr für Länder wie Portugal oder Spanien tatsächlich? Das sind die eigentlich grundlegenden Fragen, zu denen Ökonomen derzeit Interessantes sagen können. Aber Will verzichtete nicht nur auf die Variante, einen Ökonomen einzuladen. Mehr noch: Es gelang ihr auch nicht, die Diskussion auf den zentralen Punkt einer möglichen Umschuldung zu konzentrieren. Will machte "business as usual"

Erfrischend wirkte in der Talkrunde einzig "Mr. Dax", Dirk Müller, jener Ex-Broker, der jahrelang das Lieblingsmotiv scheinbar aller Journalisten gewesen war, die von der Deutschen Börse in Frankfurt berichteten - und der dadurch prominent geworden ist. Müller, daran gibt's keine Zweifel, hat was: Das glanzergraut-gegelte Haar, der jugendliche Kurzhaarschnitt, dazu die sonor-tiefe Stimme mit der hessischen Färbung, untermalt von einer Armgestik, wie sie sonst nur Dirigenten pflegen. Müller verkaufte sich herausragend - und scheut auch nicht davor zurück, vermeintliche Wahrheiten klar auszusprechen. Nein, man dürfe getrost vergessen, dass Griechenland das geliehene Geld je zurückzahlen werde. Deswegen könne man diese Form der Schenkung auch gleich lassen, um die Investitionen auf sinnvollerem Weg in das Land zu stecken. Und ja, so Müller, es sei schon erstaunlich, wie sehr die Banken der Regierung auf der Nase herumtanzten. Dass Müller Recht hat, belegen die Zahlen eindeutig. Im vergangenen Jahr hätten die Geldinstitute die Griechenland-Papiere in ihren Depots sorgsam und entgegen aller Versprechungen verkleinert - um ja nicht zu viel berappen zu müssen, wenn der griechische Chemiekasten explodiert. Es war kein gutes Licht, das Müllers Kommentare auf die Banken warfen. Wenn also einer an diesem Abend den Titel "King of Akropolis" verdient gehabt hätte, dann wäre es Müller gewesen.

Und so verlief Wills Talk zur Griechenlandkrise in weiten Teilen unkontrovers, problembezogen - aber mitunter ebenso nichtssagend-langweilig. Das nächste Mal würde man sich wünschen, dass Wills Redaktion in der Lage wäre, so ein wichtiges Thema gewinnbringender zu besetzen.

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