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Griechenland-Krise: Ackermann warnt vor Ansteckungseffekten

Der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, warnt vor einem übereilten Handeln in Bezug auf Griechenland. Ein Scheitern könne man sich nicht leisten.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann warnt vor Schnellschüssen bei der Lösung der Schuldenkrise in Griechenland. Auf dem Reuters-Bankentag zog Ackermann am Montag in Frankfurt die von der Politik noch in dieser Woche gewünschte Einigung zur Beteiligung privater Gläubiger in Zweifel. Griechenlands Lage sei sehr kritisch. "Es ist noch viel Arbeit notwendig. Wir brauchen alle Investoren im Boot." Er rate daher, den Zeitdruck aus der Debatte zu nehmen. Ein Scheitern könnten sich Banken und Politik nicht leisten: "Griechenland allein ist schon groß. Aber wenn man eine Ansteckung anderer Länder einbezieht, wäre es größer als Lehman", sagte Ackermann mit Blick auf den Zusammenbruch der US-Investmentbank, der im Herbst 2008 die weltweite Finanzkrise massiv verschärft hatte.

Frankreich preschte derweil mit der Beteiligung seiner Banken an neuen Hilfen für Athen vor. Die Regierung in Paris einigte sich mit den Kreditinstituten auf einen Vorschlag, der privaten Gläubigern eine Verlängerung der Laufzeit auslaufender griechischer Staatsanleihen auf 30 Jahre schmackhaft machen soll. Frankreich werde nun die Details des Plans mit den EU-Partnern durchgehen, sagte Präsident Nicolas Sarkozy. Er hoffe, dass sich andere Länder ein Vorbild daran nähmen.

Ackermann sagte, das französische Modell sei nur eine von mehreren Möglichkeiten. Private Gläubiger seien grundsätzlich willens, ihren Beitrag zu leisten, betonte er im Gespräch mit Reuters TV: "Aber niemand ist bereit, schlechtem Geld gutes hinterherzuwerfen." Es sei aber besser, etwas mehr Lasten zu schultern, als einen Kollaps Griechenlands in Kauf zu nehmen.

Als Präsident des Internationalen Bankenverbandes IIF ist Ackermann an den Gesprächen beteiligt. Ein Treffen in Rom von IIF-Geschäftsführer Charles Dallara mit hochrangigen Banken- und EU-Vertretern endete wie erwartet ohne Ergebnis. Bei dem Treffen seien alle Institutionen der Euro-Zone und auch die EU-Kommission vertreten gewesen, sagte ein Sprecher in Brüssel.

Die Euro-Länder bereiten sich nach Informationen aus Kreisen der Mitgliedsländer auf ein Scheitern des Sparpakets für Griechenland im Athener Parlament vor. Ziel sei es zum einen, eine Verschärfung der Schuldenkrise und die Ansteckung anderer gefährdeter Länder zu verhindern - vor allem der mit einem Hilfsprogramm schon versorgten Staaten Irland und Portugal sowie Spaniens. Zudem müsse Griechenland zahlungsfähig gehalten werden. Die Diskussion über den "Plan B" laufe schon seit Wochen und sei nun beschleunigt worden, sagte zwei weitere mit den Diskussionen Vertraute aus Euro-Ländern.

Frankreich: Banken sollen 70 Prozent reinvestieren

Frankreichs Plan sieht Regierungskreisen zufolge vor, dass private Gläubiger 70 Prozent des in griechischen Anleihen steckenden Geldes reinvestieren. Finanzkreisen zufolge sind dafür Garantien der Europäischen Investitionsbank EIB oder des EU-Rettungsfonds EFSF im Gespräch. Die neuen Papiere sollten mit 5,5 Prozent verzinst werden. In den Regierungskreisen hieß es, für die Reinvestition solle eine private Zweckgesellschaft gegründet werden. Die Gläubiger erhielten 30 Prozent der von 2011 bis 2014 fällig werdenden griechischen Anleihen ausbezahlt. 50 Prozentpunkte kämen dem griechischen Staat über die Zeichnung der 30-jährigen Anleihen zugute. Die übrigen 20 Prozentpunkte blieben als Nullkupon-Anleihen in der Zweckgesellschaft.

Deutsche Banken und Versicherer sollten ihre Engagements in griechischen Staatsanleihen bis Montag beziffern und ihre Bereitschaft zu einer Verlängerung erklären. Dazu war eine Telefonkonferenz mit Finanzminister Wolfgang Schäuble geplant. Die Gespräche liefen konstruktiv, sagte der Hauptgeschäftsführer des privaten Bankenverbandes BdB, Michael Kemmer, Reuters. "Ich gehe davon aus, dass jeder das Seine tun wird, um aus dieser schwierigen Situation herauszukommen." Schäuble will den Banken eine Beteiligung ohne weitere Anreize abtrotzen. "Wir wollen so viel wie möglich vom privaten Sektor zusammenbekommen", umriss Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen das Ziel der Gespräche.

Deutsche und französische Geldhäuser gehören zu den größten Geldgebern Griechenlands. Mit bis zu 20 Milliarden Euro ist das deutsche Gesamtengagement aber überschaubar. Die Banken fürchten, dass Ratingagenturen eine Umschuldung Griechenlands als Zahlungsunfähigkeit einstufen und sie massive Wertkorrekturen vornehmen müssten. Asmussen sagte, eine neuerliche Herabstufung sei bei einer Laufzeitverlängerung nicht zu vermeiden. Ackermann warnte vor einem raschen Schuldenerlass für Griechenland. "Dann sagen andere Länder: ich auch."

Appell griechischer Wissenschaftler

EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark sagte in Berlin, es gehe darum, dass Griechenland seine Wirtschaft völlig modernisiere und umbaue. "Die Finanzierung ist nicht das Entscheidende." Ackermann betonte, Griechenland müsse im Gegenzug zu den Hilfen seinen Sparplan umsetzen und Privatisierungen vorantreiben. Griechische Wirtschaftswissenschaftler riefen ihr Heimatland zu Reformen auf. "Dies ist die letzte Chance für Griechenland, sich zu modernisieren, und diese Gelegenheit wird nicht von langer Dauer sein", warnten unter anderem Nobelpreisträger Christopher Pissarides von der Londoner LSE und Michalis Haliassos von der Goethe-Universität Frankfurt. Das Land drohe sonst, "sich zu einem verarmten Drittwelt-Staat zurückzuentwickeln".

mm/Reuters / Reuters