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Die Lösungen für Griechenland: Eine Krise - zwei Auswege

Pleite, Rettung, Pleite... Politik und Ökonomen rätseln über den besten Weg für Griechenland. Schuldenschnitt oder Milliardenhilfen - die Chancen und Risiken der beiden Wege.

Von Friederike Ott

Ganz Europa fragt sich, wie sie mit Krisen wie der in Griechenland umgehen sollen. Keine einfache Aufgabe: Selbst die Wissenschaft ist tief gespalten in der Frage, wie Griechenland die Schulden in den Griff bekommen kann.

Die einen, zu denen Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gehört, halten einen Schuldenschnitt für die einzig richtige Lösung. Dabei verzichten die privaten Gläubiger - also die Banken und Versicherungen, die in Form von Staatsanleihen Griechenland Geld geliehen haben - auf einen Teil ihrer Forderungen. Und nehmen die Verluste in ihre Bücher. Eine Möglichkeit ist, dass sie ihre alten Anleihen in neue mit einer längeren Laufzeit tauschen.

Das wäre gut für die Griechen, denn sie wären einen Teil ihrer Schulden dauerhaft los. "Griechenland erstickt unter der Schuldenlast", sagt Fichtner. "In den kommenden zehn Jahren wird das Land nicht in der Lage sein, die Schulden zurückzuzahlen." Zudem würde der Druck von den Griechen abfallen, die öffentlichen Unternehmen an private Investoren unter Wert zu verkaufen. "Die Griechen verschleudern sonst ihr Tafelsilber", so Konjunkturexperte Fichtner.

Er ist davon überzeugt, dass ein weiteres Rettungspaket die Pleite Griechenlands nur verschieben würde. Besser sei es, jetzt zu überlegen, wie man einen Schuldenschnitt vornimmt. "Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr unterstützt man den Rückzug privater Gläubiger aus den Staatsanleihen." Sie würden dann nicht mehr an den Kosten für eine Rettung Griechenlands beteiligt.

Schuldenschnitt könnte als Zahlungsunfähigkeit Griechenlands gewertet werden

Der Wissenschaftler übt harte Kritik an den Banken, die griechische Staatsanleihen gekauft haben, obwohl das Land bereits hoch verschuldet war. "Die Banken haben den Griechen das Geld hinterher geschmissen. Die Institute haben völlig sorglos investiert", sagt er. "Sie haben angenommen, dass griechische Staatsanleihen ohne Risiko sind. Wenn sie jetzt nicht an den Kosten beteiligt werden, dann hatten sie mit dieser Annahme recht." Eine Marktwirtschaft könne nur funktionieren, wenn Gewinne und Verluste in einer Hand bleiben.

Diese Ansicht vertritt auch Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). "Ein Schuldenschnitt würde den Anlegern signalisieren, dass sie ihr Handeln abwägen müssen. Die privaten Institute haben sonst keinen Anreiz, das Risiko ihrer Investitionen zu bewerten." Seiner Meinung nach spricht einiges dafür, dass die Banken bewusst auf eine Rettung des Landes im Notfall gesetzt haben. Denn in einer Zeit, in der Griechenland bereits doppelt so viele Schulden gehabt habe wie Deutschland, seien die Zinsen für griechische Anleihen genauso hoch gewesen wie für deutschen Anleihen. In der Regel sind Zinsen ein Indikator für das Risiko, das ein Investor eingeht. Je höher die Zinsen, desto riskanter die Anlage.

Fichtner vom DIW räumt jedoch ein, dass ein Schuldenschnitt auch für Unruhen auf den Kapitalmärkten sorgen könnte. Griechenland könnte es in Zukunft schwer haben, Kredite zu bekommen. "Die Banken und Versicherungen werden sich sehr genau überlegen, ob sie den Griechen noch einmal Geld leihen", so Fichtner. Das hat seiner Meinung nach aber einen Vorteil: Die Griechen wären gezwungen, möglichst schnell Strukturreformen auf den Weg zu bringen, um sich wieder Geld leihen zu können.

"Das griechische Bankensystem würde kollabieren"

Nach Überzeugung von Holtemöller vom IWH wird es in jedem Fall einen Schuldenschnitt geben. "Es ist nur die Frage, wann", sagt er. Es sei ausgeschlossen, dass Griechenland die Schulden bedienen kann. "Wenn wir jetzt einen weiteren Kredit geben, dann werden wir wieder vor dem gleichen Problem stehen."

Es gibt aber auch Experten, die den Schuldenschnitt für zu gefährlich halten. Ein solcher könne als Zahlungsunfähigkeit Griechenlands gewertet werden. Griechische Banken könnten zusammenbrechen mit Auswirkungen auf das gesamte Euro-Finanzsystem. Manche fürchten sogar ähnliche Dominoeffekte wie bei der Pleite der US-Investmentbank Lehman-Brothers, die das amerikanische Finanzsystem an den Rande des Kollapses brachte.

Zu ihnen gehört auch Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung. "Das griechische Bankensystem würde kollabieren, die EZB müsste die Institute stützen", sagt er. Wenn Griechenland pleite sei, würden die Finanzmärkte das auch von anderen Krisenländern wie Portugal, Spanien oder Griechenland annehmen, so der Wissenschaftler. "Das gesamte europäische Finanzsystem geriete in eine schwere Schieflage." Und dann, so seine Prognose, müssten die Banken mit Steuergeld gestützt werden. "Das würde teurer werden als jedes Rettungspaket."

"Griechenland kann sich selbst retten"

Deshalb plädiert er für neue Milliardenhilfen. Auch, weil sie Vertrauen in die Eurozone brächten, die sonst zerbrechen würde. Horn ist sogar der Meinung, dass Griechenland eine Chance hätte, sich selbst zu retten. Derzeit zahlt Griechenland auf seine Staatsanleihen einen Zinssatz von fünf Prozent. "Den könnte man durchaus um einen Prozentpunkt heruntersetzen", so Horn. Zudem müsse man Griechenland mit einem Konjunkturprogramm stützen.

Was derzeit noch gegen einen Schuldenschnitt spricht, ist das Problem, dass es keine gesetzlichen Regelungen für den Umgang mit Staatspleiten gibt. Auf privater Ebene greift das Insolvenzrecht. Wenn der Schuldner seinen Verpflichtungen nicht nachkommen kann, bestehen klare Regeln, wer wie am Verlust beteiligt wird. Bei Staaten gibt es das nicht.

Immerhin haben sich die ersten Banken inzwischen bereit erklärt, sich freiwillig an einem Hilfspaket für Griechenland zu beteiligen: Die belgisch-französische Bankengruppe Dexia hat Finanzkreisen zufolge signalisiert, die Laufzeit von 4,2 Milliarden seiner griechischen Staatsanleihen zu verlängern. Nach Angaben aus italienischen Regierungskreisen sind mehrere Banken des Landes ebenfalls zu einem Zahlungsaufschub bereit. Auch die französische Credite Agricole hat ihr Entgegenkommen signalisiert. Sie hat Griechenland besonders viel Geld geliehen. Das Bundesfinanzministerium spricht unter anderem mit der Deutsche Bank und der Allianz.

Auch wenn das Problem damit noch lange nicht gelöst ist - ein Zahlungsaufschub würde dem mit 340 Milliarden Euro verschuldeten Land eine Atempause verschaffen, um sein Defizit abzubauen, Reformen umzusetzen und wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen.