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29. September 2008, 16:50 Uhr

Der Blutsonntag von Rüsselsheim

Bei einer wilden Verfolgungsjagd in der Rüsselsheimer Innenstadt sind sechs Schweine ums Leben gekommen. Die Polizei spricht von einer "Rotte mit bislang nie dagewesener Aggressivität". Noch hat die Polizei keine Erklärungen für die dramatische Eskalation am Blutsonntag. Von Manuela Pfohl

Arme Sau: Im Kugelhagel der Polizei starben sieben Wildschweine in Rüsselsheim. Sie hatten sich mit den Beamten aus bislang unbekannter Ursache eine Verfolgungsjagd geliefert© Hans Reinhard/picture alliance

Rüsselsheim am Tag danach. In der Innenstadt scheint alles zu sein wie immer. Menschen bummeln durch die Straßen, shoppen in der Fußgängerzone, sitzen in den Cafe´s, als wäre nichts gewesen. Nur die Einschusslöcher an einer Hauswand und die notdürftig abgeklebte zersplitterte Glastür des Kinos erinnern an die Schießerei, die am Sonntag die Stadt in Atem hielt. Ein Horrorszenario, das mehr als fünf Stunden dauerte und sechs Todesopfer forderte: Arme Schweine. Wildschweine, um genau zu sein.

Hauptkommissar Rainer Müller versucht die Tragödie des Blutsonntags von Rüsselsheim zu rekonstruieren. Doch noch gibt es keine Erklärungen. Denn eigentlich hatte alles ganz harmlos angefangen. Morgens um exakt 9.19 Uhr. Nach ersten Ermittlungen ging bei der Polizei zu diesem Zeitpunkt ein Notruf ein. Vor dem Vorgarten eines Hauses habe sich eine offenbar autonome Gruppe von Wildschweinen zusammengerottet, meldet der Anrufer. Die sofort herbeigeeilten Beamten konnten feststellen, dass sich die Tiere durch den Zaun einen Zugang verschafft hatten. Polizeisprecher Ernst Konrad: "Die Kollegen und ein Diensthund umstellten das Gelände und versuchten mit Warnfackeln die Schweine in den Garten zu treiben, um sie dort festzusetzen." Noch hätte es für die Täter mit einem Platzverweis enden können. Doch die Deeskalationsstrategie ging nicht auf.

Schweine gingen taktisch vor

Als hätten sie es in einem der bei Demonstranten inzwischen üblichen Trainingscamps geübt, brach zunächst ein Schwein aus der Rotte aus und versuchte die Polizisten mit geschickter Taktik vom Rest der Gruppe abzulenken. Zwar hatte sich eine Beamtin noch bemüht, den Rädelsführer mit einem gezielten Schuss aus ihrer Waffe in Schach zu halten, doch das Tier konnte unverletzt in den Ostpark entkommen. Kurz danach eskalierte die Situation. Die anderen sechs Tiere der Rotte brachen in Richtung Innenstadt aus, wo sie brutal und rücksichtslos alles niedermachten, was ihnen in den Weg kam.

Konrad zieht die Schreckensbilanz: Dutzende Menschen konnten sich erst in letzter Minute vor dem Angriff der Schweine retten. Eine ältere Frau verletzte sich leicht, als sie vor Schreck hinfiel. Neben mehreren Zäunen wurde auch die Glastür des Kinos zerstört, als ein Schwein offenbar ohne alle Skrupel durch die Scheibe raste. Auch die Heckscheibe eines Autos wurde durch den Kugelhagel der Polizei in Mitleidenschaft gezogen, als die Rotte versuchte, sich auf einem Parkplatz zu verschanzen. Bis 13.45 Uhr dauerte der wilde Widerstand gegen den Sonntagsfrieden. Mehr als hundert Schüsse waren nötig, um ihn schließlich zu beenden. Sechs tote Schweine und viele Frage sind geblieben.

Chaos-Sturm durch Rüsselsheim

Warum, so fragen sich die Menschen, war es nicht möglich, die Tiere von ihrem Chaos-Sturm durch Rüsselsheim abzuhalten? Hätten mehr Beamte eingesetzt werden müssen? Waren sie mit der Situation überfordert? Welche Verantwortung trägt die Führungsebene im südhessischen Polizeipräsidium? Polizeisprecher Rainer Müller wiegelt ab. "Soviel Aggressivität hatten wir hier noch nie. Darauf waren wir überhaupt nicht gefasst. Das muss erstmal aufgearbeitet werden", sagt der Hauptkommissar.

Zur Anzahl der eingesetzten Beamten will er "aus polizeitaktischen Gründen" nichts sagen. Nur soviel ist bekannt: Für die "Gefahrenabwehr" waren nach "Abschätzung der Einsatzlage" auch Kollegen aus den Nachbargemeinden angefordert worden. Zu den bescheidenen Schießqualitäten der Polizisten erklärt Müller: "Das was die Kollegen da vor sich hatten, waren ja keine statischen Ziele. Die Schweine liefen doch völlig unkontrolliert herum. Da trifft man nicht so einfach, zumal es ja im Rahmen der professionellen Gefahrenabwehr vor allem darum ging, Unbeteiligte zu schützen. Und das ist uns gelungen, das ist das Wichtigste."

Von Manuela Pfohl
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
Krampe (30.09.2008, 17:33 Uhr)
@PCGamer
Schon mal etwas von Flintenlaufgeschossen (Einzelgeschosse für Schrotläufe) (z.B. Brenneke) gehört??? Geh' lieber spielen, statt zu unken.
Mit 9mm Pistolenmunition kann man eine starke Sau kaum töten. Die hat nämlich (z.B. 9mm Luger) nur ca. 500 Joule Mündungsenergie. Für Schalenwild ist Munition mit min 2.000 Joule in 100m Entfernung gesetzlich vorgeschrieben. Diese erreicht man fast ausschließlich mit Langwaffen ab einem Kaliber größer 6mm.
Dazu kommt, daß die Polizei in einigen Ländern wohl noch Vollmantel-Munition verschießt. Diese durchschlägt einen Körper, ist aber bei gestreßtem Wild kurzfristig fast wirkungslos. Jäger verwenden Zerlegungsgeschosse, die durch starke Zerstörung sofort töten.
wayan (30.09.2008, 15:16 Uhr)
schweine
Schweine mit nie dagewesener Agressivität...Wie wird denn hier von der deutschen Polizei gesprochen......das durften wir uns in den 70ern aber nicht erlauben....das wäre teuer geworden......;o))
PC-Gamer (30.09.2008, 15:03 Uhr)
...
wer das Video gesehen hat, weiss warum die 100 Schuss brauchten.
Mit Schrot auf Wildschwein ist schon mehr als fragwürdig.
babysnake (30.09.2008, 15:02 Uhr)
Perlen vor die Wildsäue
ist dieser Artikel. Schlagartig wird einem beim Lesen der Kommentare bewusst, dass Deutschland in der Tat das "Epizentrum der Humorlosigkeit" (André Heller) ist.
STR_EDDS (30.09.2008, 13:07 Uhr)
@Sportmakler
Yep. Das sind übrigens die Selben, welche ein paar Links weiter den Finanzexperten geben. :-) Das stern.de Expertenteam.
sportartmakler (30.09.2008, 11:19 Uhr)
hätte nie gedacht
so viele scharfschützen hier auf stern.de zu begegnen, habe die ehre.
überall diese nervigen besserwisser und vor allem -könner
Alexander0815 (30.09.2008, 10:49 Uhr)
Bekloppte Kommentare
Wenn man manche Kommentare hier liest, dann kann man nur den Kopf schütteln. Zum einen ist es so, dass die Polizisten ja scheinbar wirklich versucht haben die Wildschweine "friedlich" zu stoppen. Erst als sie ausgerissen waren, mussten sie handeln. Und wer tatsächlich schonmal einem wildgewordenen Wildschwein begegnet ist, der weiss wie gefährlich und agressiv diese Tiere - vor allem in einer Rotte - sein können. Da hätte nichtmal ein Pitbull ne Chance. Es ist auch klar, dass die Munition der Polizisten für sowas nicht ausgelegt ist und ein Schwein das angeschossen ist - genauso wie ein Verbrecher - nicht unbedingt den Schmerz spürt, wenn es so richtig in Fahrt ist. Ich glaube gern, dass hier ein sicheres Zielen nicht möglich war, vor allem deshalb, da der Schutz der Menschen Vorrang hatte und die Polizisten daher erstmal prüfen mussten ob sie Menschen gefährden und erst dann in Richtung des Rudels schiessen konnten. Von daher glaube ich gern, dass da viel geballert werden musste. Und es ist ja wohl was anderes als 08/15-Polizist zu schiessen, als als Scharfschütze den sog. finalen Rettungschutz auszuführen. Die meisten Kommentare hier drin kommen scheinbar von irgendwelche Möchtegern-Tierfreunden oder grundsätzlichen Gegner der Polizei. Und was den Ruf nach dem Förster angeht ... hier musste es schnell gehen, es waren u.U. Menschenleben in Gefahr. Wer hatte also die Zeit erst einen Revierförster zu rufen? Und was hätte der gegen ein Rudel Wildschweine ausrichten sollen? Also, erst Gehirn einschalten, dann kommentieren.
tripex (30.09.2008, 08:44 Uhr)
Schweine sind doch selbst schuld
Kann jerk nur Recht geben. Es ist traurig, die Schweine erst zu verschrecken, dann unprofessionell zu versuchen einzufangen und letztendlich mit 100 Pistolenschüssen zu massakrieren. Und natürlich sind die agressiven Schweine selbst schuld. Warum haben sie sich auch der Staatsgewalt widersetzt und sind weggerannt, nachdem sie einen Schuß gehört haben, warum ist der eine Eber vorsätzlich und terroristenmäßig durch eine glasklare Scheibe gerannt, die er doch hätte sehen müssen. Gibt's sowas nicht im Wald? Ich kann nur den Kopf schütteln.
salbo (30.09.2008, 07:58 Uhr)
Leckerer Schweinebraten
Hätte man Die professionell erlegt
könnte man mit ein, zwei Fass Bier
"Little Oktoberfest" feiern können.
obermotzbruder (30.09.2008, 07:28 Uhr)
War der Herr Reporter
bei der Hatz dabei? Ich glaube eher nicht. Sein Wissen hat er doch sicherlich aufgrund Angaben sonntäglicher Sesselpuper die einer Wildsau noch nie Aug in Aug gegenüberstanden. Die Viecher können tödlich sein. Und wenn der Staat der Polizei kann Mannstopmunition zur Verfügung stellen kann, sollte man nicht über die Polizei spotten sondern mal bei den Herrn Politikern nachfragen, die unsere Polizei nicht mehr vernünftig ausrüsten.
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