Zimmer frei - bei Oma

23. Dezember 2012, 17:21 Uhr

Die Wohnungsnot ist in den meisten Unistädten katastrophal. Der Ausweg: Studenten ziehen bei Rentnern ein - und packen mit an, statt Miete zu bezahlen. Funktionieren diese Wahlverwandtschaften? Von Alina Bube

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Auch Monate nach dem Semesterbeginn suchen viele Studenten immer noch ein Dach über dem Kopf©

Bevor sie sich einen Studenten ins Haus holen wollte, sprach Sieglinde Lohmüller, 71, mit ihren beiden Kindern. Die rieten der alten Dame ab, und zwar unmissverständlich. "Die haben gesagt: Mama, der trinkt dir das letzte Bier aus dem Kühlschrank und bestimmt das Fernsehprogramm", erzählt Lohmüller im Gespräch mit stern.de. Aber die Rentnerin ließ sich nicht beirren. "Ich dachte mir: Wenn's gar nicht klappt, kann er ja wieder ausziehen." Samuel Essler, 21, blieb. Er wohnt jetzt in einem der ehemaligen Kinderzimmer in Lohmüllers Haus in Tübingen. Der junge Psychologiestudent führt den Hund aus und geht der Witwe im Haushalt ein wenig zu Hand. Im Gegenzug muss er keine Miete zahlen. Ein Deal. Geboren aus der Wohnungsnot. "Wohnen für Hilfe" heißt das Konzept.

Erfunden hat es Anne-Lotte Kreickemeier, ehemals Professorin für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Darmstadt. Seit Anfang der 90er Jahre protegiert sie bundesweit die gemeinnützige Vermittlung von Wohnraum zwischen Alt und Jung. In Tübingen, wo Samuel studiert, koordiniert der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) die Angebote, 23 Rentner-Studi-WGs haben sich allein 2012 gefunden. Die Nachfrage ist über die Jahre stetig gestiegen, weil bezahlbarer Wohnraum immer knapper geworden ist. Ein typisches Phänomen in deutschen Unistädten. Bei Samuel war es so, dass er zu seinem Studienbeginn im Oktober 2011 schlicht überhaupt keine Unterkunft gefunden hatte. Also meldete er sich bei "Wohnen für Hilfe" an. Deren Regularien: pro Quadratmeter Wohnfläche ist eine Stunde Hilfe pro Monat fällig. Fürs Quartier zahlt der Wahlverwandte nur die Mietnebenkosten.

Unterschiedliche Hygienevorstellungen

Aber welcher Student will das eigentlich? Raus aus der Familie, rein in die Familie? Und dann noch in die Gesellschaft von Menschen, die die eigenen Großeltern sein könnten? Samuel hat dazu ein entspanntes Verhältnis. "Ich war ein Jahr in Ghana und ein Jahr in den USA in einer Familie", sagt er. "Der Austausch hat mich schon immer gereizt, mitzubekommen, wie andere Menschen ihr Leben gestalten, die vielleicht ganz unterschiedliche Gewohnheiten und Ansichten haben." So reibungslos und idealtypisch läuft es natürlich nicht immer. Zwei Tübinger Wohnpartnerschaften mussten dieses Jahr wieder aufgeben, räumt Lisa Federle ein, Chefin des DRK-Kreisverbandes. "Das lag an unterschiedlichen Hygienevorstellungen, unterschiedlichen Lebensstilen. Der Student ist zu laut, zu unordentlich, der Senior zu anspruchsvoll. Manchmal passt es eben einfach nicht", erklärt sie.

Um solchen Misfits vorzubeugen, beraten die Träger der Vermittlungsdienste - meist karitative Einrichtungen, das Studentenwerk oder die Stadt - beide Parteien vor dem geplanten Zusammenleben ausführlich. Es geht darum, Wünsche und Ängste zu ermitteln, Erwartungen anzugleichen und zu testen, ob die Chemie stimmt. Bei Annemarie und Günther Wolfarth hat das gut funktioniert. Die beiden Studenten, die im Stuttgarter Haus der Wolfarths wohnen, übernehmen im Winter das Schneeschippen, im Sommer die Gartenarbeit und die Einkäufe sowieso. "Für uns ist ein Student kein Fabelwesen, obwohl wir schon 84 und 90 Jahre alt sind", sagt Annemarie Wolfarth. "Die beiden waren uns sympathisch, also warum nicht? Ich gebe ihnen meine Bankkarte zum Einkaufen mit, lasse sie mit meinem Auto fahren. Ich vertraue einem Menschen so lange, bis er mich enttäuscht. So bin ich eben. Und so macht das Zusammenleben Spaß. Mit Mut und Toleranz auf beiden Seiten klappt das."

Trend zur "Wahlfamilie"

Für Horst Opaschowski, Zukunftsforscher in Hamburg, spiegelt dieses Modell einen Megatrend der Gesellschaft. "Der Staat hat als Versorger des Lebens ausgedient", sagt Opaschowski zu stern.de. "Für die Zukunft zeichnet sich eine Gemeinschaft der Gegenseitigkeit ab: Ich helfe dir, wenn du mir hilfst." Diese freiwillige wechselseitige Fürsorge greife vor allem deshalb Raum, weil die Verwandtschaftsverhältnisse mangels Nachwuchs schon recht ausgedünnt seien. "Menschen ohne Kinder und Enkel müssten kontaktfreudig bleiben, wenn sie in einer Gesellschaft des langen Lebens nicht allein sein wollen", sagt Opaschowski. "Zur sogenannten 'Wahlfamilie' gibt es für sie keine Alternative."

Tatsächlich dehnt sich das das Konzept "Wohnen für Hilfe" neuerdings immer weiter aus. Vermittelt wird nicht nur zwischen Alt und Jung, auch Alleinerziehende und Eltern mit Kindern haben die Idee für sich entdeckt. In Köln hat Familie Küpper die Studentin Damaris Fagin bei sich aufgenommen. "Sie ist schon eine große Entlastung, wenn sie sich sechs Stunden die Woche um den Haushalt kümmert. Wir sind beide berufstätig, und haben so abends wirklich Zeit für die Kinder", sagt Wolfgang Küpper stern.de. Auch Damaris ist vollauf zufrieden. "Ich hätte sonst zwei Stunden pendeln müssen", sagt sie. "Jetzt wohne ich in meinem eigenen Appartement hinterm Haus. Ich traue mich manchmal gar nicht, meinen Kommilitonen zu erzählen, wie viel Glück ich hatte."

Samuel zieht aus

Samuel Essler, der Psychologiestudent, der bei Sieglinde Lohmüller in Tübingen eingezogen ist, wird im Frühjahr 2013 übrigens wieder seine Sachen packen. Nicht, weil es ihm in seiner Bleibe nicht gefallen hätte. Sondern, weil er eine neue Community gefunden hat: Essler heiratet.

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