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30. August 2009, 07:42 Uhr

Exklusives für die Massen

Auf Gran Canaria wurde lange mit Beton geklotzt. Nun stehen die Bettenburgen leer. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres reisten 14,7 Prozent weniger Urlauber auf die Kanaren. Mit Wellness-Tempeln und Niveau will man die Touristen zurückgewinnen. Von Sascha Rettig

Gran Canaria, Wellness, kanarische Inseln, Spanien

Das Äußere blieb, innen wurde aufgeräumt: das Seaside Hotel Palm Beach© Sascha Rettig

Eine Fahrt entlang der Südküste Gran Canarias gleicht einer seltsamen Zeitreise. Innerhalb kürzester Zeit gelangt man dort von den 60er und 70er Jahren bis in die Gegenwart. Vorbei an den funktionalen Hotelbausünden von einst, die sich vor allem in Playa del Inglés wild wuchernd ineinander verschachteln, bis zur hochmodernen Anhäufung von Vier- bis Fünf-Sterne-Resorts im neuen, schicken Touristenort Meloneras. Weil nichts abgerissen, sondern immer einfach nur weiter gebaut wurde, ist so auf ein paar Kilometern in Beton gegossen, dass früher die Nachfrage groß und der Komfortanspruch der Massentouristen eher gering war. Unübersehbar, dass die zweitgrößte kanarische Insel vor einigen Jahren durch den gedankenlosen Hotelbauwahn langsam in die Krise rutschte.

Die Besucherzahlen der Vulkaninsel vor der Küste Afrikas sind in den vergangenen Jahren immer ein Stückchen weiter gesunken: Kamen 1999 noch rund 3,1 Millionen Touristen, waren es 2008 nur noch knapp 2,7 Millionen. Die Ansprüche der Touristen haben sich offensichtlich verändert. Die Konkurrenz, wie die Türkei, hat kräftig aufgerüstet. Auf Gran Canaria mussten deshalb neue Konzepte her: Seit einigen Jahren wird versucht, vom Image des Billigurlaubs und Rentnerparadieses wegzukommen. Dafür probiert man den Spagat und will exklusiver für die Massen werden - mit ungewöhnlichen Ideen für Hotelanlagen, mit saftig grünen Golfplätzen in der trockenen, kargen Steinlandschaft und mit mittlerweile über einem Dutzend Wellness- und Spa-Arealen.

Massage mit Atlantikblick

Wellness ist dabei aber nicht immer gleich Wohlfühlurlaub, sondern unter Umständen kaum mehr als ein kleines Schwimmbecken mit ein, zwei Saunen, fünf Liegen und ein paar Massageräumen. Beispielhaft hingegen ist das Thalasso-Corallium in Lopesans Villa del Conde in Meloneras. Das Meerwasserbad mit seinen Sprudel-, Entspannungs- und Schwebebecken beeindruckt mit seinem reduzierten Design und klarer Eleganz. Die Massagen und Anwendungen kann man sich vorm Panoramafenster mit unverbautem Atlantikblick geben lassen.

Das Villa del Conde zeigt, dass es auf Gran Canaria auch anders geht. Der Ausblick, den die vielen Mittelstandsfamilien und Pärchenurlauber von den Liegen rund um die Pool-Landschaft aus teilen, fällt dort nicht auf abweisendes Grauen in Bienenwabenarchitektur. Stattdessen ist die Anlage in einer Mischung aus Größenwahnanflug und geschmackssicherer Künstlichkeit einem kanarischen Dorf nachempfunden - mit 561 Zimmern. Die verteilen sich über fast ein Dutzend unterschiedlicher Häuser im kanarischen Stil, während der Nachbau einer der ältesten Kirchen der Insel, der Iglesia de San Sebastian, als Empfangshalle dient.

Perfekt arrangierte Geranienblüten

In Puerto de Mogán, abseits des Touristenzentrums, verfolgt das etwas bodenständigere Cordial Mogán Playa ein ähnliches Konzept. Auch dort verschwinden die knapp 500 Zimmer in zahlreichen Häusern, die sich zwischen Swimmingpools und üppig grüner Bepflanzung auf einem weitläufigen Gelände verteilen. Dadurch ist es trotz der Urlauberherden durchaus möglich, Ruhe in der Masse zu finden. Zwar ist man im einstigen Fischerdorf Mogán ohne Mietwagen etwas abgeschnitten vom Rest der Insel. Dafür befindet sich das Cordial im wohl schönsten Ort Gran Canarias, dessen Hafenviertel bis in die letzte, perfekt arrangierte Geranienblüte fast schon unheimlich malerisch ist.

Selbst in solchen Anlagen wie dem Cordial oder auch dem Villa del Conde sind die Übernachtungen derzeit verhältnismäßig günstig zu haben. Die Krise ist auch dort angekommen. Doppelt durchgeschlagen hat sie jedoch an dem Ort, wo es vor über vier Jahrzehnten die ersten Pauschalurlauber hinzog: In Playa del Inglés kommt zur globalen Wirtschaftskrise noch die selbst verschuldete dazu. Auch deutschen Touristen reicht es heute offenbar nicht mehr, dass es neben Strand und Sonne eine komplette deutsche Infrastruktur mit Ärzten und Bäckern, Weißwurst und Weizenbier gibt.

Seite 1: Exklusives für die Massen
Seite 2: Fatale Situation an der Strandpromenade
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
islacanarianet (30.08.2009, 18:28 Uhr)
viel Wahrheit, kleiner Fehler
im Artikel steckt die traurige Wahrheit über den tourisischen Süden Gran Canarias. Dennoch ist Gran Canaria nicht die zweitgrösste Kanareninsel, sondern hinter Teneriffa und Fuerteventura nur die drittgrösste!
facilidad_de_ser (30.08.2009, 17:33 Uhr)
Das Problem....
...für viele Besucher ist, dass an den Stränden Gran Canarias so gut wie alles, was Spass macht, verboten ist. Fussball, Strand-Pingpong, Frisbee, sofort kommt die Polizei und konfisziert das Spielzeug.
Wenn man es zurück haben will, muss man sogar eine Strafe bezahlen. Unverschämt ist sowas, und es wird sich hoffentlich rächen. Man spuckt nicht in die Suppe, die man ißt.
Spielen verboten, das wäre hier in meiner Wahlheimat Mallorca ein Grund für die Bürger auf die Barrikaden zu gehen.
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