Das weite Meer, bizarre Vulkaninseln, Sonne und ein Schiff, auf dem der Kapitän der Lehrer ist - nicht fürs Segeln, sondern für italienische Lektionen. Ein Törn mit lernwilliger Crew rund um die Liparischen Inseln vor Sizilien. Von Stéphanie Souron

Lipari ist die größte Insel des Archipels, und so ist der Hafen stets Anlaufpunkt für Touristenschiffe© Eva Häberle
Die Suche nach dem Unsichtbaren beginnt kurz vor der Insel Vulcano. Seit dem Auslaufen aus dem Hafen von Milazzo auf Sizilien tuckert die "Solitaire 2" vom Motor angetrieben durch das Tyrrhenische Meer, nun aber soll endlich der Unsichtbare das Kommando übernehmen. Der Capitano kurbelt am Steuerrad, der Bug dreht in Richtung Nordost, und dann passiert es: Der Wind drückt sich in das Segel, bläht den Stoff auf und schiebt das Boot voran. Der Capitano lächelt zufrieden und stellt den Motor ab. Das nervige "Puk-Puk-Puk" verstummt, nur die Wellen schlagen noch sanft gegen den Bootsrumpf. "Adesso veleggiamo, jetzt segeln wir", ruft er. Na endlich, Kurs auf Lipari!
"Italienisch lernen auf dem Segelboot" heißt die Reise mit Franco Di Santi, 45, der auf dem Schiff Kapitän, Sprachlehrer und Smutje in Personalunion ist. Der Sizilianer hat das charmante Lächeln eines italienischen Film-Lovers und den Händedruck eines Seebären. Normalerweise leitet er eine Sprachschule in Milazzo, doch seit er vor sechs Jahren mit dem Segelboot den Atlantik überquert hat, kreuzt er regelmäßig mit seinen Schülern und Segeltouristen auf dem Mittelmeer zwischen den Liparischen Inseln nordöstlich von Sizilien. Dass er auch Deutsch spricht, verrät er erst nach zwei Minuten Unterhaltung mit Händen und Füßen. "Der Lerneffekt ist größer, wenn die Schüler nicht wissen, dass ich ihre Sprache verstehe", sagt er und zeigt schon wieder sein charmantes Lachen.

Doch weil auf dem Schiff die Hälfte der Besatzung "Italienisch für Anfänger" gebucht hat, lässt Franco sich dazu herab, die wichtigen Dinge auch auf Deutsch zu kommunizieren. "Kombüse machen" zum Beispiel, was in der Theorie bedeutet, dass die Mannschaft sorgfältig plant, welche Lebensmittel sie braucht, um eine Woche auf dem Schiff zu überleben. In der Praxis gehen alle zusammen in den Supermarkt und schaufeln in die Einkaufswagen, was es zu greifen gibt: Schokolade, Sambuca, Chips und Pesto, es türmt sich der Proviant für eine Kompanie. Franco sichert zumindest die Grundbedürfnisse an Pasta, Gemüse und Klopapier. Nina, 28, die schon ihren dritten Segeltörn mitmacht, kümmert sich um Cola, Kekse und Grappa. "Falls jemand über die Reling kotzt."
Auf dem Schiff verschwinden die Sachen schnell in Schränken und Schubladen, während der Fahrt darf nichts herumstehen - die Wellen sind unberechenbar. Bevor es losgeht, beziehen alle die Kabinen. Katja, 25, und Metka, 26, finden schnell das passende Wort für ihre Behausung: "Kaninchenstall". Katja arbeitet als Tierarzthelferin in Schondorf, Metka studiert im slowenischen Maribor. Erst vor ein paar Stunden haben sich die beiden Frauen kennen gelernt, jetzt schlafen sie gemeinsam in einer Koje, die am Kopfende etwa 1,20 Meter Breite misst und an den Füßen 70 Zentimeter. "Am Anfang sind die Leute von der Enge im Boot erschreckt, aber beim Abschied liegen sie sich meist in den Armen", tröstet Franco.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2006