Die andere Art, Harlem zu entdecken

Wer in Manhattan andere Attraktionen als Freiheitsstatue und Central Park sehen möchte, engagiert einen Big Apple Greeter: Diese New Yorker sind ehrenamtlich tätig und führen Besucher individuell durch ihre Metropole. Durch den persönlichen Kontakt erfährt jeder mehr über die Stadt - und das kostenlos. Von Katharina Finke

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Einer der 300 Big Apple Greeter: Fred Alexander©

U-Bahnen rattern unter dem Asphalt, Taxis rasen vorbei und die Menschen hasten über die Straße. "Willkommen in New York", stellt sich Fred Alexander vor und lächelt. Der 81-Jährige mit grauem Vollbart trägt Hemd, Krawatte und ein Jackett mit einem großen Anstecker. Darauf: ein roter Apfel, darin eingebettet ein Handschlag und der Schriftzug "Big Apple Greeter New York City".

Big Apple Greeter bietet Touristen in New York eine Erkundungstour der anderen Art: Kostenlos führen Einheimische kleine Gruppen durch einen der fünf Stadtteile. Die Sehenswürdigkeiten sind dabei nur nebensächlich. Viel wichtiger sind die subjektive Perspektive und die persönlichen Geschichten der rund 300 ehrenamtlichen Greeter. So einer ist auch Fred, der heute eine Gruppe durch Harlem führt.

Uptown nach Harlem

"Wir fahren Uptown", sagt Fred, nimmt die Besucher mit in die U-Bahn und fängt gleich an zu erklären: Es gibt die Fahrtrichtungen Uptown und Downtown, nach Norden und Süden, und zwei Zugarten, Local und Express. Erstere halten an allen und letztere nur an den größeren Stationen. Die Türen schließen automatisch und Fred setzt sich mit den Besuchern auf die roten Plastikbänke. "Das ist die älteste U-Bahn-Linie, sie wurde 1904 gebaut", sagt er in nahezu akzentfreiem Deutsch. Kein Wunder, denn Fred wurde in Gelsenkirchen geboren und besuchte in Köln die jüdische Grundschule. Während des Zweiten Weltkrieges floh seine Familie in die USA.

"Next stop: 125th Street", schallt es aus den U-Bahn-Lautsprechern. Die Gruppe steigt aus, und Fred deutet auf ein Mosaik in der Wand des U-Bahnhofs. "Meistens kann man unten schon sehen, was oben los ist", sagt er. Hier ist die "Gute Mutter" abgebildet, die Schirmherrin der Columbia University.

Zum Apollo Theater in der 125th Street

Nach dem Besuch der Universität führt Fred die Besucher eine große Hauptstraße hinab, die Amsterdam Avenue. "Können Sie sich vorstellen, warum die so heißt?", fragt Fred. Kopfschütteln. "Harlem wurde von einem niederländischen Herrscher gegründet", löst er auf. "Und was heißt Harlem?", fragt eine Besucherin neugierig. "Das weiß ich nicht", gibt Fred zu, "aber das können Sie bestimmt googeln." Während er mit der Gruppe durch den Morningside Park läuft, erzählt er von seinen Erinnerungen an Deutschland, wo er Freunde hat und wohin er regelmäßig zu Besuch kommt. Seit Kurzem hat er auch die doppelte Staatsbürgerschaft.

Am Fuße des Parks stehen moderne Apartmenthäuser. "Hier hat sich einiges getan", sagt Fred. "Knapp hundert Jahre lang war Harlem das Revier der Afroamerikaner. Doch nach der Ermordung von Martin Luther King gab es 1968 viele Brandstiftungen, die Häuser standen lange leer. Es dauerte eine Weile, bis andere Bevölkerungsgruppen kamen und das Viertel prägten", erzählt er und schlendert mit den Besuchern über die 125th Street, der Hauptstraße Harlems. Sie ist gesäumt von Geschäften großer Waren- und Kaffeehausketten. "Von der afroamerikanischen Kultur ist wenig übrig geblieben", sagt Fred und hält an, "aber diese Institution hat es geschafft." Er zeigt auf das Apollo-Theater und erzählt von den Karrieren vieler Schwarzer, die hier auf der Bühne gestanden haben wie James Brown und die Jackson 5.

"Jetzt habe ich mich aber verquatscht", sagt Fred charmant und läuft mit der Gruppe schnell zu einer kleinen Baptistengemeinde. Von außen ein unscheinbares Haus. Doch innen ist der Gottesdienst schon im vollen Gange: So können die Touristen einen singenden Gospelchor und auf den Kirchenbänken mitwippende Gläubige aus nächster Nähe erleben.

"Zum Schluss habe ich noch ein Highlight für Sie", sagt Fred. Er entführt die Besucher ins Sylvia's, das Soul-Food-Restaurant in Harlem. "Hier gibt es noch das traditionelle Essen der Afroamerikaner", sagt Fred, und wir bestellen frittiertes Hähnchen mit Waffeln.

Infos Wer selbst mal eine Tour mit einem Big Apple Greeter machen will, muss sich mindestens sechs Wochen vorher per E-Mail von zu Hause aus anmelden. Denn das Programm, das in 22 Sprachen angeboten wird, ist weltweit sehr beliebt: Knapp 9000 Besucher aus mehr als 120 Ländern haben sich bislang von einem Greeter durch New York führen lassen. Trinkgelder nehmen die Greeter nicht, aber Spenden an die Organisation sind immer erwünscht.

 
 
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