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Roadtrip in die großen Leere

Der Highway 50 führt quer durch den Bundesstaat Nevada und gilt als die einsamste Straße der USA. Unser Autor hat sich hinters Steuer gesetzt und den trüben November in der Seele hinter sich gelassen.

Von Ole Helmhausen

Nichts los hier. Absolut nichts. Man betet, der Wagen möge in dieser grandiosen Umgebung nicht plötzlich liegen bleiben. Die US-50 führt von Ely im Osten nach Carson City, 400 Kilometer weiter westlich. Zwei Käffer, die keiner kennt, weil alle nur nach Las Vegas wollen: das eine eine schläfrige Ex-Boomtown, das andere die Hauptstadt von Nevada. Dazwischen liegt die Great Basin Desert, eine Mondlandschaft aus Fels, Stein und Geröll, und darin wiederum eine Handvoll weiterer Käffer. In allen Stadien des Verfalls.

Natürlich passiert auch dort nichts. Und man stellt fest: Mensch, tut das gut! Nach ein paar Stunden auf dem Asphalt denkt man immer weniger und immer langsamer. Und irgendwann parkt das Hirn dann nur noch auf Stand-by. "Empty your cup", sagen die Amerikaner dazu. Im Land der 50-Stunden-Woche und mit nur zehn Urlaubstagen pro Jahr gibt es viele treffende Ausdrücke für die Symptome der Überarbeitung. "Burn-out", "Sabbatical", "Soul Searching": Wer ausgebrannt ist, lässt den November in der Seele hinter sich, indem er sich eine Auszeit nimmt und in aller Ruhe über den Sinn des Lebens nachdenkt. Und zwar am besten, noch so ein schöner Ausdruck: "in the middle of nowhere", mitten im Nirgendwo. An der US-50 gibt es keine McDonald's, keine Shopping Malls oder andere Abziehbilder des American Dream. Es gibt nur Originale. Wahrscheinlich waren es die windschiefen Saloons mit ihren wurmstichigen Tresen und die Hotels mit ihren knarrenden Metallrahmenbetten, die den Life-Reporter damals abtörnten. Es gebe, schrieb dieser 1988, so gar keine Sehenswürdigkeiten an dieser Straße, und überhaupt sei dies Amerika's einsamste Straße und deshalb nicht zu empfehlen. Seitdem hat die US-50 ihren Namen weg: Als "Americas loneliest road" schreckt sie reisende Großfamilien ab - und zieht Sinnsucher an. Kein Gegenverkehr, keine Sonntagsfahrer, keine Psychopathen, die einem am Heck kleben. Nur diese leere, hitzeflimmernde Straße, die durch endlose, von Salbeibüschen bedeckte Ebenen bis zum Horizont führt, wo sie in der Falte eines braunen Gebirges veschwindet und leise raunt: Genieß mich, Baby! Ich bin die Straße, von der du immer geträumt hast.

Ely, die alte Boomtown, hat sie zumindest halbwegs wachgeküsst. 14.000 Menschen buddelten hier früher in der Erde. Für Kupfer im Wert von einer Milliarde Dollar, es lohnte sich. Seit aber vor 25 Jahren der letzte Hochofen dicht machte, ist der Ort schwindsüchtig, sind die einstigen "glory holes" draußen vor der Stadt nur noch potthässliche Löcher. Im Hotel Nevada, wo früher die Kupfer-Barone wilde Parties schmissen, wartet man heute im kühlen Halbdunkel der Bar darauf, dass was passiert. Bis dahin schwingt der drei Stockwerke hohe Bergmann aus Neonröhren an der Fassade die Spitzhacke weiter. Für die paar Touristen, die sich hierher verirren und ein Foto von ihm machen. Weil sie nicht umsonst gekommen sein wollen. Copper Flat, Treasure Hill, Diamond Range: Immer ging es nur um das Eine. Im Autoradio auch. Sie würde ihren treulosen Gatten am liebsten umlegen, sagt eine Frau. Talk-Guru Dr. Laura rät ihr, die Knarre im Schrank zu lassen und sich ins Auto zu setzen. Um Dampf abzulassen. Dr. Laura ist eine kluge Frau. Empty your Cup, mit Segen aus dem Äther. Im Schatten nackter, brauner Berge arbeitet sich die Straße über ein Gebirge. Jenseits der White Pine Range zerfließt der Alltag daheim endgültig zu einer verschwommenen Collage. Job, Frau, Kind, Kater, alles nicht mehr wichtig. Der Missmut, der zu Hause die Mundwinkel nach unten zog, verliert sich irgendwo zwischen der Kühlerhaube und dem Horizont. Wie weit ist es wohl bis dorthin? Schiffskapitäne würden sagen: Von der Brücke aus 16 Kilometer, min Jung. Hinterm Lenker sieht es viel weiter aus.

Und immer wieder bis zu 3000 Meter hohe Barrikaden. Nacktes Land, mal braun, mal rot, mal purpur. Als hätte der liebe Gott hier geübt, bevor ihm Besseres gelang. Eine psychedelische Landschaft gleitet vorbei, passend dazu im Radio: die Doors, Grateful Dead, Quicksilver. Britney S. würde alles nur versauen. Eureka gleitet vorbei, noch so eine alte Boomtown, die vor sich hinschlummert. 8000 Menschen wühlten früher in den Hügeln ringsum nach Silber. Zwei oder drei wurden reich. Gegenüber dem roten Opera House verkauft der alte Walt Antiquitäten. Und das nur, weil er muss. Das vergilbte Foto von den Postreitern des legendären Pony Express will er nicht verkaufen. Das behält er lieber für sich. Eine Weile folgt die US-50 ihrem Trail. Zwischen 1860 und 1861, kurz bevor die Telegrafie aufkam, beförderte der Pony Express die Post zwischen St. Joseph (Missouri) und Sacramento (Kalifornien). Alle 30 bis 40 Kilometer wurden die Pferde gewechselt. Für die 3000 Kilometer benötigten die Kutschen zehn Tage. In Austin war damals eine der Stationen. Heute stirbt das an die Hänge der Toiyabe Range montierte Nest - "Population: 300" - langsam vor sich hin. Die meisten Häuser stehen leer, schmutzige Gardinen flattern im Wind. Auch hier die klassische Nevada-Story: erst Boom, jetzt Siechtum. Die Straße lässt Austin nicht so einfach sterben. Sie bringt Mountainbiker, denen es in Marin County in San Francisco und Moab, Utah, zu voll ist. Sie toben sich auf den Single-Tracks über der sterbenden Stadt aus. Gelegenheit, das Tempolimit zu überschreiten, gibt es en masse. Kein Mensch zu sehen, schon gar keine Highway Patrol. Schneckentempo fahren kann man aber auch. Niemanden stört's. Oder man hält eine Stunde lang die Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde. Das war das Durchschnittstempo der Postreiter unterwegs. Zwischen Austin und Carson City verkünden Schilder, wenn ihr Trail die Straße kreuzt. Wer aussteigt und aufs Autodach klettert, kann ihn noch sehen. Bis zum Horizont zieht er sich, oft überwachsen, aber immer noch deutlich erkennbar. "Historic Marker", historische Hinweisschilder, erzählen dramatische Geschichten. Wie die vom 14-jährigen Billy Tate. Der junge Postreiter wurde westlich von Austin gleich neben der heutigen Straße von Paiute-Indianern aus dem Sattel geschossen. Bevor er ins Gras biss, lieferte er sich mit seinen Gegnern eine zünftige Schießerei, bei der er, so steht's auf der Tafel, ein halbes Dutzend von ihnen mit ins Jenseits nahm.

Die Salbeibüsche rascheln im Wind.

Wo war man eigentlich selbst mit 14? In Sicherheit, "Die Schatzinsel" von Wolfgang Liebeneiner guckend. Wo ist man jetzt? Auch in Sicherheit. Bis Carson City hat man noch reichlich Zeit zum Nachdenken, doch eines weiß man schon jetzt: Im Grunde hat man es doch verdammt gut. Und das einzige Problem, das man am Ende in Carson City hat, sind zu viele Autos. Und Ampeln.

Weitere Infos
Aviareps Mangum GmbH, c/o Nevada Commission of Tourism, Sonnenstraße 9, 80331 München, Tel. 089 - 23 66 21 37
Nevada Commission on Tourism, 401 North Carson Street, Carson City, NV 89701, USA: www.travelnevada.com
Anreise: Umsteigeverbindungen ab allen deutschen Flughäfen nach Las Vegas und Nonstop-Flüge ab Frankfurt mit Condor bis Las Vegas. Von dort weiter mit dem Mietwagen.

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