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Operation Fort Knox

Die unsinnige Diskussion über die Goldvorräte der Bundesbank offenbart die kindischen Vorstellungen der Deutschen über Besitz, Gold und Geldwirtschaft.

Von Peter Ehrlich

  Um die Bundesbankreserven ist ein bizarrer Streit entbrannt. Dabei kann man mit Goldbarren nichts anfangen, außer vielleicht sie zu stapeln.

Um die Bundesbankreserven ist ein bizarrer Streit entbrannt. Dabei kann man mit Goldbarren nichts anfangen, außer vielleicht sie zu stapeln.

  • Peter Ehrlich

Über 24 Stunden nach Beginn der Debatte hatte es auch die "Tagesschau" bemerkt: Deutschland sucht sein Gold. Als Retter der (noch nicht) Enterbten kam der CDU-Außenpolitiker Philipp Mißfelder zu Wort, dem die Bundesbank offenbar die Goldbarren-Besichtigung in den Zentralbanken der Welt nicht ermöglichen wollte. Und der Bundesrechnungshof hat tatsächlich angeordnet, dass ein paar der im Auftrag der Bundesbank in den USA lagernden Goldbarren jetzt nach Deutschland geholt und testweise eingeschmolzen werden, um die Echtheit zu überprüfen.

Was Mißfelder so toll findet, ist eine unglaubliche Posse. Im Grunde zweifeln ein paar Abgeordnete und der Rechnungshof die Seriosität der Bundesbankbilanz an. Wenn die Bundesbank Goldbestände für 130 oder mehr Milliarden Euro bilanziert, ist es völlig unwichtig, ob das Metall tatsächlich irgendwo liegt oder ob es sich um Zertifikate handelt.

Lustig ist höchstens, dass sich ausgerechnet die Stabilitätswahlkämpfer von der CDU mit den in ihrer Notenbanker-Ehre jetzt leicht gekränkten Bundesbankern anlegen.

Seltsames Verständnis von Geld

Hinter der Posse steht aber etwas anderes. Die Deutschen oder, sagen wir, viele Deutsche haben ein seltsames Verständnis von Geld. Und sie haben ein tief sitzendes Unsicherheitsgefühl, dass ihnen etwas weggenommen werden könnte.

Alle sind für Marktwirtschaft, aber dass die nur funktioniert, wenn der Wert von Rohstoffen, Produkten, Arbeitsleistung und eben auch Konten schwankt, wollen sie nicht wahrhaben. Der Deutsche will eine Welt, in der eine Mark eine Mark eine Mark ist, ein Gramm Gold ein Gramm Gold und die Rente sicher. Diese Welt gibt es aber nicht.

Nach mindestens 20 Generationen Geldwirtschaft sollte man doch wissen, dass es Geld nicht "gibt" wie einen Apfel oder einen Ziegelstein. Geld ist Vereinbarung. Gold auch. Mit Goldbarren kann man nichts anfangen, außer vielleicht sie zu stapeln und mit den dazwischengelegten Brettern ein Regal zu bauen. Gold ist wertvoll, weil alle es für wertvoll halten, nicht weil es wertvoll ist. In der Generation vor Mißfelder wurde dafür immer der Indianer zitiert, der dem geldgeilen und die Umwelt zerstörenden Westen vorhält, dass er erst, wenn der letzte Baum verdorrt ist, merken wird, "dass man Gold nicht essen kann".

Vom Ami heimlich betrogen?

Geld ist sinnvoll, das wissen wir alle. Nur mit Tauschhandel würde unsere Wirtschaft nicht funktionieren. Im Alltag vertrauen wir ja auch auf das System. Selbst große Skeptiker und Angsthasen bewegen mehr Geld per Überweisung oder Kreditkarte, als sie tatsächlich in die Hand nehmen.

Jeder verlässt sich darauf, dass er 1000 Euro von seinem Konto auch bar bekommen könnte, sich dafür ein paar Gramm Gold kaufen könnte oder eine Flugreise oder ein schickes Fahrrad. Wer 1000 Euro auf dem Konto hat, kann das ja auch tun. Geht Herr Mißfelder zur Bank und sagt: "Ich will heute mal mein Geld sehen"? Haben Sie in den vergangenen Wochen mal bei Ihrer Lebensversicherung vorbeigeschaut? Herr Professor Sinn, wo kann man eigentlich das Targetsaldo besichtigen?

In Wahrheit verlangt niemand diese physische Anschauung. Und selbst wer Gold hat, legt es ja ab einem gewissen Wert in den Tresor bei der Bank und nicht auf den Couchtisch, wo er es täglich poliert, um den Glanz zu erhalten. Warum also die Operation Fort Knox?

Da muss doch eine schreckliche Angst sein, dass wir irgendwie betrogen werden. Der Ami heimlich unser Gold durch Kupfer ersetzt und so seinen Irakkrieg finanziert. Und das viele Gold in Paris an öffentlichen Gebäuden und Statuen? Womöglich kein Lack, sondern deutsche Währungsreserven.

Nein, Herr Mißfelder würde das nicht behaupten, wäre ja etwas peinlich für einen Außenpolitiker. Aber wissen wollen, ob das Gold echt ist, wollen wir denn doch.

Gold - wozu eigentlich?

Warum fragt keiner, wozu der Goldschatz gut ist. Gold bringt keine Zinsen. Ja, es ist kräftig im Wert gestiegen, aber eines Tages wird es auch wieder an Wert verlieren. Warum verkauft die Bundesbank, die schließlich uns allen gehört, nicht mal 100 Tonnen und investiert dafür in die Jugend Südeuropas, gemeinsam mit anderen goldbesitzenden Zentralbanken einschließlich der griechischen und italienischen. Bei einem günstigeren Preis können die Banken ja das Gold später zurückkaufen.

Aber der Sinn von Goldreserven kann offenbar ebenso wenig rational diskutiert werden wie Inflation. Wer es wagt zu sagen, dass die Staatsschuldenkrise mit vier Prozent Inflation leichter zu bewältigen wäre als mit zwei Prozent, braucht nicht zu erwarten, dass man ihm zuhört oder gar über die Argumente dafür nachdenkt. Dabei war die alte Bundesrepublik in der 70er-Jahren mit manchmal fünf Prozent Inflation ganz schön erfolgreich. Aber Inflationsangst geht immer. Auch als "Spiegel"-Titel in einer Woche, in der die EZB mitteilt, dass die Inflation im kommenden Jahr wieder im Zielkorridor von rund zwei Prozent liegen wird.

Normalerweise heißt es immer, Inflation gehe zulasten der Ärmsten. Neuerdings ist sie schuld daran, dass die Lebensversicherungen nichts mehr wert sind. Tja, das hat aber mehr mit den supersicheren deutschen Staatsanleihen zu tun, die keine Zinsen bringen. Wer wagt, gewinnt, wer nix verlieren will, bekommt keine Zinsen. Siehe Gold.

Liegt die Inflationsangst wirklich in den deutschen Genen? So viele der heute Lebenden haben ja die letzten beiden Geldentwertungen 1923 und 1945/48 nicht miterlebt, die beide Folgen selbst angezettelter Kriege waren. Vielleicht gruseln wir uns auch nur gern ein wenig und glauben dabei doch an die heilige Sparkasse.

Und was die Goldvorräte angeht, holen wir sie doch einfach zu uns. Bauen wir ein Goldmuseum statt des peinlichen Pseudo-Stadtschlosses auf dem Berliner Schlossplatz. Einen großen, unterirdischen Tresor mit Dach aus Panzerglas, und jeder darf schauen, ob das Gold wirklich da liegt. Gegen Eintritt natürlich, schon um die Sicherheitsleute zu bezahlen. Knapp 3400 Tonnen im Wert von 140 Milliarden Euro. Und wenn das einer klaut? Die gefälschten Barren legen wir nach oben.

FTD

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