Wie man sich gegen sexuelle Belästigung wehrt

28. Januar 2013, 16:08 Uhr

Deutschland diskutiert, wie Sexismus und sexuelle Belästigung zu definieren sind. Dabei gibt es sogar ein Gesetz dagegen. Bevor man vor Gericht zieht, sollte man zunächst andere Mittel anwenden. Von Daniel Bakir

sexuelle Belästigung, Arbeitsplatz, Diskriminierung, Gleichbehandlungsgesetz

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wird immer noch häufig tabuisiert©

Sexismus im Alltag: Ein Thema, über das ungern geredet wird, doch in den vergangenen Tagen kochte die Diskussion umso heftiger hoch. Viele Frauen wissen aus eigener Erfahrung, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz auch heutzutage nicht außergewöhnlich ist. 40 bis 50 Prozent der Frauen in der Europäischen Union sind einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zufolge schon einmal am Arbeitsplatz in irgendeiner Form sexuell belästigt worden. Doch die Betroffenen können sich wehren. Und das sollten sie auch: "Wenn man gar nicht reagiert, kann das alles noch schlimmer machen, weil man nicht weiß, ob sich der Vorfall wiederholt", sagt Kerstin Jerchel, Arbeitsrechtlerin bei Verdi.

Ein Überblick über mögliche Reaktionen und Strategien im Umgang mit dem Problem.

Was gilt als sexuelle Belästigung?

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) liefert die entscheidende Definition. Demnach ist sexuelle Belästigung "ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornographischen Darstellungen gehören".

In der Praxis gibt es allerdings viele Grauzonen. Was jemand als sexuelle Belästigung empfindet, ist immer auch subjektiv. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nennt als Beispiele: das Aufhängen von Pornobildchen im Büro, das permanente Starren auf Ausschnitt und Brüste, verbale sexuelle Anspielungen sowie Anfassen oder sonstiger Körperkontakt gegen den Willen der Kollegin.

Wie reagiere ich am besten auf eine sexuelle Belästigung?

Es mag banal klingen, aber die erste Herausforderung besteht darin, die Belästigung als solche zu erkennen und den Vorfall nicht einfach zu verdrängen. Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) rät, die Belästigung unmittelbar und energisch zurückzuweisen - und zwar schon beim ersten Vorfall. Selbst wenn die anzügliche Bemerkung nur im Flüsterton erfolgt, solle man laut darauf antworten, sodass andere Personen von dem Vorfall etwas mitbekommen können.

Der bff empfiehlt grundsätzlich, das Problem offensiv anzugehen: den Belästiger zur Rede zu stellen, mit einer Beschwerde zu drohen oder anzukündigen, die Tat anderen zu erzählen seien gute Möglichkeiten einer ersten Reaktion. Wer sich schwer tut, dies im Gespräch zu äußern, kann sich auch schriftlich per Mail oder Brief an den Kollegen wenden.

Bei wem kann ich mir Hilfe suchen?

Wenn sich das Problem nicht unmittelbar ausräumen lässt, sollte man sich Hilfe suchen. Um die Schwere der Situation einzuschätzen, kann man sich zunächst mit einem Kollegen besprechen zu dem ein Vertrauensverhältnis besteht. Eine Beschwerde sollte man dann an den direkten Chef, die Gleichstellungsbeauftragte oder den Betriebsrat richten, sagt Verdi-Juristin Jerchel. Heikel wird es, wenn der Vorgesetzte der Täter ist. Dann sei möglicherweise der Weg zu dessen Chef sinnvoll oder zu den genannten betrieblichen Stellen. Externe Hilfe bieten die Landesstellen für Gleichbehandlung oder Frauenberatungsstellen.

Welche Pflichten hat der Arbeitgeber?

Das Gleichbehandlungsgesetz verpflichtet den Arbeitgeber, seine Angestellten vor Diskriminierung zu schützen. Das Unternehmen muss das Gesetz im Betrieb bekannt machen und angeben, bei welcher Stelle sich Betroffene beschweren können. Bei Verstößen kommen Verdi zufolge Abmahnungen, Umsetzungen, Versetzungen und in gravierenden Fällen sogar eine Kündigung des Übeltäters in Frage.

Wann sollte man klagen?

Die höchste Eskalationsstufe ist eine Klage. "Dies sollte man aber nur im äußersten Fall anstreben, da das eigentliche Problem dadurch nicht gelöst wird", sagt Juristin Jerchel. In einem arbeitsrechtlichen Prozess könne man zwar Schadensersatz vom Arbeitgeber erstreiten und in einem Zivilprozess vom Kollegen. Allerdings muss man zum einen die Belästigung beweisen können. Zum anderen sei es auf dieser Eskalationsstufe kaum noch möglich, das Arbeitsverhältnis fortzusetzen. Wer bei seiner Firma bleiben möchte, sollte das Problem daher außergerichtlich lösen. Anders sieht es aus, wenn die Schwelle zum sexuellen Missbrauch überschritten wurde. "Dann sollte der Gang zur Polizei führen", sagt Jerchel.

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