Vom Starfriseur zum Stümper über Nacht

20. November 2013, 17:45 Uhr

Friseur Marcel Sipp hatte eine Fünf-Sterne-Reputation bei der Bewertungsplattform Qype. Dann übernahm der amerikanische Konzern Yelp - und löschte alle positiven Bewertungen. Anderen geht es genauso. Von Daniel Bakir

Yelp, Qype, Bewertungen, verschwunden

Bei Qype hatte Marcel Sipps Friseursalon fünf Sterne, nach der Umstellung auf Yelp nur noch einen, mittlerweile sind es wieder drei.©

Marcel Sipp ist richtig wütend. Noch vor wenigen Wochen war der 32-Jährige ein Starfriseur. Zumindest, was die Sternchen-Bewertungen auf der Plattform Qype angeht. 184 positive Bewertungen habe sein Friseursalon Beauty Direction in Berlin-Prenzlauer Berg gehabt, sagt Sipp stern.de. Bei nur zwei negativen Einträgen. "Wir waren der bestbewertete Friseursalon Deutschlands", erzählt Sipp. Für den erst im März eröffneten Salon war das Gold wert. "Die Leute kamen von überall, sogar aus Stuttgart und Hamburg", sagt Sipp. Etwa zehn Neukunden pro Tag habe er aufgrund seiner hervorragenden Online-Reputation gewinnen können. Doch dann, vor etwa drei Wochen, löste sich diese Reputation über Nacht in Nichts auf. Auf einen Schlag verschwanden alle positiven Bewertungen von Beauty Direction, übrig blieben nur die beiden Ein-Sterne-Reviews. Vom Fünf-Sterne-Friseur zum Stümper in nur einer Nacht.

Was war passiert? Der amerikanische Konzern Yelp, der den deutschen Konkurrenten Qype im vergangenen Jahr aufgekauft hatte, integrierte in den vergangenen Tagen die alten Qype-Bewertungen von Restaurants, Bars, Geschäften etc. in sein eigenes System. In diesem System gibt es einen technischen Filter, der Fakes und Spam herausfischen soll - und offenbar äußerst aggressiv arbeitet.

Denn Marcel Sipp ist bei Weitem nicht der einzige, der den Verlust all seiner positiven Bewertungen beklagt. Seit Tagen laufen Geschäftsinhaber im Netz Sturm gegen die technische Umstellung. Im Blog "Existenzgefährdung durch Yelp" sowie in der Facebook-Gruppe "Yelp Skandal" tauschen sich die Betroffenen aus. Ein Waxing-Studio in Hamburg, eine Berliner Karaokebar, eine Restaurant-Besitzerin in Berlin-Kreuzberg - sie alle beklagen, dass nur die negativen Bewertungen die Transformation überlebt haben.

Die Zensur hat Methode

Yelp weist diesen Vorwurf zurück. "Alle Beiträge werden gleich behandelt und werden von unserer Empfehlungssoftware geprüft", erklärt eine Sprecherin auf Anfrage. Wie diese Software arbeitet, ist der Knackpunkt an der ganzen Geschichte. Laut Yelp werden nicht nur Fakes und Selbstbelobigungen herausgefiltert, sondern auch Beiträge von Usern, die bisher "wenig etabliert" seien. Es gebe "natürlich auch viele Beiträge von echten Kunden, über die wir leider nicht viel wissen". Diese Beiträge könnte Yelp ebenfalls nicht weiterempfehlen, sagt die Sprecherin.

Die Philosophie von Yelp sei es nicht, so viele Nutzerbewertungen wie möglich anzuzeigen. "Wir versuchen eine kleinere Auswahl der Beiträge zu empfehlen, um den Fokus auf die hilfreichen und vertrauenswürdigen Beiträge unserer Yelp Community zu legen." Ob ein Beitrag vertrauenswürdig ist oder nicht, errechnet der Yelp-Computer jeden Tag aufs Neue, die Ergebnisse können sich daher täglich ändern. Unter dem Strich fallen laut Yelp etwa ein Viertel aller Beiträge dem Filter zum Opfer.

Einige Betroffene haben sich mittlerweile an einen Anwalt gewandt, um gegen die aus ihrer Sicht verzerrten Bewertungen vorzugehen. Rechtsanwalt Jens Ferner, bei dem einige Anfragen eingelaufen sind, betont in seinem Blog, dass Unternehmen einen Anspruch darauf haben, "dass das Meinungsbild zum eigenen Unternehmen nicht verzerrt dargestellt wird". Daraus lasse sich allerdings nicht automatisch ableiten, dass man alle positiven Bewertungen zurückbekommt, sondern möglicherweise nur, dass alles auf Null gesetzt wird. Auch Rechtsanwalt Axel Pabst hat sich des Themas in einem Blogbeitrag angenommen.

Friseur Marcel Sipp macht sich derweil große Sorgen um seine wirtschaftliche Zukunft. "Ich habe schlaflose Nächte hinter mir", sagt Sipp. Seit der Umstellung kämen deutlich weniger Kunden in seinen Drei-Mann-Betrieb. Allein für diesen Monat schätzt er die Einnahmeausfälle auf 8000 Euro. Vergangene Woche habe erstmals eine Kundin angerufen und den Termin wieder abgesagt, weil sie die schlechte Bewertung im Internet gelesen hatte.

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