Röslers Pleite

13. September 2011, 15:10 Uhr

Mit seiner Analyse zur Zukunft Griechenlands handelt sich Philipp Rösler nicht nur Ärger ein, sondern auch Zweifel an seinem Sachverstand. Ordnung und Pleite, wie soll das zusammenpassen? Von Dirk Benninghoff

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Achtung, Ärger: Der Kanzlerin gefiel es gar nicht, was ihr Wirtschaftsminister zuletzt zu Papier brachte

Dass ein Gastbeitrag für die Tageszeitung "Die Welt" zum Desaster werden kann, sollte Philipp Rösler eigentlich wissen. Parteifreund Guido Westerwelle hatte im vergangenen Jahr in dem Springer-Blatt über "spätrömische Dekadenz" schwadroniert, was seiner Karriere als FDP-Chef nicht zuträglich war. Vielmehr war der kecke Aufsatz eine wichtige Etappe auf Westerwelles politischer Talfahrt. Ob sich liberale Geschichte bald wiederholt?

Westerwelles Nachfolger Rösler hatte in eben jener "Welt" über eine "geordnete Insolvenz" Griechenlands nachgedacht - und sich als Querdenker geriert: Es dürfe keine Denkverbote geben. Damit hatte er zunächst die Börsen unter Druck gesetzt - später schlug das Pendel um und Rösler selbst geriet in die Defensive. Mit seinem Beitrag fing er sich eine Ohrfeige der Kanzlerin ein, wie sie sein bedauernswerter Vorgänger in der Heftigkeit selten kassiert hat. "Jeder sollte seine Worte vorsichtig wählen", warnte Angela Merkel. Die "geordnete Insolvenz" sei erst 2013 möglich - und: "Was wir nicht brauchen können, ist Unruhe auf den Finanzmärkten. Die Unsicherheiten sind schon groß genug." Klatsch!

Urheber Guttenberg

Immerhin nahm auch die Kanzlerin diese neue Mode-Kombi in den Mund, die in ihrem Kabinett erstmals der inzwischen nach Amerika geflüchtete Freiherr zu Guttenberg öffentlich benutzte. Der hatte als Wirtschaftsminister fortwährend eine "geordnete Insolvenz" von Opel ins Spiel gebracht. Während es bei Unternehmen aber wenigstens eine Unterscheidung zwischen Abwicklung und Zerschlagung gibt und man erste vielleicht mit viel Wohlwollen als "geordnet" bezeichnen könnte, erntete Guttenberg-Plagiator Rösler mit der Kombination von Ordnung und Pleite außer Merkels Kritik auch den Spott der Kommentatoren. So schrieb die "Süddeutsche Zeitung": "Was das ist, weiß der Neu-Ökonom auch nicht so genau."

In der Tat gibt es die "geordnete Insolvenz" im Fachjargon gar nicht. Das Insolvenzrecht kennt keinen Unterschied zwischen Konkurschaos und überlegter Abwicklung. Die Politik bemüht sich vielmehr, mit einer eigenen Schöpfung zu signalisieren, ein Pleitier könne mit kühlem Kopf ganz souverän in die Zahlungsunfähigkeit geleitet werden. "Keine Panik", wollte Rösler wohl signalisieren, "wir haben die Lage unter Kontrolle". An den Börsen hat er das Gegenteil bewirkt. Der Minister und seinesgleichen erwecken den Eindruck, die Eurozone würde am Patienten nur einen gut durchdachten, quasi chirurgischen Eingriff vornehmen. Vollnarkose für Griechenland. Alles geplant, nur keine Aufregung.

Zwei Begriffe, zwei Welten

Dabei sind die beiden Begriffe überhaupt nicht vereinbar. Insolvenz (eigentlich auch schon verniedlichend für das desaströse Dreigestirn Konkurs, Pleite, Bankrott) ist das Gegenteil von Ordnung. Zahlungsunfähig ist der Insolvent, und seine Gläubiger fürchten um viel Geld, um Milliarden. In der Regel herrscht Chaos rund um den Schuldner. Das grimmepreisgekrönte Sprach-Blog Neusprech.org schreibt zurecht: "Eine Insolvenz geordnet, daher in kalkulierbaren Schritten und ohne Durcheinander abzuwickeln, dürfte in etwa dem Vorhaben entsprechen, einen Kreis vollständig in Quadrate einzuteilen." Und das gilt für Griechenland noch vielmehr als damals für Opel. Denn ein Land, das traditionell von Korruption und aktuell auch noch von Streiks und Randale heimgesucht wird, in ein "geordnetes" Verfahren schicken zu wollen, ist ein aussichtloses Unterfangen.

So mutet das wahrscheinliche Szenario einer Griechenland-Pleite nicht akkurat und souverän an. Wenn das Land seine Insolvenz erklärt, müssen sich die Gläubiger auf riesige Ausfälle einstellen. Es wird ein Hauen und Stechen um die Höhe des Schuldenschnitts einsetzen. Rund 300 Milliarden Euro sind im Feuer. Während das Engagement deutscher Banken begrenzt ist, geraten französische Banken schon in größere Probleme. Einige griechische Institute werden gar am Rand der Pleite stehen. Folge: Die Kunden stürmen die Geldhäuser, um ihre Einlagen zu sichern. Das dürfte in Griechenland weit turbulenter zugehen, als beispielsweise in Großbritannien, wo die Pleite-Hypothekenbank Northern Rock 2007 tagelang quasi belagert wurde. Kurzum: Es gibt Chaos in Athen. Das Gegenteil von Ordnung also. Schnell müssten griechische Banken unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen, was zu einer absurden Konstellation führt: Während die Eurozone dem Land den Hahn abdreht, werden seine Banken mit Milliarden gestützt. Diese Hilfe müssen die Entscheider in Berlin oder Brüssel aber wohl in Kauf nehmen - bei ihrer "geordneten Insolvenz".

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