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Je günstiger, desto schlimmer: die schwarzen Schafe unter den Stromanbietern

Den Stromanbieter zu wechseln, ist heute einfach wie nie. Doch die billigsten Anbieter an der Spitze der Vergleichsrankings sorgen auch für den meisten Ärger. Ihr Geschäftsmodell: Kunden mit Dumpingpreisen ködern – und dann trickreich abkassieren.

Stromanbieter

Erst sparen, dann ärgern: Einige Stromanbieter arbeiten mit allen Tricks - zum Leidwesen ihrer Kunden

Für Stromkunden ist die Lage eigentlich komfortabel wie nie: Auf Vergleichsportalen wie Verivox und können sie innerhalb weniger Minuten hunderte Anbieter und Tarife vergleichen – und per Mausklick wechseln. Alle weiteren Formalitäten, wie die Kündigung beim alten Anbieter, laufen im Hintergrund ab. Durch den Wechsel können Kunden oft aufs Jahr gesehen mehrere hundert Euro sparen.

Die ganze Wechselgeschichte hat nur einen Haken: Auf den vorderen Plätzen der Preisvergleichsrankings landen regelmäßig die Anbieter, mit denen Kunden hinterher den meisten Ärger haben. "Je günstiger ein Anbieter ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Sache einen Pferdefuß hat", warnt , Vorsitzender des Bundes der Energieverbraucher. Der Chef der gemeinnützigen Verbraucherorganisation rät daher: "Finger weg von den Allergünstigsten."

Welchen Stromanbietern trauen?

Welchen Anbietern man trauen kann und bei wem Vorsicht angebracht ist, das ist für Verbraucher leider nicht so ohne Weiteres zu erkennen. Denn auf den Preisvergleichsportalen können auch zweifelhafte Anbieter leicht gute Bewertungen erzielen. Der Grund ist einfach: Portale wie Check24 und befragen ihre Nutzer schon kurz nach dem Wechsel, ob sie zufrieden sind, Check24 zusätzlich nach dem ersten Vertragsjahr. Probleme mit den Anbietern treten aber häufig erst später auf – wenn der Preis plötzlich sprunghaft steigt, Kündigungen nicht akzeptiert oder Bonuszahlungen verschleppt werden.

"Es gibt eine Reihe von Anbietern, die mit zweifelhaften Geschäftsmethoden agieren", sagt Arik Meyer, Chef des kleinen Vergleichsportals Switchup, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, nur faire Tarife zu vermitteln. "Die Billiganbieter ködern Kunden mit Niedrigpreisen und versuchen, sich das hinterher doppelt und dreifach wieder zurückzuholen", erklärt Meyer. "Viele faire Anbieter haben dabei das Nachsehen, weil sie in den Listen nicht vorne auftauchen." 

Vorsicht bei ExtraEnergie, Stromio und 365 AG

Einen Eindruck von den Problemen, mit denen sich Kunden von Billiganbietern herumärgern müssen, gibt das Beschwerdeportal Reclabox. Hier kann jeder Kunde, der sich von seinem Anbieter ungerecht behandelt fühlt, seine Klagen anonym öffentlich machen. So ungerechtfertigt die Beschwerde im Einzelfall auch sein mag: Aus der Gesamtheit der Einträge ergibt sich ein Bild. Denn ein Großteil der Beschwerden entfällt lediglich auf eine Handvoll Anbieter und ihre Untermarken.

So gibt es unter den mehr als 1000 aktiven Stromanbietern in Deutschland nur drei, die es geschafft haben, in den vergangenen drei Jahren 500 oder mehr Reclabox-Beschwerden zu sammeln: ExtraEnergie mit seinen Untermarken Priostrom und HitStrom, Stromio inklusive Grünwelt und gas.de sowie die 365 AG (früher Almado), vertreten durch immergün, Idealenergie und Meisterstrom. Auf Rang vier der Beschwerdestatistik liegt Care Energy, doch das Unternehmen musste kürzlich Insolvenz anmelden. 

Intransparente Preiserhöhungsschreiben

Häufiger Beschwerdegrund bei ExtraEnergie, Stromio und 365 AG sind intransparente Preiserhöhungsschreiben. Saftige Preiserhöhungen von mehreren hundert Euro pro Jahr verstecken die Anbieter in einer ellenlangen Mail zwischen allgemeinem Geschwafel zur Energiepolitik, bei dem jeder normale Leser längst abschaltet. Genannt werden auch nicht die Mehrkosten, sondern lediglich – wie vom Gesetzgeber gefordert – der neue Grund- und Kilowattstundenpreis. Wer nicht in seinen Vertragsunterlagen nachschaut, hat keine Ahnung, wie hoch die Erhöhung ausfällt – und lässt sein Sonderkündigungsrecht verstreichen.

Bei ExtraEnergie beschweren sich zudem Kunden immer wieder über fehlende Schlussrechnungen und die verspätete oder fehlende Auszahlung von Guthaben. Die Marken der 365 AG sind berüchtigt dafür, in ihren AGB kreative Klauseln zu verstecken, mit denen sie Kunden von versprochenen Bonuszahlungen ausschließen. Und bei Stromio gibt es besonders häufig Ärger mit der Kündigung. Das Unternehmen akzeptierte lange Zeit ausschließlich die Kündigung per Brief und Originalunterschrift, E-Mails mit eingescannter Unterschrift und selbst Kündigungen per Fax schloss das Unternehmen aus. Erst eine Änderung des BGB im Oktober 2016 zwingt den Anbieter, seine Praxis zu ändern.

Viele der auf Reclabox eingestellten Beschwerden werden später als gelöst markiert. Daraus kann man entweder besondere Kulanz ableiten, wie dass die Energieanbieter tun. Oder man kommt zu dem Schluss, dass der Kunde sein Problem erst eskalieren muss, bevor er eine faire Lösung angeboten bekommt.

Stromanbieter wiegeln ab

ExtraEnergie erklärte auf Anfrage des stern, die Anzahl der Beschwerden bei Reclabox sei "historisch gewachsen" und könne auf das starke Kundenwachstum, insbesondere in den Jahren 2012 und 2013, zurückgeführt werden. Man habe in den vergangenen beiden Jahren eine "umfangreiche Serviceoffensive realisiert, in deren Rahmen wir viele Prozesse neu gestaltet und verbessert haben". Daraufhin sei die Zahl der Beschwerden gesunken. In jüngster Zeit gebe es über Konkurrenten wie Stromio deutlich mehr Beschwerden, erklärt ExtraEnergie.

Stromio erklärte auf Anfrage des stern, Reclabox sei keine staatliche oder anerkannt unabhängige Plattform. Die Mehrheit der Beschwerden seien gelöst worden. Im Übrigen gebe es über ExtraEnergie doch viel mehr Beschwerden. Beide Unternehmen zitieren noch ihre guten Bewertungen auf Vergleichsportalen sowie eine positive Bewertung des TÜV Saarland.

Die 365 AG reagierte auf eine Bitte um Stellungnahme nicht.

Verbraucherzentralen bringen Billigstromanbieter vor Gericht

Die Reclabox-Beschwerden sind längst nicht der einzige Indikator dafür, dass bei den Billiganbietern einiges im Argen liegt. Die Stiftung Warentest bescheinigte ExtraEnergie, Stromio und den Marken der 365 AG (sowie dem Anbieter BEV) schon vor drei Jahren, "keine fairen Tarife" anzubieten. Der Bund der Energieverbraucher warnt auf seinen Seiten ebenfalls vor den Anbietern. Und die Verbraucherzentralen ziehen immer wieder gegen unfaire Klauseln in den Vertragsbedingungen der Billigstromanbieter vor Gericht. Und meistens bekommen die Verbraucherschützer auch Recht:

  • So musste die 365 AG nach einem Urteil des Landgerichts Köln vom 27. Juli 2016 (Az. 26 O 505/15) sechs Klauseln aus seinen AGB streichen, die es unter anderem erlaubten, Kunden vom Bonus auszuschließen, weil sie ein Arbeitszimmer im Haus hatten oder eine Photovoltaikanlage auf dem Dach.
  • Das Oberlandesgericht Düsseldorf verdonnerte Stromio am 5. Juli 2016 (Az. I-20 U 11/16) dazu, seinen Kunden auch dann ein Sonderkündigungsrecht einzuräumen, wenn der Preis für den Kunden wegen höherer Steuern, Abgaben oder Umlagen steigt. Diese Komponenten machen einen Großteil des Strompreises aus.
  • Und am 26. Oktober 2016 erklärte das OLG Düsseldorf die intransparenten Preiserhöhungsschreiben von ExtraEnergie für unwirksam, in denen die Preiserhöhung erst nach anderthalb Seiten Text angekündigt wurde (Az. I-20 U 37/16).

Die nächste Masche läuft schon

Ein bisschen gleicht der Kampf der Verbraucherschützer gegen die ärgsten Auswüchse auf dem Stromanbietermarkt allerdings dem Kampf gegen Windmühlen. So hat ExtraEnergie die Preiserhöhungsschreiben nach dem OLG-Urteil zwar überarbeitet. Aktuelle Schreiben, die dem stern vorliegen, zeigen aber, dass sich am unübersichtlichen Charakter nichts geändert hat. Einziger nennenswerter Unterschied: Der neue Arbeitspreis wird jetzt schon auf der ersten Seite des Schreibens genannt.

Und die nächste Masche ist schon angelaufen: Seit einiger Zeit verkauft ExtraEnergie seinen Kunden zusätzlich zum Stromvertrag noch einen Haushaltsschutzbrief. Wer diesen zum Ende des kostenlosen ersten Jahres gemeinsam mit dem Stromvertrag kündigen will, bekommt mitgeteilt, leider gelte für die Zusatzversicherung eine längere Kündigungsfrist als für den zeitgleich abgeschlossenen Stromtarif. Der Schutzbrief verlängert sich automatisch um ein Jahr und kostet dann 7,99 Euro im Jahr.

Der Bund der Energieverbraucher liefert unter www.energieanbieterinformation.de Informationen über die Seriösität von Stromanbietern.

Das Vergleichsportal Switchup hat eine Liste mit Schwarzen Schafen aufgestellt, über die es besonders viele Beschwerden gibt. 

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