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Warum ein Chef 70.000 Dollar Mindestgehalt zahlt

Der Chef einer US-Firma kürzte sein Gehalt von einer Million Dollar auf 70.000 - damit alle 120 Angestellten mindestens diese Summe verdienen. Nur dieses Mindestgehalt macht angeblich glücklich.

Unternehmer Dan Price dürfte nun der beliebteste Chef in den USA sein

Unternehmer Dan Price dürfte nun der beliebteste Chef in den USA sein

Als das Klatschen und Brüllen nachließ und ein Moment der Stille einsetzte, fragte Dan Price seine Angestellten: "Flippt noch jemand aus? Denn ich flippe irgendwie gerade aus." Zuvor hatte der Chef einer Kreditkartenabrechnungsfirma aus Seattle seinen Mitarbeitern erklärt, dass jeder von ihnen zukünftig mindestens 70.000 Dollar pro Jahr verdienen wird. Das solle auch für die am wenigsten verdienenden Sachbearbeiter, Verkäufer und Kundenberater gelten.

Das Durchschnittseinkommen in dem Unternehmen lag bisher bei 48.000 Dollar, für 30 Arbeitnehmer bedeutet der neue Mindestlohn sogar eine Verdopplung ihres Einkommens. Der Geldsegen hat seine Ursache aber nicht im großen Erfolg der Firma, stattdessen verteilt Dan Price im Laufe der nächste drei Jahre um. Der Chef kürzt sein eigenes Einkommen von fast einer Million Dollar auf 70.000 Dollar und setzt zudem bis zu 80 Prozent des erwarteten Gewinns ein, um die Erhöhung möglich zu machen, berichtet die New York Times.

Seelisches Wohlbefinden am größten

Der Grund auf so viel Geld zu verzichten, war ein Artikel über Glück, den Price gelesen hatte. Die Autoren beschrieben darin, dass für Menschen, die weniger verdienen als 70.000 Dollar, mehr Geld einen großen Unterschied macht. Das seelische Wohlbefinden soll mit dem Einkommen deutlich steigen - allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn ab 75.000 Dollar mache das höhere Einkommen keinen Unterschied mehr. Zwar brächte mehr Geld auch mehr Annehmlichkeiten, doch das Wohlbefinden der Seele ließe sich nicht mehr steigern.

Dieses soziale Experiment scheint eng mit der Persönlichkeit des Chefs zusammenzuhängen. Price gründete das Unternehmen Gravity Payments im Jahr 2004 aus einem Studentenwohnheim der Seattle Pacific University heraus, als er selbst erst 19 Jahre alt war. Sein Bruder musste ihm mit dem Startgeld aushelfen. Im vergangenen Jahr wickelte die Firma Transaktionen im Wert von 6,5 Milliarden Dollar für mehr als 12.000 Unternehmen ab.

Die Idee entstand, als Price mit einer Band in einem Café auftrat und der Betreiber Ärger mit der Kreditkartenabrechnung hatte. Das Unternehmen, bei dem er Kunde war, verlangte seiner Ansicht nach zu hohe Gebühren. Price sah sich das Geschäft an und stellte fest, dass er es günstiger, effizienter und mit besserem Kundenservice bieten konnte.

"Das Verhältnis ist lächerlich"

Für Price ist die Einführung des Mindestgehalts keine politische Aktion. Doch trifft er einen Nerv mit der ungewöhnlichen Maßnahme. Denn in den USA herrscht eine gewaltige Kluft zwischen den Gehältern von normalen Arbeitern und den Einkommen von Vorstandsvorsitzenden. Diese verdienen teils rund 300 Mal mehr als ihre Untergebenen. Das fand Price absurd: "Das Verhältnis ist lächerlich", sagt der Unternehmer, der selbst bescheiden lebt, einen zwölf Jahre alten Audi fährt und gern zum Snowboarden fährt.

Auch die Geldsorgen von Bekannten waren Price ein Dorn im Auge. Freunde erzählten ihm, wie schwierig es sei, zurechtzukommen, wenn man nur etwas mehr als den von 7,25 Dollar verdiene. "Sie rechneten mir vor, wie man auf 40.000 Dollar pro Jahr kommt“, sagt Price. "Ich höre das jede Woche", fügt er hinzu. "Das nagt innerlich an mir."

Haus kaufen, Ausbildung bezahlen

Also wollte er etwas ändern, ohne jedoch die Preise für seine Kunden zu erhöhen oder den Service zu verschlechtern. Seine Angestellten können ihr Glück kaum fassen. Die 24-jährige Hayley Vogt hatte Sorgen wegen ihrer gestiegenen Miete und einer Krankenhausrechnung. "Ich bin gerade komplett umgehauen", sagt sie. Während jeder in nur über einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde redet, sei es toll, einen Arbeitgeber zu haben, der tatsächlich etwas tut und nicht nur redet. Auch der 29 Jahre alte Phillip Akhavan, der zuvor 43.000 Dollar verdiente, ist begeistert. "Meine Kinnlade fiel grad runter", sagt er. "Das ist eine große Veränderung für alle um mich herum."

Dan Price hofft für seine Angestellten, dass sie sich so den amerikanischen Traum erfüllen, ein Haus kaufen und die Ausbildung ihrer Kinder bezahlen können. Sein eigenes Gehalt will er erst wieder anheben, wenn die Firma wieder so viel verdient, wie vor der Gehaltserhöhung für alle.

Matthias Kahrs

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