Archäologen entdecken 35.000 Jahre alte Flöte

25. Juni 2009, 10:24 Uhr

Nach der "Venus vom Hohle Fels" ist Archäologen auf der Schwäbischen Alb eine weiterer bedeutender Fund gelungen: In einer Höhle entdeckten sie das vermutlich älteste Musikinstrument der Welt. Für manche Wissenschaftler ein weiterer Beweis dafür, dass dieses Mittelgebirge die Wiege der europäischen Kultur sein könnte.

Schwäbische Alb, Venus vom Hohle Fels, Flöte, älteste Flöte der Welt

Schon die frühen Menschen haben drauf gepfiffen: Flöten aus Gänsegeier-Knochen©

Erst sah es aus wie ein achtlos weggeworfener Knochen. Doch was Katharina Koll vor einem dreiviertel Jahr in einer Höhle bei Ulm fand, ist die älteste bislang bekannte Flöte der Welt. "Ich habe sie in die Hand genommen, angeguckt und ganz schnell wieder weggelegt", erzählt die 19-Jährige, die am Tübinger Institut für Archäologie eine Ausbildung macht. Für ihren Chef, den Archäologen Nicholas Conard, ist der 35.000 bis 40.000 Jahre alte Fund eine Sensation. Die Flöte beweise, dass schon die ersten modernen Menschen in Europa in ihren Höhlen eine hoch entwickelte Musikkultur hatten, schreibt Conard in der Fachzeitschrift "Nature".

Die insgesamt zwölf Fragmente der Flöte lagen im Hohle Fels, 20 Kilometer westlich von Ulm. Die Höhle entpuppt sich immer mehr als die weltweit wichtigste Ausgrabungsstätte für Funde aus der Eiszeit. Nur 70 Zentimeter von der Flöte entfernt war im vergangenen Jahr die sogenannte "Venus vom Hohle Fels", die älteste bislang bekannte Frauendarstellung der Welt, zum Vorschein gekommen. Womöglich wurden beide vor rund 40.000 Jahren gleichzeitig weggeworfen.

Aus dem Knochen eines Gänsegeiers geschnitzt

Die knapp 22 Zentimeter lange Flöte ist aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers (Gyps fulvus) geschnitzt, gleicht von ihrer Form und Funktion aber einem modernen Instrument. Mit fünf Luftlöchern kann die Tonhöhe verändert werden. Spielen kann man die Flöte aber nicht, weil das untere Ende fehlt. "Wir würden es aber auch nicht tun - das wäre mit der Feuchtigkeit unverantwortlich", betonte Conard am Mittwoch. Deshalb hat er die alte Flöte so originalgetreu wie möglich aus einem Gänsegeier-Knochen nachschnitzen lassen. Das Imitat klingt etwas hohl, modernen Flöten aber erstaunlich ähnlich.

Außerdem fanden die Archäologen im Hohle Fels und in der Vogelherdhöhle 25 Kilometer nordwestlich von Ulm Fragmente von drei weiteren aus Elfenbein geschnitzten Flöten. "Solche Funde sind also gar nicht so selten, wie wir gedacht haben. Musik hat eine große Rolle in dieser Zeit gespielt", erklärte Conard. Sie könnte vor 35.000 Jahren dazu beigetragen haben, dass sich größere soziale Netzwerke bildeten. Das wiederum sei womöglich der entscheidende Vorteil der modernen Menschen gegenüber den Neandertalern gewesen.

Im September werden die Funde ausgestellt

Die Funde bringen immer neues Futter für die Vermutung vieler Wissenschaftler, dass die Schwäbische Alb die Wiege der europäischen Kultur ist. Conard betrachtet dies als Spekulationen. Zwar gebe es auf der Alb definitiv die ältesten kulturellen Funde. "Aber das kann genauso bedeuten, dass es auch woanders Musik und darstellende Kunst gab - bloß hat die Gegenstände dort noch niemand ausgegraben." Funde aus der Steinzeit seien im kalkhaltigen Gestein der Schwäbischen Alb womöglich nur besser erhalten geblieben als anderswo.

Die Gegend in der Schwäbischen Alb ist eine bedeutende Fundstelle für Zeugnisse der Kulturstufe Aurignacien in der Altsteinzeit. In der Höhle Hohle Fels fanden erstmals im 19. Jahrhundert Grabungen statt. Die Forschergruppe um Conard nimmt dort seit zwölf Jahren Ausgrabungen vor. 2001 fand sie die Miniaturausgabe eines Löwenmenschen aus Elfenbein. Im selben Jahr wurde zudem der Körper einer Wasservogel-Figur entdeckt, ein Jahr später auch ihr Kopf. Die Flöte vom Hohle Fels und die anderen Funde von der Schwäbischen Alb sind vom 18. September an in der Ausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur" in einer großen Landesausstellung in Stuttgart zu sehen.

DPA/AP

Hohle Fels
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KOMMENTARE (3 von 3)
 
onkel.erwin (25.06.2009, 19:58 Uhr)
Elend der Wissenschaft
Immer das gleiche Elend. Wenn auf der Alb demnächst eine Knochenperle gefunden wird, ist das ein Beweis für die Wiege der europäischen Wissenschaft: könnte ja von einem Abacus stammen. Ein bißchen Bescheidenheit und Zurückhaltung in der Beurteilung von Zufallsfunden stünde den Herren gut zu Gesichte. Die Tatsache, daß in Höhlen (Europa)oder Trockentälern (Afrika) Funde erbracht werden, sagt in meinen Augen nichts über Vorkommen oder Verbreitung aus, außer, daß durch die klimatischen Umstände gerade dort solche Artefakte erhalten geblieben sind. Andernorts mögen sie auch vorgekommen sein, sind aber durch Klima, Regen, Frost, Feuchtigkeit, Vegetation und Landwirtschaft zerstört und nicht mehr nachweisbar. So kommen nur durch die "exakt nachweisbare" Funde ganze wissenschaftliche Lehrgebäude zustande, die im Grunde selbst Artefakte darstellen. Nunja, in der Geschichtswissenschaft ist es ja auch nicht anders. Mein Bedarf an Wissenschaftlichkeit ist gedeckt. Selber denken kann auch nicht schaden.
Kasperltheater (25.06.2009, 12:46 Uhr)
Und natürlich....
lebten sie in Höhlen. Auf die Idee, dass eine von Kunst inspirierte Kultur bereits in grösseren zvilisatorisch organisierten Gesellschaften leben muss, kommt man natürlich nicht. Würde dies doch die Grundfesten der Geschichtslehre auf den Kopf stellen. Undenkbar eine Hochkultur die vor 100000 Jahren bereits ein Museum hatte. Und jetzt lasse ich mich gerne, ob meiner Fantasterein, von den Löwen der Geschichtsschreibung zerreissen:)
butcher99 (25.06.2009, 12:45 Uhr)
ein bisschen Göthe
ein bisschen für die Flöte,
ich habe einige Steinzeithöhlen, im Périgord besucht. Ich kann mir die musikalische Hochkultur des Cro-Magnon Menschen so richtig vorstellen.
Meine Kinder hatten übrigens ähnliche Flöten, die im Eigenbau entstanden sind. Vielleicht sollte ich die auch mal untersuchen lassen.
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