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Höhere Unfallgefahr: Schluss mit der Stange – kommt das Ende des Herrenrades?

Nach Helmdiskussion und der Warnweste in Frankreich, kommen neue wohlmeinende Regularien auf die Radfahrer zu. Nun soll das klassische Herrenrad mit hohem Oberrohr dran glauben – denn Damenräder sollen viel sicherer sein.


Ist das Herrenrad wirklich so gefährlich?

Ist das Herrenrad wirklich so gefährlich?

Das Herrenrad mit seinem hohen Oberrohr soll für schwere Verletzungen verantwortlich sein.  Das beunruhigt die niederländische Vereinigung für Verkehrssicherheit. Rettung verspricht das Damenrad mit seinem tiefen Einstieg. Die FAZ berichtete über eine Diskussion in den Niederlanden und in Belgien, in der bereits der Abgesang auf das Herrenrad eingeläutet wird. Ein Verbot des Herrenrades steht derzeit nicht zur Diskussion, doch was ist dran an der höheren Unfallgefahr des Herrenrades?

Der Diamantrahmen

Was hier gemeinhin Herrenrad genannt wird, ist tatsächlich ein Rad mit der großen 28er-Bereifung und einem sogenannten Diamantrahmen. Die Form gilt als Klassiker des Rahmenbaus und bringt verschiedene Vorteile mit sich. Der Diamantrahmen sorgt für die optimale Kombination von Stabilität und Gewicht – das ist auch der Grund, warum alle Sporträder - ob Rennrad, Triathlonrad oder Mountainbike - diese Form haben. Zusätzlich kann man im inneren Rahmenviereck eine Tasche, eine Luftpumpe, ein Schloss oder eine Trinkflasche unterbringen.

Hollandrad mit flachem Einstieg

Hollandrad mit flachem Einstieg

Das Bein muss über den Sattel

Nachteil ist das Auf- und Absteigen. Mit einer Drehbewegung wird das rechte Bein über den Sattel gehoben. Für Frauen mit Rock galt das als wenig schicklich. Für ältere oder unbewegliche Personen ist diese Bewegung kaum möglich. Richtig unangenehm wird es, wenn das Rad hinten beladen wird. Sobald ein Korb oder gar ein Kindersitz auf dem Gepäckträger montiert wird, kann niemand mehr das Bein über das Hindernis schwingen. Dann muss man versuchen, den rechten Fuß irgendwie über das Oberrohr zu bekommen. Kein Wunder, dass die niederländische Vereinigung für Verkehrssicherheit die Unfallhäufigkeit von älteren Herren und jungen Vätern – mit Kindersitz – anführt.

Tiefeinsteiger für bequemes Aufsatteln

Ganz anders funktioniert die Form eines klassischen Damenrades oder der modernen Tiefeinsteiger. Hier gibt es kein oberes Rohr in Schritthöhe – ein oder zwei Rohre werden in Form eines gebogenen Schwanenhalses nach unten geführt. Diese Räder können auch mit einem langen Rock gefahren werden, ohne dass die Dame den Rock bis zu den Oberschenkel raffen muss. Vor allem aber ist das Auf- und Absteigen wesentlich einfacher. Man steigt vor dem Sattel auf und muss nur einen Fuß heben, um neben das Rad zu treten. Bei einem echten Tiefeinsteiger sind es kaum 20 Zentimeter. Beliebt sind diese Formen bei Frauen  - wegen Rock, Korb und Kindersitz - und bei Senioren.

Haltung und Geschwindigkeit spielen eine Rolle

Die Räder mit tiefem Einstieg sind allerdings alles andere als sportlich. Das Hollandrad ist eine historisch bekannte Variante, moderne Formen firmieren als City-Rad. Die bequeme Form des Rahmens wird mit anderen Komfortfeatures kombiniert. Bei einem sportlichen Rad steht man mehr auf den Beinen, als das man sitzt. Hier hingegen thront man auf einem breiten Sattel. Die Sitzhaltung ist aufrecht, dafür werden die Enden des Lenkers nach hinten gebogen. Die Konstruktion der Fahrradgabel unterstützt einen sauberen Geradeauslauf. Das ist gemütlich, doch unter diesen Maßnahmen leiden Agilität, Lenkerkontrolle und Geschwindigkeit.

Mann kann vermuten, dass mit den sportlichen Rahmen auch mehr gefahren wird. Doch wer viel fährt, wird auch eher einen Unfall erleiden. Bei den Folgen eines Unfalls spielt die Geschwindigkeit eine maßgebliche Rolle. Hinzu kommt die Haltung: Auf allen sportlichen Rädern mit hohem Oberrohr fährt der Kopf voran – Kopf, Hände und Nabe des Vorderrades liegen in etwa auf einer Linie. Das ist im Falle eines Zusammenpralls nicht ideal. Bei einem gemütlichen Rad mit tiefen Einstieg kommt zuerst die Radnabe, dann folgen die Hände und irgendwann Oberkörper und Kopf.

Für wen lohnt sich der Umstieg?

Der Verzicht auf das hohe Oberrohr erleichtert das Auf- und Absteigen und verringert hier auch das Verletzungsrisiko. Andere Effekte dürften vor allem damit zu tun zu haben, dass Räder mit tiefem Einstieg weniger sportlich sind - wer weiterhin größere Strecken schnell zurücklegen will, sollte sich keine Wunder von einem anderen Rahmen erwarten. Wer in der Stadt nur kurze Strecken mit gemächlichen Tempo zurücklegt, muss sich nicht mit einem Diamantrahmen quälen.

Diese Alternativen gibt es

Man muss auch nicht immer auf ein sogenanntes Damenrad  ausweichen. Als Alternative zum Diamantrahmen werden zahlreiche Räder mit einem abgesenkten Oberrohr angeboten – ein so bequemes Aufsteigen wie bei einem Tief- oder gar einem Ultra-Tiefeinsteiger bieten sie allerdings nicht. Ein Rad mit kleineren Reifen – 26 oder 24 Zoll – löst das Problem des schwierigen Aufstiegs auf andere Weise. Wirklich sicherer dürften die sogenannten Liegeräder sein – hier fährt man mit den Füßen voran, der Kopf folgt am Ende des Rades. Trotz unbestrittener Vorteile werden Liegeräder von den meisten Radlern wegen der ungewohnten Haltung nicht akzeptiert. 

Wer hingegen vor allem sportlich unterwegs sein möchte, dürfte auch in Zukunft keine Wahl haben – Rennräder oder Mountainbikes mit einem echtem Tiefeinstieg gibt es nicht.

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