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"Crysis": Grandiose Krise

Das Wunder von Frankfurt: Mit "Crysis" deklassieren die deutschen Entwickler Crytek den Rest der Shooter-Welt und stürzen dabei PC-Spieler in eine Upgrade-Krise.

Vor mehr als drei Jahren zeigte ein deutscher Entwickler, dass sich auch hierzulande bahnbrechende 3-D-Shooter programmieren lassen. Die drei mit Abstand wichtigsten Merkmale des internationalen Verkaufsschlagers "Far Cry": umwerfende Grafik, eine teils krude Story und das Tropeninsel-Ambiente. Nicht nur optisch macht "Crysis" da weiter, wo der Vorgänger der "Crytek"-Entwickler aufgehört hat. Denn die Geschichte, die hier erzählt wird, ist hanebüchen: Im Jahre 2020 überfallen nordkoreanische Truppen eine traumhafte Insel und verschleppen US-amerikanische Wissenschaftler. Das zur Rettung ausgesandte Team landet mit Ach und Krach auf dem Eiland, um kurze Zeit später erkennen zu müssen, dass die Nordkoreaner ihr kleinstes Problem sind. Hier treiben auch Aliens ihr Unwesen - und sie wollen die Erde in einen Eisklumpen verwandeln …

Wer jetzt allerdings die Augen verdreht, könnte schon etwas von der schlicht sensationellen Präsentation verpassen: Extrem hochauflösende Texturen, eine verschwenderische Detailfülle und die fast schon unverschämte Weitsicht dürften Spieler, die in den Genuss der höchsten Qualitätsstufe kommen, ungläubig staunen lassen. Nie war man wohl näher dran am Begriff "Virtual Reality". Dabei leistet die unglaublich authentische Physik-Engine, die nahezu jedwede Manipulation der Umwelt erlaubt, ihr Übriges, um eine fast perfekte Illusion zu erschaffen.

Um diese in vollen Zügen zu genießen, stattet Crytek den Spieler mit einem futuristischen Nanosuit aus, der ihm kurzzeitig außerordentliche Kräfte verleiht. Je nach Einstellung kann man schneller laufen, höher springen, klobige Gegenstände durch die Gegend wuchten und sich sogar unsichtbar machen. Im einfachsten der vier Schwierigkeitsgrade ist der Nanosuit nicht zwingend nötig. Wer aber längere Freude an "Crysis" haben will und sich deswegen für einen höheren Schwierigkeitsgrad entscheidet, muss die Kräfte geschickt einsetzen. Anstatt etwa frontal auf eine gegnerische Stellung zuzulaufen, springt der Gamer also über eine Mauer, bewegt sich im Sauseschritt in ein verlassenes Gebäude und schleicht sich dann unsichtbar von hinten an die Posten an. Hier greift es sich einen der atemberaubend realistisch aussehenden Feinde und wirft ihn mit voller Wucht auf die anderen Soldaten: Triple-K.O.!

Derartige "Ah"- und "Oh"-Momente produziert "Crysis" nahezu am Fließband, was auch daran liegen dürfte, dass sich hier nahezu alles realitätsgetreu demolieren lässt: Wirft man etwa eine Handgranate in eine der Hütten, reißt es die Wellblechbehausung auseinander und die Teile segeln durch die Luft. Nimmt der Spieler einen fahrbaren Untersatz mit dem Raketenwerfer aufs Korn, bleibt nach der perfekt inszenierten Explosion nur noch ein verbranntes Wrack übrig. Und fährt er mit schwerem Gerät durchs Unterholz, knicken die Bäume - ja, ja, man wiederholt sich - realistisch um. Apropos: Wie sich der Spieler seinem Ziel nähert, bleibt ihm überlassen. Naturliebhaber gehen zu Fuß, Öko-Sünder schnappen sich Jeeps, Boote oder Senkrechtstarter...

Hardwarefresser

Die Zerstörungswut, die Handlungsfreiheit, das Grafikfeuerwerk - das alles hat seinen Preis. Buchstäblich. Unter einer CPU mit 3,0 GHz geht gar nichts. Um zumindest halbwegs Spaß zu haben, sollte eine Dual-Core-CPU im Rechner stecken. Und nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Selbst auf dem Test-System mit Quad-Core-Extreme-CPU, zwei GeForce-8800-GTX-Karten, vier Gigabyte RAM, der 64-Bit-Version von "Windows Vista Ultimate", den für "Crysis" optimierten Nvidia-Beta-Treibern und DirectX10 ruckelt das Game, sofern die maximalen Grafik- und Anti-Aliasing-Einstellungen gewählt werden.

Crysis

Hersteller/Vertrieb

Crytek/Electronic Arts

Genre

Action

Plattform

PC

Preis

ca. 50 Euro

Altersfreigabe

ab 18 Jahren

Wer nach der Nadel im Kritikheuhaufen sucht, wird ebenfalls fündig. Der Multiplayermodus, insbesondere die "Power-Struggle" genannte Variante, ist zwar ganz nett, doch der Verzicht auf ein Team-Deathmatch dürfte den einen oder anderen Gamer stören. Das Gleiche gilt für die Synchronisierung der Charaktere. Als Sprecher kommen fast ausschließlich aus Film und Fernsehen bekannte Profis zum Einsatz. Da das Game aber für den englischsprachigen Markt konzipiert wurde, sind die Lippenbewegungen teils ziemlich asynchron.

Artur Hoffmann/Teleschau / TELESCHAU
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