"Myst V: End of Ages" Ein Mysterium geht zu Ende


Mit 14 Millionen verkauften Exemplaren gehört die Rätselserie "Myst" zu den erfolgreichsten Computerspielreihen. Nun endet die ungewöhnliche Saga.
Von Nina Ernst

Wenn der Lehrer Tim Rylands in der Nähe von London das Schuljahr beginnt, hat er die Aufmerksamkeit der Schüler auf seiner Seite. Die Zehnjährigen starren gebannt nach vorne und vergessen, dass sie in der Literaturstunde sitzen. Auf dem Lehrplan steht "Myst". Ein Computerspiel.

Bei der Abenteuerserie muss der Spieler weder Gegner verprügeln noch herumballern. In "Myst" gibt es keine Action, nur Rätsel und Geheimnisse. Die surrealen Welten sind voller bizarrer Objekte und Mechanismen. Und die haben es in sich: das Verstehen der Konstruktionen und Lösen der Rätsel treibt manchmal selbst geübten Denksportlern den Schweiß auf die Stirn. Genau darin sieht Myst-Erfinder Rand Miller das Erfolgsgeheimnis: "Die Menschen lieben es, Neues zu entdecken und Dingen auf den Grund zu gehen." Mit "End of Ages" endet nun die Geschichte von Myst.

Innovative Lehrmethode

Tim Rylands schwärmt besonders für die Landschaften in den Spielen. Wenn er seinen Schülern Myst zeigt, entscheiden die Kinder, welchen Weg er einschlägt. Sie bestimmen, ob er eine Tür öffnen und an welchem Zahnrad er drehen soll. Anschließend sprechen sie über die gemeinsamen Erlebnisse. Damit will Rylands ihren Wortschatz erweitern und ihnen beibringen, Probleme in der Gruppe zu lösen. Die Übungen kommen nicht nur bei den Schülern gut an. Rylands wurde mit dem B.E.C.T.A. Award 2005 für innovative Lehrmethoden ausgezeichnet.

"Myst V: End of Ages"

Hersteller/Vertrieb

Cyan Worlds/Ubisoft

Genre

Adventure

Plattform

PC

Preis

45 Euro

Altersfreigabe

ohne Beschränkung

In der "Myst"-Saga spielen Bücher eine wichtige Rolle. Sie können Welten zum Leben erwecken. Das finden Rylands Schüler so spannend, dass sogar einige Lesemuffel durch den Unterricht angefangen haben, in ihrer Freizeit lesen.

Ein Bücherersatz ist das Spiel für den Lehrer nicht. Eher eine Ergänzung: "Myst sagt: 'Schreiben ist cool'. So kann ich sogar die langweiligsten Themen interessant verpacken." Wenn etwa Kommasetzung auf dem Stundenplan steht, erklärt er die Regeln anhand der vielen Spieltexte. Negative Reaktionen auf seine ungewöhnlichen Methoden hat Rylands noch keine bekommen. Nur Bitten von Kollegen, ihnen das Spiel zu zeigen.

"Es ist, wie ein Baby zu bekommen"

Als Rand Miller die Serie vor zwölf Jahren ins Leben gerufen hat, konnte er nicht ahnen, dass sein Projekt einmal Kultstatus genießen würde. Inzwischen existieren über 1300 Fanseiten im Internet. Die Software wurde in 23 Sprachen übersetzt und in 47 Ländern über 14 Millionen Mal verkauft. Das macht Miller stolz: "'Myst' war die Chance meines Lebens." Trotzdem belastet ihn der Job als Spieldesigner manchmal. Dann sehnt er sich nach der geregelten Arbeit in der Bank zurück, die er für "Myst" aufgegeben hat. Der Visionär bleibt der Spielebranche aber treu: "Es ist wie ein Baby zu bekommen. Erst sagt die Frau: 'Nie wieder. Es sind solche Schmerzen.' Aber man vergisst den Schmerz, bekommt eine neue Idee und ist schon wieder mittendrin."

Neue Ideen hat Miller genug. Zum Beispiel "Latus". Das lineare Programm soll eine Art interaktiver Film werden, mit dem Miller Trends setzen will. Der für ihn wichtigste Trend ist allerdings gar nicht neu: Spiele, in denen die Geschichte die Hauptrolle spielt.


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