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"The Darkness": Hörst du die Stimmen?

Geniestreich aus Schweden: Im Land der langen Winterabende entstand mit "The Darkness" großes Action-Kino in digitaler Form. Allerdings ist die Comic-Umsetzung für die neuen Konsolen nur für Erwachsene geeignet.

Die Macher von "The Chronicles of Riddick" machen erneut von sich reden. Die schwedische Softwareschmiede Starbreeze erntete dank imposanter Einblicke bei Spielemessen schon vor dem Release unzählige Vorschusslorbeeren für die Comic-Adaption "The Darkness". Zu Recht, wie sich recht schnell herausstellt. Das Xbox-360- und PS3-Game ist großes digitales Kino für Erwachsene.

Nie zuvor dauerte es jedenfalls so lange, bis man erstaunt begreift: Das ist nicht mehr der Vorspann, sondern Teil des Spiels - wenn auch nur ein semi-interaktiver, da man auf dem Beifahrersitz eines Mafia-Cabrios von der Polizei verfolgt durch einen Tunnel rast. Doch auch als das Game auf klassische Ego-Shooter-Perspektive wechselt, ist der Aha- und Oho-Effekt gewaltig: Der Detailgrad der Texturen, das Spiel von Licht und Schatten, die Tiefenschärfe, die Plastizität der dreidimensionalen Objekte, die authentisch animierte Mimik der Charaktere, die heruntergekommenen Locations - all das trägt dazu bei, den uralten Zockertraum so wahr zu machen, wie es derzeit technisch möglich ist: ein Film zum Selberspielen.

Filmreif ist auch die Handlung, die man aus den Augen des Nachwuchs-Mafioso Jackie Estacado erlebt. Schwärzer und länger als seine Haarpracht ist nur noch der Ledermantel des Auftragskillers. Doch Franchetti-Familienoberhaupt Onkel Paulie erweist sich als böser Psychopathen-Patriarch und setzt Jackie pünktlich zu seinem 21. Geburtstag auf die Abschussliste. Dessen einzige Chance: Paulie erledigen, bevor ihm der Pate zuvorkommt.

"Durch Dich werde ich geboren..."

Das alles klingt anfangs nach gewöhnlicher Shooter-Kost. Doch spätestens, wenn zum ersten Mal eine Gruselstimme aus dem Off erklingt und Jackie ins Ohr flüstert "Durch dich werde ich geboren, es ist nah, bald ist es soweit", schwant dem Spieler Übles. Auf dem Friedhof erfährt der Mafiosi schließlich sein eigenes, dunkles Geheimnis: In ihm hat sich die Finsternis manifestiert, eine zutiefst zerstörerische Kraft, uralt und unendlich böse. Die Folgen: Schizophrenie, eine gewisse Lichtscheue - und wenn Jackie es wünscht, wachsen ihm auf Knopfdruck Tentakel mit reißzahnbewährten Fratzen, die gierig nach seinen Gegnern grapschen.

Außerdem kann er sogenannte Darklings befehligen. Diese an Gollum aus "Herr der Ringe" erinnernden Wesen sind zwar alles andere als Schönlinge, dafür aber äußerst praktische und loyale Helfer in vier unterschiedlichen Ausführungen. Sie zeigen Jackie den Weg, öffnen ihm Türen, zerstören grelle Lichtquellen und wenn sie auf Menschen treffen, kann man zudem beobachten, dass Darklings keine Kostverächter sind.

Auch wenn Jackie ein guter Schütze ist: Ohne die Mächte der Finsternis hat er keine Chance gegen die Mafia-Armee seines bösen Onkels. Um seine übernatürlichen Kräfte nutzen zu können, muss er sich allerdings oft in die Schatten der Großstadt begeben, denn nur in finsteren Ecken kann er die Kräfte der Dunkelheit absorbieren. Dazu zählt der Schild der Finsternis, der den gegnerischen Kugelhagel dämmt, die Fähigkeit, ein schwarzes Loch aufzutun und die Option, mit einem Tentakel durch Passagen zu kriechen, durch die ein Mensch nicht passen würde. Wie eine Schlange in Zeitraffer durch enge Schächte zu zischen, zählt zu den optischen Leckerbissen in diesem an grafischen Highlights nicht armen Game: In der Perspektive des rasenden Tentakels kann er sich auch an Gegner heranschlängeln und dann kraftvoll zubeißen wie ein tollwütiger Waldi. Im Gegensatz zur englischen Original-Version musste Publisher Take2 hier jedoch gewaltig entschärfen, um nicht auf dem Index zu landen. Dennoch ist "The Darkness" kein Spiel für schwache Nerven. Der Gewaltfaktor ist enorm.

Mike Patton spricht die Finsternis

Wie die Grafik ist auch der Sound vom Feinsten. Gut abgemischter Dolby-Surround-Klang erlaubt es, Geräusche genauestens räumlich zu orten. Der Soundtrack passt wie ein Maßanzug zur jeweiligen Situation - vom Gruselpathos à la Carmina Burana über elegische Cello-Klänge bis zu Actionfilm-Dramatik und subtilem, atmosphärischem Nervenkitzel. Grandioser Höhepunkt ist jedoch Ex-Faith-No-More-Sänger Mike Patton, der mit unglaublicher Inbrunst die Finsternis spricht. Nein, diesem Mann möchte man nicht in der Dunkelheit begegnen ...

Das Game bietet einen bunten Genre-Mix, dessen Versatzstücke an Film Noir, Quentin Tarantino, "Max Payne" und an den Horror eines Clive Barkers erinnern. Denn zwei Mal wechselt das Spiel in die "Otherworld" - einem Vorhof der Hölle, in dem der Erste Weltkrieg niemals endet und in dem die Finsternis offenbar ihre Wurzeln hat.

The Darkness

Hersteller/Vertrieb

Starbreeze Studios / Take2

Genre

Action

Plattform

Xbox 360, PS3

Preis

60 Euro

Unterbrochen werden die Actionpassagen immer wieder durch Gespräche mit allerlei Passanten oder Jackies Freundin Jenny, mit der sich auch Zärtlichkeiten aus der Ego-Perspektive austauschen lassen, während im Hintergrund ein oller Gregory-Peck-Streifen in der Glotze läuft. Und wer will, macht sich auf die Suche nach Notizen und Telefonnummern, die allerlei Boni freischalten - darunter auch ein paar Ausgaben des Comics.

Fazit

Hammergrafik, skurrile Charaktere, spannender Plot, ausgeklügelte Gegner-KI - wer mehr als einen klassischen Shooter sucht, wird von dem Mafia-Monster-Massaker begeistert sein. Allenfalls die knappe Spieldauer von rund 15 Stunden und gelegentliche Ruckler gäbe es zu bemängeln, wenn man nicht völlig gebannt vor der HD-Glotze sitzen würde...

Michael Eichhammer/Teleschau / TELESCHAU
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