HOME

"The Moment of Silence": Da ist was faul im Überwachungsstaat

"The Moment of Silence" ist ein ambitioniertes Abenteuerspiel aus Deutschland, eine Zukunftsvision um einen totalitären Überwachungsstaat - und einen Bürger, der zu neugierig ist.

"Morgen Mittag beginnt wieder der Agenturstress", klagt der New Yorker Werbetexter Peter Wright. Die gewaltsame Entführung seines Nachbarn aber stürzt den melancholischen Eigenbrötler in eine spannende Geschichte, die mehr als 40 Stunden Computerspielunterhaltung verspricht. Statt ausgefeilter Grafik bietet der jüngste Titel des deutschen Entwicklerstudios House of Tales eine durchdachte Science-Fiction-Story, die ihre realen Hintergründe in der Gegenwart hat.

Nach der Vorgeschichte findet sich der Spieler von "Moment of Silence" in der Rolle von Peter Wright im 23. Stockwerk eines Appartementhauses wieder. Man schreibt den 29. September 2044, und Peter verwendet seinen "Messenger", um mittels mobiler Videotelefonie der verzweifelten Nachbarin Hilfe anzubieten. Im Point-and-Click-Modus führt der Spieler den nüchternen Antihelden aus dem Appartementhaus hinaus auf die rauen Straßen von New York.

Für redselige Sammler

Der Sohn des verschleppten Reporters hat Peter eine Alien-Puppe überlassen, und die bringt den freiwilligen Ermittler auf die Spur einer obskuren Bande. Auch andere Gegenstände werden genre-üblich fleißig eingesammelt. Daneben spielen die Dialoge eine wichtige Rolle - mit realen Figuren, telefonisch oder im Chat mit der geheimnisvollen Christine, deren Avatar so ganz anders aussieht als sie selbst.

The Moment of Silence

Hersteller/Vertrieb

House of Tales/dtp

Genre

Adventure

Plattform

PC (ab Windows 98)

Altersfreigabe

ab 12 Jahren

Offizielle Website

dtp

Auf der Suche nach dem entführten Oswald erfährt Peter schließlich, dass der Journalist einer weltweiten Abhörmaschinerie auf der Spur war, die das Echelon-Projekt der USA weiterführen soll. Nach und nach findet er heraus, dass die Entführung des Nachbarn, der Tod seiner Frau und seines Sohnes, der internationale Terrorismus und der übermächtige Weltregierungsapparat auf mysteriöse Weise zusammenhängen.

Professionelle Sprecher

Die Geschichte führt den Spieler an 75 verschiedene Orte, die alle ihren eigenen Reiz haben. Szenen wie die Hochhausfassaden am Rand des Brooklyn-Parks sind liebevoll gestaltet und erzeugen eine reizvolle Stimmung. Die Spiellandschaften sind zwar teilweise dreidimensional designt, können aber nur auf festgelegten Wegen erkundet werden. Überzeugend wirken die Hauptfiguren der Geschichte, woran die Sprecherstimmen einen maßgeblichen Anteil haben: Peter Wright hat den unnachahmlichen Bass von Manfred Lehmann, der auch schon dem Schauspieler Bruche Willis oder den Jerry-Cotton-Hörspielen seine Stimme geliehen hat. Die trotz sparsamer Polygon-Gestaltung charmant wirkende Deborah Oswald wird als Frau des entführten Reporters von Daniela Hoffmann gesprochen, der Synchronstimme von Julia Roberts.

Technische Macken

Leider ist "The Moment of Silence" nicht frei von technischen Fehlern. Besonders merkwürdig: Gelegentlich wird die Position der Spielfigur in der Umgebungsgrafik falsch berechnet, so dass Peter zum Beispiel an einem Türknauf rüttelt, obwohl er rund einen Meter davon entfernt steht.

Einen unschönen Beigeschmack hat die Art und Weise, wie der Hersteller seine Kunden mit Programmaktualisierungen versorgt. Praktisch kein aktuelles Computerspiel kommt mehr ohne die so genannten Patches aus, die im Nachhinein Fehler in der Software ausbügeln. Auch für "The Moment of Silence" ist wenige Tage nach Verkaufsstart bereits ein 13 Megabyte großer Patch verfügbar, über dessen Existenz der Spieler auch mithilfe der Aktualisierungsfunktion des Spiels informiert wird. So weit, so gut. Allerdings findet der Download nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, auf der offiziellen Website zum Spiel statt. Vielmehr wird der User unvermittelt auf die Seiten des Online-Spielemagazins 4players.de geschickt, wo er drei Möglichkeiten findet, den Patch herunterzuladen - zwei davon sind kostenpflichtig, die kostenlose Variante ist besonders langsam. Überhaupt den Eindruck zu erwecken, der Käufer müsse auch noch dafür bezahlen, dass im von ihm erworbenen Produkt Fehler behoben werden, ist inakzeptabel und lässt sowohl Hersteller als auch Vertrieb in einem schlechteren Licht darstehen, als sie es angesichts des eigentlich guten Produkts verdient hätten.

Immerhin: "Neutrale" Patch-Sammler wie Patches Scrolls bieten das Update inzwischen völlig ohne verwirrende Randbedingungen an.

Peter Zschunke, AP; Ralf Sander / AP
Themen in diesem Artikel