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Indien: Wo Spieleprogrammierer nicht spielen können

Indien bietet viele gute Programmierer und niedrige Löhne. Ein Paradies für international renommierte Entwickler von Computer- und Videospielen. Einzig das Spielen müssen die Inder noch lernen.

Rajesh Rao verbringt einen guten Teil seines Arbeitstages mit Computerspielen auf dem Handy. Auch die neuen Mitarbeiter des 34-jährigen Unternehmers sollen in den ersten Wochen nichts anderes tun als kräftig zu zocken. Der Chef des Software-Unternehmens Dhruva Interactive in Bangalore will sie so auf neue Aufträge vorbereiten: Nachdem Indien bereits bei der Entwicklung von Business-Software eine führende Rolle übernommen hat, erfasst der "Offshore"- Trend nun auch verstärkt Computerspiele. Die Voraussetzungen dafür sind gute Programmierer und niedrige Löhne.

Keine Zeit zum Spielen

Nur ein Problem gibt es noch: In Indien wachsen Kinder kaum so eng mit Computerspielen auf wie in Deutschland oder den USA. "Sie sind einfach zu sehr damit beschäftigt, Pläne für die Zukunft zu machen und zu lernen", erklärt Rao. Deshalb hat er Probleme, geeignete Entwickler zu finden, die sich mit Computerspielen auskennen. Der Verkauf von Spielen für den PC oder Konsolen ist ein Milliardengeschäft geworden, das die Filmindustrie überrundet hat. Weil die Entwicklung eines neuen Titels leicht mit Kosten von mehr als zehn Millionen Euro verbunden ist, suchen Hersteller wie Sony, Codemasters, Atari oder Microsoft nach Entlastung und hoffen, diese in Indien zu finden.

Großes Talent, niedriger Lohn

Zumindest für einen Teil der Entwicklung wie das Art-Design bieten sich indische Firmen an, die Branchenkennern zufolge eine Kostenersparnis von 40 Prozent versprechen. "Unser Hauptvorteil ist, dass wir niedrige Kosten mit einem Übermaß an kreativem Talent und Entwicklerfähigkeiten kombinieren", sagt Rao. Sein Unternehmen Dhruva gehört zu den Pionieren der Computerspielentwicklung in Indien. 1998 gewann Dhruva den Auftrag, einen Teil des Spiels "Mission: Impossible" zu entwickeln. In diesem Jahr hat er schon ein Projekt für Microsofts "Forza Motorsport" fertiggestellt und ein eigenes Tennis-Spiel für Mobiltelefone herausgebracht. Zu den bekanntesten Entwicklerstudios gehört Indiagames, das seit Ende vergangenen Jahres mehrheitlich der chinesischen Internet-Firma TOM Online gehört. Im April beteiligten sich auch Cisco und Macromedia an Indiagames, das in diesem Jahr mehr als 30 Handy-Spiele entwickelt und sich dabei ständig um Lizenzen für die Verwendung prominenter Namen bemüht. Nur solche Top-Namen garantieren den Erfolg auf dem globalen Markt.

Halbierung der Entwicklungskosten

So arbeitet Indiagames mit führenden US-Studios zusammen, um Handy-Spiele auf der Basis von Filmtiteln wie "The Mummy" und "Jurassic Park" herauszubringen. Weltweit verzeichne Indiagames mehr als eine Million Downloads von Handy-Spielen, sagt der 27-jährige Firmenchef Vishal Gondal, dessen Büro von Postern mit Comic-Figuren und Spielzeug übersät ist. Auch Dhruva setzt auf die umsatzsteigernde Wirkung von Promis und sicherte sich für sein Tennisspiel den Namen der besonders in Europa populären russischen Sportlerin Maria Sharapova. Während des Turniers in Wimbledon schaffte es das vom britischen Unternehmen I-Play vermarktete Spiel unter die Top Ten der Downloads bei Vodafone. Eine weitere Outsourcing-Firma, Small Device Technology, hat sich darauf spezialisiert, Handy-Spiele auf unterschiedlichen Mobiltelefonen zum Laufen zu bringen. In den USA koste es 100.000 Dollar, ein Spiel für etwa 60 verschiedene Handys kompatibel zu machen, sagt der Vorstandschef Dikshant Dave. Diese Kosten könnten in Indien halbiert werden. Und nur wenn ein Handy-Spiel auf möglichst vielen Geräten laufe, könne es zu einem vollen Erfolg werden.

S. Srinivasan/AP / AP