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Scheibe Kolumne: Ein Krimi: Ebay gegen Amazon

stern.de-Autor Scheibe hat wieder Lust zum Lesen. Die alten Spenser-Romane von Krimi-Großmeister Robert B. Parker müssen es sein. Leider sind die fast alle vergriffen. Wie gut, dass es ja noch das moderne Antiquariat im Internet gibt. Hier treten Ebay und der Amazon Marktplatz gegeneinander an. Mal sehen, wer gewinnt.

Irgendwann in den Achtzigern muss es gewesen sein. Damals habe ich im Fernsehen immer nur allzu gern die Serie "Spenser" gesehen. Robert Urich hat die Hauptrolle des titelgebenden Privatdetektivs gespielt, der in Boston im dreckigen Untergrund ermittelt, in einer alten Feuerwache wohnt, gerne kocht und regelmäßig seine Freundin vernascht, die kluge Psychologin Susan Silvermann. Urich hat den Spenser aus den Original-Büchern von Robert B. Parker perfekt getroffen, aber das wusste ich damals noch nicht, weil ich die Bücher nicht kannte. Spenser kam in der TV-Serie sehr charmant gegenüber Frauen, rücksichtslos gegen Bösewichten, mitfühlend mit Opfern und regelrecht bockig im Umgang mit Autoritäten wie etwa der Polizei rüber. Drei Staffeln gab es von der Serie und alle Folgen waren top - vor allem die, in denen Avery Brooks den schweigsamen Hawk gab, Spensers Sidekick, der mit gewaltiger Kanone und coolen Sprüchen mehr als einmal für Rückendeckung sorgen musste.

Es dauerte bestimmt weitere zehn Jahre, bis ich meinen ersten Spenser-Roman in die Finger bekam. Mein ehemaliger WG-Kumpel Frank Böhmert hatte ihn mir empfohlen. Und da seine Tipps mich vorher schon zu einem Andrew-Vachss- und Gregory-Mcdonald-Fan gemacht hatten, bestellte ich mir einen damals aktuellen Roman als Rezensionsexemplar. Damals erschienen die Bücher alle bei Ullstein oder Rowohlt. Ich weiß nicht mehr, wie der Roman hieß, aber ich war sofort Feuer und Flamme. Die Bücher waren deutlich härter als die TV-Episoden, was nicht nur an der Handlung lag, sondern vor allem an den ausgefeilten Dialogen, die manchmal poetisch literarisch sein konnten, um dann wieder mit Schimpfwörtern und Gossenslang nur so um sich zu werfen. Der verschrobene Schalk, der immer wieder aus den herrlichen Dialogen sprüht, machen den in Boston über die "Schwarze Serie" der Hard-Boiled-Krimis promovierten Robert B. Parker zu einem echten Genie der Krimikunst.

Spenser muss her - sofort

Heutzutage langweilen die meisten Kriminalautoren nur, wenn man von den begnadeten Jack-Reacher-Romanen eines Lee Child einmal absieht. Umso unverständlicher ist es, dass die ganzen alten Klassiker heute nicht mehr in den Buchregalen der Buchläden stehen. Die Fletch-Romane von Gregory McDonald sind überhaupt nicht mehr zu finden und die letzten vier, fünf Burke-Romane von Andrew Vachss haben es nicht einmal nach Deutschland geschafft, was ein echter Jammer ist. Immerhin gibt es Hoffnung für Spenser. Der Pendragon-Verlag hat mit "Die blonde Witwe" und ganz aktuell "Der stille Schüler" damit begonnen, die neuesten Spenser-Romane wieder nach Deutschland zu holen und sie im tiefschwarzen Paperback anzubieten. "Die blonde Witwe" habe ich an fünf Abenden durchgehabt und dabei beschlossen: Ich brauche alle Spenser-Romane und das sofort. Immerhin gibt es einige davon. Seit dem Erstling "Spenser und das gestohlene Manuskript" aus dem Jahr 1973 hat Parker so gut wie jedes Jahr ein neues Buch geschrieben.

Aufgewühlt von dem Gedanken, mir eine komplette Spenser-Romanreihe anzuschaffen, besorge ich mir zunächst über Google die aktuelle Bibliografie des Autors. Dann gehe ich natürlich sofort zu Ebay, um hier nach entsprechenden Angeboten zu suchen.

Ebay...

Das Auktionsportal enttäuscht mich. Während ich hier noch meine Malko-Krimisammlung an einem Abend zu Billigpreisen vervollständigen konnte, werden mir passend zum Suchwort "Spenser" nur fünf alte Bücher angeboten. Alle kosten so um die 1,50 Euro, aber die Auktionen laufen noch und ich muss abwarten. Ich biete auf alle fünf Bücher jeweils 5 Euro und werde in den folgenden Tagen mit Dutzenden Mails beschossen. Ich bin der Höchstbietende, ich bin überboten, ich bin wieder der Höchstbietende, ich habe gewonnen. Toll. Ich möchte ja nicht lange feilschen, sondern am liebsten sofort kaufen. Passend zu jeder gewonnenen Auktion muss ich nun auch noch umständlich die Bankverbindung des Verkäufers ausfindig machen und das Geld überweisen. Das dauert endlos, zumal ich im Rückstau der verschiedenen Ebay-Mails nur schwierig die richtigen Nachrichten finden kann. Das Fazit ist: Es dauert mehrere Tage, bis ich endlich weiß, ob ich die Bücher auch wirklich ersteigert habe. Danach habe ich viel Rennerei mit der Bezahlung und muss noch ein paar Tage warten, bis das Geld endlich beim Verkäufer angekommen ist und der meine Bücher in die Post gebracht werden. Das ist mir zu kompliziert.

... gegen Amazon

Bei Amazon habe ich bislang nur neue Sachen gekauft, hauptsächlich DVDs und einfaches Technikzeug. Passend zu Robert B. Parker gibt es hier aber auch ein unglaublich umfangreiches Angebot an gebrauchten Büchern von zahlreichen kleinen Händlern, die den Amazon Marktplatz nutzen. Ich gerate in einen regelrechten Kaufrausch. Passend zu den einzelnen Romanen gibt es oft bis zu zehn verschiedene Offerten. Ich suche gezielt nach Angeboten, die gut erhaltene Romane zu einem fairen Preis anbieten. Meist muss ich um die 2 Euro zahlen - plus Porto. Auf diese Weise bestelle ich etwa zehn Spenser-Romane, um erst einmal zu schauen, wie das Marktplatz-Konzept bei Amazon funktioniert. Das Ergebnis ist erstaunlich. Mit meinem einen Kaufklick ist bereits alles erledigt. Amazon kümmert sich selbstständig darum, das Geld von meinem Konto abzubuchen. Gleichzeitig werden die Händler informiert. Bereits zwei Tage später ächzt der Postbote und bringt mir einen riesigen Schwung einzeln abgepackter Bücher ins Haus. Die Hälfte der Bücher ist fast neuwertig, bei einigen älteren sind die Rücken durchgebogen oder die Seiten sind vergilbt. Sei es drum.

Ich weiß jetzt jedenfalls, dass ich auch noch die restlichen Parker-Romane bei Amazon bestellen kann. So vervollständige ich meine Sammlung im Nu. Da ich immer gerne neuwertige Bücher im Regal zu stehen habe, hoffe ich natürlich trotzdem inständig darauf, dass die alten Romane irgendwann noch einmal neu aufgelegt werden. Es wäre ja schade, diese genialen Bücher vor zukünftigen Generationen versteckt zu halten.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania