Scheibes Kolumne Auf dem Polenmarkt


Raubkopien, gefälschte Markenware und die neuesten Kinofilme: Auf dem "Polenmarkt" gibt es nichts, was es nicht gibt. stern.de-Mitarbeiter Scheibe hat sich in Slubice einmal genauer umgeschaut.

Mit der Bahn geht es von Berlin nach Frankfurt an der Oder: ein netter Ausflug mit einem guten Ausblick auf das Brandenburger Umland. In Frankfurt strahlt die Sonne, die Stadt wirkt freundlich, und überall sind junge Leute unterwegs. Viele zieht es zu den Bussen, die auch uns näher zum Grenzübergang nach Polen heranbringen. Über eine Brücke überqueren wir die Oder und zeigen dann erst bei den deutschen und anschließend bei den polnischen Grenzern unsere Pässe.

Werben um die Euros

In Polen angekommen erschlägt uns sofort das Angebot unglaublich billiger Leistungen, die klar auf den deutschen Grenzhopper abzielen. Tanken ganz billig, und auch den Haarschnitt gibt es in Polen für ein Drittel des üblichen Preises, was bei einer Dauerwelle durchaus ein Argument ist. Zwischen all den riesigen Werbetafeln versteckt sich auch ein Plakat, das auf einen 24 Stunden lang geöffneten Nachtclub hinweist. Bestimmt sind die Damen des horizontalen Gewerbes in Polen auch günstiger zu haben als im deutschen Umkreis. Ich bin erstaunt: So heftig hätte ich mir das Werben um die Euros nicht vorgestellt.

In einem wackeligen Bus fahren wir zum Polenmarkt. Der Fahrer sitzt auf einem Sofa, das er sich in den Bus gestellt hat. Alle Sitze sind zerschlissen, Gurte gibt es nicht. Am Ziel angekommen soll jeder 50 Cents Busgeld bezahlen. Der Euro ist die einzige Währung, die hier aktzeptiert wird. Wer hat auch schon polnische Zloty dabei?

Eng geht's zu

Der Polenmarkt sieht aus wie ein typischer Markt, nur eben in der Größe eines Fußballfeldes. Links und rechts der engen Gänge türmen sich die Waren bis zur Decke. Gut: Nur die wenigsten Verkäufer springen einem gleich ins Gesicht. Viele sind schlauer und lassen die Passanten schauen, um sich erst dann einzumischen.

Das Angebot ist nicht nur größtenteils illegal, sondern wirkt auch komplett surreal. Zwischen körperfarbenen Oma-Büstenhaltern und extrem peinlicher Dessousmode mit viel zu viel Rüschen gibt es immer wieder Markenplagiate, vor allen Dingen Fußball-Trikots und Lacoste-Hemden. Die Qualität der Fälschungen ist alles andere als gut, dafür sind die Preise happig. Bis zu 20 Euro soll ein Lacoste-Hemd kosten, das so heftig nach Chemikalien stinkt, dass es einem fast die Schuhe auszieht. Zwischendurch gibt es Perücken, Schuhe, aber auch Uhren, Messer und Nähzeug. Übel: Frauen tragen Pappkartons in den Händen durch die Gänge, in denen junge Hundewelpen kauern. Da kriegt man dann schon einen Knoten in der Magengegend.

Minderwertige Raubkopien

Absolut kriminell wird das Angebot, wenn es um das Thema Multimedia geht. Musik-CDs, Video-DVDs, Computerspiele: Alle vier Stände gibt es einen Händler, der die Silberlinge anbietet. Die Qualität der Präsentation ist unter aller Kanone: Die Cover sind selbstgemacht, druckschwach und sehr dilettantisch umgesetzt. Auf einem winzigen Fernseher läuft ein raubkopierter Film zur Ansicht.

Erstaunlich ist die Aktualität der illegalen Film-Sammelsurien, nur die neuesten Streifen werden angeboten: "X-Men 3", "Die Chaos-Camper" oder "Ab durch die Hecke". Ein Film kostet 10 Euro. Billiger wird's, wenn mehr Filme abgenommen werden. Klar, dass sind illegale Aufnahmen - direkt aus dem Kino. Ich kaufe aus Prinzip nichts, außerdem lege ich Wert auf ein gestochen scharfes Bild und meinen geliebten DTS-Sound.

Das Geschäft blüht

Den Polen dürfte das egal sein. Ihre DVD-Stände sind immer gut besucht. Was sicherlich auch daran liegt, dass hier viele Jugendliche und einsame Männer einen Zehner zücken, um sich die neuesten Pornofilme als Raubkopie zu besorgen. Die stehen hier ganz offen in den Regalen. Verwunderlich: Die polnische Polizei duldet dies.

Überraschenderweise wird Anwender-Software nirgendwo angeboten. Kein Excel, kein Word, kein Virenscanner - dafür aber Spiele satt. Blutrünstig und indiziert - läuft offenbar sehr gut. Aber auch angesagte Markenspiele, die in Deutschland noch 50 Euro kosten, sind in Polen bereits für 10 Euro zu haben.

Nüchterndes Fazit

Nach drei Stunden auf dem Markt sind wir sehr ernüchtert. Ganz klar: Hier gibt es eine Struktur bzw. Absprache. Zu identisch sind die Preise sowie die Angebote, als dass hier jeder auf eigene Faust arbeitet. Wahrscheinlich gibt es einen einzigen Lieferanten, der alle Händler zugleich mit den neuesten Filmen, Spielen und Musik-CDs beliefert. Und das alles nur fünf Minuten von der deutschen Grenze entfernt.

Am späten Nachmittag fahren wir zurück zur Grenze, mit prall gefüllten Rucksäcken. Sie enthalten aber nur Proviant und Regenjacken, und keine frisch eingekauften Raubkopien im Dutzend. Den Grenzer interessiert das nicht, er winkt uns durch. Genauso wie Dutzende anderer Passanten, die auf dem Polenmarkt vielleicht nicht nur Blumen, Getränke, Schinken oder frisches Obst eingekauft haben. Die gibt es dort nämlich auch sehr günstig.


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