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Scheibes Kolumne: Bitte erfasst meine Daten!

Angst vor dem gläsernen Menschen, dem Zusammenbruch des Datenschutzes, vor der allgegenwärtigen Spionage? stern.de-Kolumnist Scheibe kann da nur lachen. Er würde sich glatt freuen, wenn die tägliche Bürokratie endlich einmal ein klein wenig digitaler und damit benutzerfreundlicher ausfallen würde.

Ich ärgere mich. Alle zwei Tage fahre ich zur Post und gebe dort zwischen 50 und 200 Briefumschläge ab. Als Infopost, das ist billiger. Bezahlen tue ich das doch recht ordentliche Postaufkommen mit der gelben Postkarte, sodass ich gar nicht erst in Verlegenheit gerate, jedes Mal einen Haufen Bargeld mit in die Filiale schleppen zu müssen. In meiner Fantasie zieht der Postmann einfach die Karte durch sein Scannergerät, fragt nach der PIN und hat dann auch schon alle meine Daten auf dem Schirm. Im Grunde genommen müsste er nur noch nachfragen, wie viele Briefe ich denn zu welchem Einzelpreis abgebe, um den Vorgang per Tastendruck abschließen zu können.

Doch so sieht die Wirklichkeit leider nicht aus. Stattdessen bekomme ich ein dickes A-4-Formular in die Hand gedrückt. Hier muss ich meinen Namen, die Adresse und die Kontoverbindung mit dem Kugelschreiber in die winzigen vorgedruckten Felder schreiben. Ich bin nicht mehr sehr gut im Handschreiben, das habe ich fast völlig verlernt. Am Ende muss ich auch noch selbst ausrechnen, wie viel Porto ich zu bezahlen habe. Am Ende tippt der Schalterbeamte alle diese Daten noch einmal ab und gibt sie so in seinen Rechner ein. Bis dann alle Formulare abgestempelt, neu ausgedruckt und verteilt sind, vergeht bestimmt eine volle Viertelstunde. Das ist Zeit, die einfach sinnlos verplempert wird. Und das jeden Tag aufs Neue. Gerne reiße ich die Mauern des Datenschutzes ein, wenn ich dafür nicht so lange vor dem Tresen stehen muss. Und das gleich mehrmals in der Woche.

Eigentlich müssten die mich kennen

Weiter geht es mit unserem Kita-Formular. Jedes Jahr wollen die Jungs von der Stadt wissen, was ich verdiene, um den Kitabeitrag für meine beiden Kinder zu errechnen. Da bekomme ich dann ein Formular, das einmal mehr von mir verlangt, Namen und Adresse vollständig und in Druckbuchstaben zu erfassen. Wenn ich doch schon bei denen im Computer bin, hätte man diese Angaben doch auch schon vorab in das Formular einfügen können!? Der größte Platz auf der Seite geht dafür drauf, alle nur erdenklichen Einkommensgrenzen zu benennen. Nachdem ich die richtige Summe angekreuzt habe, frage ich mich, wohin ich den Schrieb denn wohl senden soll. Eine Adresse fehlt auf dem Schreiben völlig. Dabei hätte man sie doch perfekt so vorgeben können, dass es ausreicht, den Umschlag zu kniffen und ihn in einen Fensterumschlag zu tun. Habe ich überhaupt noch Umschläge ohne Fenster? Noch lieber wäre mir ein Online-Formular mit Cookie - für meine Daten. Zwei, drei Mausklicks, und die Sache wäre erledigt.

Bürokratisch geht es auch bei meiner Bank zu. Eine neue Visa-Karte brauche ich - fürs Geschäftskonto. Hinten soll mein Foto drauf. Das hat mir bei der alten Karte viele Pluspunkte im Handel eingebracht, anscheinend nimmt der Kreditkartenbetrug doch sehr zu. Also buche ich dieses Gimmick gleich mit. Seitdem warte ich auf die Karte. Denn das von mir per Mail an meinen Banker geschickte JPG-Bild darf aus Sicherheitsgründen nicht verwendet werden. Ein Papierfoto muss ich einsenden. Wo denn da der Unterschied ist, kann mir keiner sagen. Denn anscheinend reicht es auch aus, dass ich mein JPG-Foto ausdrucke und es dann als Papierbild mit der Post zur Bank schicke. Ich habe leider kein Fotopapier mehr im Haus und so schiebe ich die lästige Druckarbeit immer wieder hinaus.

Keine Frage: Bis wir Angst davor haben müssen, dass uns Staat und Konzerne richtig überwachen, muss noch viel passieren, denn noch kommt niemand so richtig mit den Datenmengen klar. Bis es so weit ist, habe ich jedenfalls viel Spaß daran, Formulare einfach zu zerreißen. Das geht schneller, als sie auszufüllen.