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Scheibes Kolumne: PC-Nostalgie: Mein erster PC

stern.de-Kolumnist Scheibe fand Computer immer doof. Bis er seinen ersten Rechner geschenkt bekam. Das ist sicherlich weit über 20 Jahre her. Seitdem hat er viele PCs gehabt. Aber die Erinnerung an die erste, große Liebe - sie schwindet wohl nie.

Ich weiß noch, wie das damals in der Schule war. Der C64 war ganz groß in Mode und viele vor allem von den Jungs hatten einen solchen Brotkasten im Kinderzimmer zu stehen, um zu "computern". Zwei Kumpels hatten den Bogen raus und sich eine riesige Sammlung Programme für den C64 zusammenkopiert, die alle auf Tonbandkassetten gespeichert wurden. In den Pausen machten die beiden dann ihren Bauchladen auf und handelten mit den Kassetten. Vor allem mit den ersten erotischen Pixel-Animationen verdienten sie bestimmt deutlich mehr Geld, als wir anderen in unseren Freizeitjobs neben der Schule einstreichen konnten. Es reichte bestimmt aus, um die eigene Vespa zu finanzieren, auf der die beiden zur Schule gebrettert kamen.

Damals fand ich das Thema Computer völlig daneben. Ich schrieb meine Texte noch mit der Schreibmaschine und nutzte u.a. einen Spiritus-getriebenen Umdrucker mit Kurbel dafür, um meine Elaborate und Science-Fiction-Fanzines wie "Fandhome Wheekly" zu vervielfältigen. Auf die Idee, die Magazintexte für unsere Fanpostillen vielleicht mit dem C64 zu schreiben, kam ich damals überhaupt nicht. Für mich war der C64 eine reine Spielekiste mit tumber Klötzchen-Grafik - völlig uninteressant und nix gegen die dicken Automaten in den Spielhöllen. So war ich auch ziemlich eifersüchtig, weil meine Kumpels lieber mit dieser Brotkiste ihre Zeit verdaddelten, als mit mir abends zum Jugendtreff ins Floyd zu fahren.

Dann - schon an der Universität - arbeitete ich an den freien Tagen und in den Semesterferien vor allem auf dem Bau, um Geld zu verdienen. Ich war hier immer der Depp, der die Zementsäcke und Rigipsplatten auf die Baustelle tragen musste. Damals bauten wir in Berlin reihenweise Dachböden aus. Das bedeutete, dass alles Baumaterial immer hoch ins Dach musste - also ganz nach oben im Haus. In all den Studienjahren habe ich keine einzige Baustelle gehabt, bei der ein Fahrstuhl den Weg zum Dach hinauf erleichtert hätte. Dafür gab es jede Menge ausladende Treppenhäuser mit Zwischengeschoss. So ein Zementsack, der hat 25 Kilo Gewicht. Wenn man davon hundert Stück nacheinander in den fünften Stock gebuckelt hat, dann weiß man, was man an diesem Tag getan hat. Ich reifte in dieser Zeit vom dünnen Spargeltarzan zum echten Muckibomber. Warum ins Fitness-Center gehen, wenn man mit dem Workout auch noch Geld verdienen kann?

Koks-Füllung

Und ach ja, diese Anekdote muss erlaubt sein: In Berlin-Spandau rissen wir einmal die Zwischendecke zwischen dem Parterre und dem ersten Stock heraus. Der ganze Boden war zur Isolierung mit Koks gefüllt - öliger, schwarzer Kohle. Da waren wir anschließend so dreckig, dass drei Mal Baden nicht gereicht haben, um das alles wieder abzuwaschen. Jedenfalls segelte aus dieser zerstörten Decke mit einem Mal ein Zettel hinunter, auf dem stand wirklich: "Diesen Mist baute Firma XX 1925". Anscheinend gab es schon damals Pfusch am Bau.

Auf dem Bau wurde nicht zwangsläufig in Geld bezahlt, sondern manchmal auch in Naturalien. Konnte ein Bauherr seine Rechnung nicht bezahlen, gab's stattdessen schon mal ein paar Fernseher oder eben andere Dinge, die dann an uns "Studentengelumpe" als Bezahlung weitergereicht wurden. So kam ich an meinen ersten Computer. Es war kein normales Desktop-Gerät, sondern einer der ersten Laptops. Heute würde man staunen: Damals war das ein gewaltiger Klumpen Metall und Plastik mit einer starren Abdeckhaube und einem eingebauten Griff, sodass man das schwere Teil gut tragen konnte.

Ich glaube, der Laptop brachte es auf 20 MB Speicherplatz auf der Festplatte, eine simple Graustufen-Grafik und auf einen Arbeitsspeicher von - was hatte man damals? - einem halben Megabyte. Auf dem Rechner lief ein altes DOS, Windows gab es damals noch nicht oder jedenfalls nicht auf meinem Laptop. Ich weiß noch, wie ich mir von Tiki Küstenmacher im Systhema-Verlag das gelbe Buch "MS-DOSe" kaufte, in dem mir eine Comicfigur Schritt für Schritt erklärte, wie man die Befehle des Betriebssystems bedient. Das fand ich wiederum sehr spannend. Mit "CD Verzeichnisname" konnte man in einen Ordner wechseln, mit "MD Verzeichnisname" auch einen neuen anlegen. Cool.

Ich beschloss, den Computer immer schön ordentlich zu halten und löschte gleich erst einmal alles weg, was überflüssig war - darunter auch das halbe Betriebssystem. In der Folge war Stefan mein treuester Besucher. Das war der Freund von der Schwester meiner Freundin - und ein echter PC-Kenner. "Was hast du jetzt schon wieder aufgeräumt?", war seine Standardfrage am Telefon. Und das sicherlich nicht zu unrecht, denn ich räumte die Festplatte immer wieder neu auf - bis ich blind herunterbeten konnte, welche Dateien der Rechner braucht und welche nicht. Zum besseren Verständnis begann ich damit, mir meine ersten PC-Zeitschriften zu kaufen. An die "DOS International" kann ich mich da noch gut erinnern. Damals hatten die Artikel noch wirklich noch aufklärerische Bedeutung - und ich lernte schnell. Am Ende war ich so tief in der Materie drin, dass ich mir den DOS-Prompt fast auf den Oberarm tätowiert hätte.

Nächte ohne Farbe

Ich nutzte meinen Laptop vor allem fürs eigene Texteschreiben. Geschichten, Texte für die Uni - in Word für DOS war ich schon bald ein ausgewiesener Experte, nachdem ich mir wirklich die Zeit genommen hatte, einen Monat lang das gesamte interaktive Tutorial der Software durchzuexerzieren. Dann entdeckte ich Tetris - und es war um mich geschehen. Ganze Nächte verbrachte ich mit meiner Freundin vor dem Schwarzweiß-Bildschirm, um Klötzchen zu stapeln. Die längste Session dauerte Stunden und sorgte für einen Highscore, den keiner von uns je wieder knacken konnte. Zu dumm, dass er nicht von mir stammte. Andere PC-Spiele wie das erste Leisure-Suit-Larry-Spiel sorgten dafür, dass ich mir bald einen neuen Computer zulegte - einen AT-286er mit VGA-Grafik. Den holte ich mir damals höchstpersönlich in einer Bastelbude in einem von Berlins Hinterhöfen ab. Da schraubten die Experten noch selbst an den Geräten.

Auf jeden Fall nutzte ich den Computer recht schnell, um Geld damit zu verdienen. Zuerst bekam ich einen Job als PC-Lehrer für eine junge Lehrerin aus dem Wedding, der ich zwei Mal in der Woche beibrachte, wie man am Computer Texte schreibt. Dann war ich der PC-Gehilfe für einen Firmenboss in Berlin-Wannsee, der immer seine Briefe auf Band diktierte und mir dann das Band überließ, damit ich seine Briefe abtippen und ausdrucken konnte. Das machte mir großen Spaß und es brachte auch deutlich mehr Geld als die Plackerei auf dem Bau ein. Schon bald schuftete ich in der PC-Abteilung von einem Homöopathie-Professor an der FU, um sein Fachjournal mit Word für DOS zu layouten, machte Broschüren für die Berliner Gesellschaft für das hochbegabte Kind und werkelte für das Berliner Design-Zentrum am Kurfürstendamm - alles erste coole PC-Jobs, denen noch viele folgen sollten.

Meinen ersten Laptop habe ich leider nicht mehr. Manchmal frage ich, in welchem Museum er jetzt wohl stehen mag.

Eine Glosse von Carsten Scheibe

Scheibe@typemania.de, www.typemania.de

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