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Scheibes Kolumne: So viele Geburtstage

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe ärgert sich. Alles klappt eigentlich so gut in der schönen neuen Apple-Welt. Nur das Synchronisieren der Termine über MobileMe geht bei ihm immer schief. Lösungen? Keine in Sicht. Es sei denn, der alte Kalender aus Papier kommt wieder zum Einsatz.

Seit Jahren pflegt meine Frau einen Papierkalender, der im Wohnzimmer liegt. Treu trägt sie hier alle Geburtstage und Termine der Familie ein. Ebenso treu ignoriere ich den Kalender. Ich bin ein IT-Fachmann, sage ich dann. Ich kann nicht mehr mit Papier. Genau so ist es. Ich verwalte meine Termine in Outlook. Outlook und Papierkalender sind untereinander völlig inkompatibel. So kommt es oft, dass für Freitagabend "Pokern mit den Jungs" in meinem Kalender steht und "Den Opa besuchen" im Kalender meiner Frau. Das ist ärgerlich, denn meist komme ich mit meiner Sichtweise nicht zum Zug. Die holde Weiblichkeit glaubt mir einfach nicht, dass Outlook ihren Kalender ebenso schlägt wie die Schere das Papier im Ching-Chang-Chong-Spiel. Und schon gar nicht glaubt sie, dass Pokern wichtiger ist als der Besuch beim Opa.

Als sich die zwischenmenschlichen Probleme mehrten, habe ich der Holden eins der beiden Geschäfts-iPhone geborgt. Über den Apple-Dienst MobileMe sollen alle Geräte im Einklang schwingen und fröhlich untereinander Termine abgleichen. Unsere beiden iPhones, das iPad im Büro und mein Computer. Das funktioniert wunderbar - manchmal. Ich trage etwas in Outlook ein und über Push-Technik und Online-Rambazamba landen die neuen Termine sofort in den Kalendern von allen angeschlossenen Geräten. Ebenso leicht erhalte ich endlich einmal alle Termine meiner Frau - kurz, nachdem sie sie eingetragen hat. Und: Ich kann heimlich all die Termine wieder löschen, die mir nicht passen. Nein, das mache ich natürlich nicht. Das wäre ja fies.

Geburtstage auf Wanderschaft

Es ist toll mit anzusehen, wenn Technik so brilliert und das eigene Leben stark vereinfacht. Wenn es doch nur so wäre. Seit Wochen benimmt sich MobileMe aber wie eine Mischung aus einer verschusselten Sekretärin und einem besoffenen Seemann. Der ganze Ärger fing mit den Geburtstagen an. Mein eigener Geburtstag, den ich ja eigentlich ganz gut im Kopf habe, wechselte immer wieder unmotiviert das Datum und verkrümelte sich vom März auf den Juli. Dann hatten plötzlich manche Freunde gleich mehrmals an einem Tag Geburtstag. Die arme Ilka müsste laut Kalender 17 Mal Geburtstag feiern. Au weia. Noch schlimmer: Die übrigen Geburtstage dauern plötzlich nicht mehr von Mitternacht zu Mitternacht, sondern von 2 Uhr morgens bis 2 Uhr morgens - erstrecken sich also über zwei Tage. Egal, an welchem Gerät ich das mühselig für alle Freunde und Verwandten änderte: Bei der nächsten Synchronisation war der Schrecken wieder da.

Ansonsten gilt: MobileMe ist vergesslich. Mal übernimmt die Online-Hauptzentrale me.com die Daten nicht von meinem Outlook, dafür aber von den iPhones, dann ist es wieder genau andersherum. Immer wieder ändere ich die Einstellungen an den Geräten, in MobileMe und sogar an der Firewall des Rechners: Die Fehler sind leider nicht rekonstruierbar. Zahlreich sind die Fehler zwar, aber nicht wiederholbar. Inzwischen gewöhne ich mir an, etwa um die zehn wichtige Termine genau im Hinterkopf und auch im Auge zu behalten, um zu sehen, wie sie durch die Geräte diffundieren und mal hier und mal dort auftauchen - nur eben leider nicht auf allen Geräten gleichzeitig

Inzwischen habe ich es mir angewöhnt, MobileMe alle paar Tage mit den Daten aus meinem Outlook komplett zu überschreiben. Das sorgt manchmal für ein ein paar Tage laufendes System, manchmal geht aber auch schon dieser Versuch schief. Auch das letzte iTunes-Update und das Update auf das iOS 4 haben hier nichts gebracht. Vielleicht ist es ja doch wieder an der Zeit, um sich mit dem Papierkalender im Wohnzimmer anzufreunden.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania