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Scheibes Kolumne: Ups und Downs 2005

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Das ist in der Regel die Zeit, zurückzuschauen und die Dinge um einen herum zu bewerten. Das gilt auch für stern.de-Kolumnist Scheibe. Er wirft einen Blick auf das vergangene Jahr und streckt den Daumen mal nach oben, mal nach unten.

Daumen runter: Microsoft

Microsoft setzt in jedem Jahr zig Millionen Dollar um und gilt als Branchenprimus. Aber was tut das Unternehmen, das Jahre lang die Computerszene dominiert hat wie kein anderes? Nichts. Das neue Windows zieht sich seit Jahren, da kommt nichts Neues. So lange hat die Welt noch nie zuvor auf ein neues Betriebssystem gewartet. Die Chefredakteure der ganzen PC-Fachmagazine sind schon fix und fertig, weil sie langsam nicht mehr wissen, über was sie denn eigentlich noch schreiben sollen. Das Microsoft Office erfährt von Version zu Version überflüssigere Veränderungen, sodass ein Wechsel nicht wirklich wichtig ist und viele Anwender enttäuscht bei ihren alten Versionen bleiben. Drum herum ist Microsoft nicht wirklich an bedeutsamen Innovationen beteiligt. Auch die spärlichen Gratis-Programme, die ab und an veröffentlicht werden, sind kaum mehr als eine kurze News wert. Für mich ist Microsoft die Schnarchnase des Jahres. Wacht der Gigant nicht bald auf, wird er weggeputzt.

Daumen rauf: Google

Der Aktionismus von Google zeigt, was Geld und Ideen gemeinsam bewirken können. Die Suchmaschine hat ein paar Milliarden an der Börse eingesammelt. Und jetzt geht es rund. Aber richtig. Es vergeht kaum ein Monat, wo nicht wieder eine bedeutsame Online-Innovation ans Google-Netz geht. Die Google AdSense Werbung - ein irrer Erfolg. Google Earth - ein völlig durchgeknallter Spaß. Dazu kommen aber auch noch Google Mail, Google News, Froogle und weiß der Geier, was sonst noch alles. Ständig sausen neue Gerüchte durch das Netz, die sich binnen weniger Wochen auch noch als wahr erweisen. Mensch, denke ich, endlich passiert in der verschnarchten Computerszene mal wieder etwas. Die Google-Leute legen ein irres Tempo vor und erfinden rund um die Uhr viele Dienste, die die Welt auch tatsächlich braucht. Diese Rolle des Vordenkers hätte eigentlich Microsoft einnehmen können.

Daumen runter: Miniradios

Ich gehe gerne joggen. Ehrlich. Wenn draußen die Sonne scheint, es mindestens 20 Grad hat und abends nichts im Fernsehen läuft. Dann schlüpfe ich in Jogging-Hose, Sweatshirt und Turnschuhe - und drehe eine große Runde über die Sandstraßen unserer Nachbarschaft und über die Kuhwiese vor dem Baumarkt. Das macht Spaß, weil man so schön entspannt schauen kann, was sich in der Siedlung wieder alles getan hat. Wo neue Häuser gebaut werden oder wo es einen neuen Gartenteich gibt. Beim Laufen höre ich gerne Radio. Bei Ebay habe ich mir für drei, vier Euro so kleine Miniradios gekauft, die nicht größer als eine Streichholzschachtel sind und die man sich oben an den Halsausschnitt des Pullis klemmen kann. Inzwischen habe ich sechs dieser Geräte verschlissen. Immer, wenn ich am weitesten von zu Hause entfernt bin, verstummen sie auf einmal. Schwupp - weg ist der Ton. Dann zuppele ich beim Laufen an allen Rädchen herum, werde mit zehn Sekunden Geknurze belohnt, um dann wieder in der Stille zu landen. Das vermiest mir das ganze Laufen, zumal die Geräte zu Hause plötzlich wieder funktionieren.

Daumen rauf: iPod

Je länger ich meinen Apple iPod habe, umso mehr schätze ich das kleine sauteure Gerät. In einem Kraftakt habe ich meine 500 Audio-CDs in den Rechner und dann in den iPod übernommen. Neue Musik kaufe ich per Mausklick im iTunes Music Store ein. Knapp 6000 Songs liegen nun in meinem weißen Musikkasten vor. Der iPod hat einen irren Klang, ein supercooles Design und eine Bedienung, die so durchdacht ist, dass man über Microsoft kein Wort mehr verlieren muss. Inzwischen überlege ich bereits, meine Wohnung so umzurüsten, dass der iPod als Musik-Server arbeiten kann. Auch im Auto wäre es nicht schlecht, ständig die ganze eigene Musikdatenbank mit dabei zu haben. Ärgerlich ist allein, dass ich noch nicht den neuen iPod mit Foto- und Videodisplay habe. Und dass der Akku immer so schnell leer ist.

Daumen runter: Software

Gähn. Fast hat es den Anschein, als wäre jede Software, die es geben könnte, bereits erfunden. Einzig und allein Google Earth hatte in den letzten Monaten das Potenzial, die Gemeinde einmal kurz aufhorchen zu lassen. Ansonsten gibt es einfach nichts Neues zu berichten - alles schon einmal dagewesen. Wer sich überhaupt noch für Software interessiert, muss sich mit einem Nero-Update oder einem neuen Microsoft Service-Pack zufrieden geben, um überhaupt etwas zum Diskutieren mit den Freunden zu haben. Und dann diese langweiligen Fenster, für die ein Transparenz-Effekt bereits das höchste aller Gefühle ist. Noch nie war es als PC-Journalist so langweilig, sich um diese Branche zu kümmern. Schlimmer noch: Ausgerechnet die Shareware-Szene, sonst inspirierender Quell neuer Ideen, bietet keine Überraschungen mehr. Nur eine: Alle Shareware-Spiele kosten auf einmal 19,95 Dollar oder Euro - Ausnahmen bestätigen die Regel. Als hätten sich die Entwickler heimlich abgesprochen.

Daumen rauf: OpenSource

Auch wenn die Beteiligten das Fachwort anders interpretieren: Für mich ist OpenSource das kostenlos verfügbare Ergebnis der gemeinsamen Programmierarbeit zahlreicher Entwickler, die keine kommerziellen Interessen verfolgen. Fast täglich werden neue OpenSource-Programme für die Allgemeinheit freigegeben, die dringend benötigte Software-Sparten abdecken. Auf der Homepage OpenSourceCD.de gibt es eine Sammlung der wichtigsten Gratis-Programme, die sich jeder Anwender gratis herunterladen kann. Das finde ich absolut cool: Die Anwender sparen viele hundert Euro ein und nutzen auf einmal ein Office-System, einen Virenscanner, einen Zip-Packer - und alles andere, was noch so auf der Wunschliste steht.

Für 2006 wünsche ich mir übrigens einen billigen und guten Festplatten-Rekorder fürs Heimkino, endlich mal wieder ein neues Betriebssytem, die Abschaffung aller Handys und ein Navigationssystem fürs Autos, das sich von selbst auf den neuesten Stand bringt, sodass es die neue Umgehungsstraße in Falkensee kennt, ohne dass ich eine neue CD kaufen muss.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania