Scheibes Kolumne Volle Rentner-Power


stern.de-Mitarbeiter Scheibe steht kurz vor der 40. Trotz ausfallender Haare, zunehmenden Aussetzern im Kurzzeitgedächtnis und einem heftigen Bedürfnis nach mehr Schlaf muss ihm aber niemand die Hand tätscheln, wenn es um das Arbeiten am Computer geht. Genau dazu kommt es aber zurzeit immer mehr: Die Hersteller entdecken den Rentner.

Juchhu, jetzt kommen die Silberrücken. Nachdem sich der "normale" PC-Anwender schon lange dem Konsum von Fachmagazinen, Rechner-Komponenten und Software verweigert und Teenager ihre Spiele lieber raubkopieren anstatt sie im Laden zu kaufen, haben die verschiedenen Hersteller ein echtes Problem. Wem sollen sie nur ihre Ware verhökern?

In diesem Augenblick der kaufmännischen Verzweiflung ist die neue Zielgruppe schnell gefunden: Die Rentner, Pensionäre und allgemein älteren Herrschaften sind es, die den Geldbeutel der Unternehmer wieder zum Klingen bringen sollen. Eben die Zielgruppe, die im Fernsehen so vehement ausgespart wird, kommt im Computerbereich also wieder zu neuen Ehren. Noch ist - abgesehen von einigen speziellen PC-Buchreihen für ältere Menschen - noch nicht viel Bewegung im Markt zu bemerken. Hinter den Kulissen wird aber bereits ordentlich vorbereitet und geschuftet. Da soll es schon bald PC-Sonderhefte etablierter Marken geben, die dann eben nicht die besten "Tipps für Windows XP" oder die kostenloseste "Software für DSL" sammeln, sondern stattdessen dem Rentner zeigen, wie er mit tattriger Hand die Maus auf der Matte halten kann. Hinzu kommen sicherlich schon bald spezielle Software-Editionen bekannter Standardprogramme für den mündigen Bürger ab 50. Etwa ein Word mit großen Tasten und ein Nero, das nur Daten-CDs brennt, weil Opa eh keinen DVD-Player für selbstgebrannte Filme besitzt.

Wie in der Apotheke

Senioren-Software? Klar, wenn es denn schon in der Apotheke eigene Mitnahmemagazine für verkalkte Kunden mit Blasenschwäche und Ginkgo-Extrakt-Bedarf gibt, dann sollte das auch im Computermarkt hilfreich sein, um Opa und Oma das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wahrscheinlich fehlen dann bei den Programmen einfach nur ein paar Funktionen, weil "die Alten" das doch eh nicht mehr kapieren. Hinzu kommt ebenso wahrscheinlich eine besonders groß gesetzte Schrift im Programmfenster. Als könne man das Genre Senioren-Software einfach an der Fontgröße festmachen.

Aber na klar, klug gedacht ist es schon von den Marketing-Experten. Bei den Silberrücken ist das Kapital schließlich zu Hause: Mit faltigem Hintern sitzen sie auf den Sparbüchern. Da bekommt dann der Enkel eben keine neue Brio-Holzbahn mehr zu Weihnachten, sondern nur das billige Modell aus Plastik. Dafür kann sich der Opa dann aber ganz ruhig einen neuen Rechner mit allem Drum und Dran leisten. Dieser Generation ist es völlig egal, was die einzelnen Artikel kosten, werden die Gelder doch eh nur von der verfügbaren Erbmasse abgezogen, ohne den eigenen Lebensstandard zu mindern. So ist es dann auch kein Thema, mal eben acht Euro für ein Computer-Sonderheft auszugeben.

Ist das alles notwendig?

Nun aber mal ganz ehrlich, liebe Magazin-Macher, Software-Produzenten und Hardware-Verkäufer: Es lohnt sich doch überhaupt gar nicht, spezielle Rentner-Editionen auf Kiel zu legen. Die altehrwürdigen Herrschaften gehören doch schon jetzt zu den Hauptkunden überhaupt im PC-Bereich. Sie allein halten das Geschäft am Laufen und kaufen noch immer, ohne auf den Preis zu achten. Wer jetzt damit anfängt, Sondereditionen mit extra großer Schrift und beigelegter Lupe anstelle einer Heft-CD zu produzieren, rechnet nicht mit dem Stolz der Rentner. Denn die betagten Herren und Damen kommen inzwischen perfekt mit dem Rechner zurecht, so, wie er ist. Und sie können es gar nicht leiden, wenn man versucht, sie auch noch am PC-Arbeitsplatz zu bevormunden.

Das wäre dann so, als würde man ihnen ein leckeres Steak mit Pommes wegnehmen, um ihnen anstelle dessen ein warmes Süppchen unterzujubeln, das zwar genau an die zahnlosen Ansprüche der Zielgruppe zugeschnitten ist, beim lauten Schlürfen aber keinen Spaß mehr macht.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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