Scheibes Kolumne Was gibt's umsonst dazu?


Bei stern.de-Mitarbeiter Scheibe stapeln sich die Büroartikel-Kataloge. Komisch, dass die Büromiezen das täglich benötigte Material mal bei dem einen Anbieter bestellen und mal bei dem anderen. Ob das wohl an den kostenlosen Dreingaben liegt?

Als Gewerbetreibender bekommt man mit der Zeit immer mehr Kataloge zugeschickt. Sie kommen alle von den großen Büroartikel-Anbietern der Nation und sind ausschließlich ans Gewerbe gerichtet. Normalsterbliche dürfen hier nicht einkaufen. Die Anbieter nennen sich Viking, büroplus, Printus oder Otto Office. Sie alle haben in ihren zwei-Finger-dicken Katalogen nur eins im Sinn: Umschläge, Kopierpapier und Stifte zu verkaufen.

Regalfach für Büro-Kataloge

Bei uns im Büro geben wir im Monat bestimmt über hundert Euro aus, vor allem für Briefumschläge aller Art, Papier für den Drucker, Klarsichthüllen und Aktenordner. Die Preise nehmen sich bei den verschiedenen Anbietern nicht viel, sodass wir eigentlich einem einzelnen Unternehmen die Stammtreue halten könnten. Was gut wäre, damit wir in der Folge alle Kataloge der übrigen Anbieter einfach entsorgen könnten. Aber nein, im Büro ist inzwischen ein ganzes Regalfach nur für die verschiedenen Kataloge vorbehalten.

Den wahren Grund habe ich heute erfahren. Wir brauchen dringend 1000 neue A4-Umschläge in weiß mit Fenster, um die Nullnummer unserer neuen Golf-Zeitung mit der Post verschicken zu können. "Ich bestell' mal online", sagt Antonia und klickt am Rechner herum. Online? Die Frau ruft doch sonst immer mündlich an und macht jede Bestellung am liebsten telefonisch klar. Sie bestellt die Briefumschläge und schickt die Order ab. Dann liest sie etwas am Bildschirm und murmelt: "Oooch. Nicht lieferbar. Kommt später." Ich höre genauer hin, denn wir brauchen die Briefumschläge sofort, gleich am Montag. Ich rausche ins Büro, aber alles ist ganz anders. Unter dem Druck meiner Befragung gesteht das arme Mädel.

Gier auf Gratis-Dreingaben

Das Unternehmen war einen Tag telefonisch nicht erreichbar. Als Entschädigung bekommen alle, die in der Folge online eine Bestellung aufgeben, einen Keks-Präsentkorb mit vier verschiedenen Kekspackungen geschenkt. Da haben gleich so viele Leute online bestellt, dass das bereitgestellte Keks-Kontingent sofort vergriffen war. Und nicht die Briefumschläge werden nun nachgeliefert, sondern die Kekse. Na warte! Kommen die Kekse, wenn Antonia nicht da ist, dann esse ich sie ganz alleine auf. Die Rechnung muss ich ja auch alleine bezahlen.

Misstrauisch geworden stoße ich auf ein komplettes Marketing-Komplott. In den Katalogen gibt es jede Menge dieser unmoralischen Angebote. Kein Wunder, dass Marie und Antonia immer so lange über den Katalogen brüten und dann auch noch Finanzmanagerin Jeanine mit ins Boot holen. Die schauen gar nicht, ob es die Umschläge bei einem anderen Anbieter vielleicht drei Cent billiger gibt. Stattdessen gieren die Mädels auf tolle Gratis-Dreingaben.

Ich blättere durch die Kataloge und entdecke Erstaunliches. Bestelle ich bei Viking 20 x 500 Blatt Kopierpapier einer bestimmten Marke, gibt es ein edles Schreibset mit Gelroller und Füllfederhalter umsonst dazu. Büroplus denkt da mehr an die Hungrigen. Bei nur 500 bestellten Briefumschlägen DIN lang, selbstklebend, hat das Paket die 1-Kilo-Trommel Haribo Colo-Rado mit im Gepäck. Davon kann sich das ganze Büro einen Tag lang ernähren.

Ich staune immer mehr. Die Mädels schauen mich mit Engelsaugen an und klimpern mit den langen Wimpern. Die Angebote werden immer besser. Printus möchte mir ein Laser-Multifunktionsgerät von Brother verkaufen. Schlage ich zum eh schon niedrigen Jubiläumspreis zu, drücken mir die Versender auch noch die Digitalkamera FinePix A500 von Fujifilm in die Hände. Oh, da komme ich auch schon ins Überlegen. Muss ich demnächst verreisen? Besser wäre das. Denn bei Otto Office muss ich nur eine PR-Nummer in meinen Bestellschein eintragen und schon kriege ich eine Reisetasche mit Trolley-Funktion geschenkt.

Au Backe, das lohnt sich ja. Ich weise die Mädels an, die Kataloge noch gezielter nach Extras abzusuchen. Und ich melde an, dass ich als Alpha-Männchen das Recht auf die erste Wahl habe. Die Mädels nicken übertrieben deutlich. Fast kann ich hinter ihren Stirnen den Gedanken lesen: Lass den Alten mal sabbeln, wir teilen das schon genau so auf, wie wir das immer gemacht haben. Sei es drum. Hauptsache, nur ja nichts Geschenktes verkommen lassen. Genau das ist sicherlich auch der Marketing-Gedanke, der hinter diesen Offerten steht.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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