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"Starcraft 2: Heart of the Swarm" ist da: Kneipentrend Barcraft

Videospiele sind nur was für Kellerkinder? Von wegen: Auf "Barcrafts" treffen sich moderne Nerds, um beim Bier "Starcraft 2"-Partien anzuschauen. Ein Ortstermin in einer etwas anderen Sportsbar.

Von Christoph Fröhlich

Oooooh myyyyy gooooood" dröhnt es aus den Boxen der Hamburger "Gecko Bar". Die 50 Zuschauer vor der Leinwand halten gebannt den Atem an, einige klatschen die Hände über dem Kopf zusammen. Sie schauen zu, wie Dutzende von ekelerregenden Weltraumbestien abgeschlachtet werden. Wie Raumschiffe aus allen Rohren feuern und ein Koloss à la "Krieg der Welten" mit Laserstrahlen um sich schießt und die schleimige Alienbrut in Sekunden verbrennt. Es ist ein blutiges Gemetzel, das nach wenigen Sekunden vorüber ist. Das Publikum johlt. "Das wird gut jetzt", ruft einer der Anwesenden, als eine Horde mit riesigen Zähnen besetzte Monster über die Leinwand stapfen. "Los Stephano, mach ihn fertig", brüllt ein anderer, doch sein Ruf verhallt im Applaus, die Schlacht ist vorüber.

Dann bestimmen wieder die Kommentatoren die Szenerie: "GG" donnert es lautstark aus den Boxen, "GG" brüllt der Saal hinterher. "GG" ist Internetslang für "Good Game", eine Floskel unter Gamern. Denn Stephano ist kein Athlet. Er ist ein Videospieler, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Tag für Tag erschafft er am Computer Armeen aus Monstern, Menschen und Maschinen - und Tausende Menschen weltweit schauen ihm live zu. So auch am Montagabend beim Hamburger Barcraft, einer Form des Public Viewings, bei der in Kneipen keine Sportpartien, sondern Spiele von "Starcraft 2"-Profis übertragen werden. Statt Fußballpartien schauen die Besucher, wie ihre Idole mit Maus und Tastatur virtuelle Armeen über das Schlachtfeld schicken.

In "Starcraft" können Spieler drei Völker gegeneinander antreten lassen, die sich typischer Science-Fiction-Stereotypen bedienen: Es gibt vor Schleim triefende Ekel-Monster (Zerg), technisch fortgeschrittene Elite-Aliens (Protoss) und Menschen, in "Starcraft" Terraner genannt. Die einzelnen Rassen sind so gut ausbalanciert, das nur das Können der Spieler entscheidet, wer gewinnt.

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Modernes Schach

Barcrafts sind der große Trend im Gamingbereich. Allein im Zimmer herumsitzen, Videospiele zocken und aufgewärmte Tiefkühlpizza essen, reicht modernen Nerds nicht mehr. Erst recht nicht, wenn es sich um einen in Gamerkreisen geschichtsträchtigen Tag wie den gestrigen Montag handelt. Denn um Punkt Mitternacht erschien "Heart of the Swarm", die langerwartete Fortsetzung des millionenfach verkauften Strategiespiels "Starcraft 2". Und das wollte gebührend gefeiert werden: In 11 Städten veranstaltete der Spielehersteller Blizzard Barcraft-Events und lud Gamer zum gemeinsamen Glotzen und Fachsimpeln ein.

Einer von ihnen ist Oliver Jenz, ein 21-jähriger Informatiker. Er spielt seit zehn Jahren "Starcraft", bis zu 20 Stunden hockt er in der Woche am PC. Am Montagabend war er aber zum ersten Mal auf einem Barcraft. "Ich wollte es einfach mal ausprobieren", sagt er gutgelaunt und schaut Cocktail-trinkend auf die Leinwand.

Extra aus Bergedorf im Hamburger Südosten sei er angereist, mehr als 30 Kilometer habe er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt, um die Pixel-Krieger gemeinsam mit anderen anzuschauen. Doch für ihn hat es sich gelohnt: "Zuhause guckt man alleine 'Starcraft'-Spiele, hier ist es cooler. Man kann mit anderen Menschen über das Spiel reden und über neue Taktiken." Das Echtzeitstrategiespiel ist sehr komplex, viele Gamer bezeichnen es als eine Art modernes Schach. Mit der Erweiterung "Heart of the Swarm" werden sozusagen neue Figuren eingeführt, die noch mehr Taktiken ermöglichen.

In Korea hat das Strategiespiel einen Status wie bei uns Fußball. Dort füllen besonders talentierte Gamer ganze Stadien, sie werden behandelt wie Superstars. TV-Sender übertragen wichtige Spiele live im Fernsehen. Der Hype ist dort seit 1998 ungebrochen. In den letzten Jahren wird der sogenannte E-Sport, also das Spielen in Ligen und auf Turnieren, auch in Deutschland allmählich salonfähig. In Berlin gibt es mit dem "Meltdown" sogar eine eigene E-Sports-Bar.

"Dark Templar Rush"? Oder lieber eine "Fast Exe?"

Während Oliver gespannt die Gefechte der Profi-Gamer verfolgt, greift seine Freundin Katerina lieber zum Zeichenstift und malt eine Figur aus dem "Starcraft"-Universum. "Ich habe echt versucht, bei dem Spiel durchzublicken. Aber ich finde es nicht so spannend." Nur ihm zuliebe sei sie mitgekommen, sie ist eine von einer Handvoll Frauen. Der Großteil der Anwesenden sind junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die nur selten dem typischen Klischee des blassen, behaarten Nerds entsprechen.

"Mädels haben nicht so das Interesse, in der Stube zu hocken und zu zocken. Und wenn man das nicht tut, versteht man hier gar nix", sagt Katerina stern.de. Kein Wunder: Viele Gamer verwenden in den Gesprächen Insider-Begriffe wie "Transitions" (Strategiewechsel) oder "Baseswapping" (Tausch der Basis). Die englisch sprechenden Kommentatoren sprechen in Rekordtempo von "Dark Templar Rushs" und einer "Fast Exe", was von den meisten Anwesenden nur mit einem verständnisvollen Nicken quittiert wird. Außenstehenden erscheint das wie eine andere Sprache.

Marko Sender ist einer der Organisatoren des Hamburger Barcrafts. Gemeinsam mit zwei Freunden hat der 26-jährige Medientechnik-Student das Strategiespiel in der Hansestadt auf die große Leinwand gebracht und versucht damit, Hemmungen gegen Videospiele abzubauen. "Barcrafts sind unbeschreiblich. Es geht um das Zusammensitzen, das gemeinsame Mitfiebern." Er erlebt bei Zuschauern regelmäßig die gleiche Begeisterung wie bei Fußball-Stammtischen. "Viele Besucher sind Fans von bestimmten Spielern. Zockt ein deutscher Starcraft-Spieler, kocht die Stimmung regelmäßig über."

Ähnlich wichtig wie die Spieler seien aber auch die Kommentatoren. "Sie verbinden Witz mit Wissen, sie tragen das Spiel. Für viele Gamer sind sie absolute Kultfiguren." Viele Kommentatoren haben eigene Youtube-Kanäle, auf denen sie Spiele moderieren, die erfolgreichsten unter ihnen haben Abrufe im zweistelligen Millionenbereich und haben ihre Berufe längst gekündigt.

Gemeinsam den Weltraum erobern

Ein großer Fan von kommentierten "Starcraft"-Spielen ist Kevin Gardthausen, ein 29-jähriger Softwareentwickler aus Hamburg. Er zockt bis zu 40 Stunden pro Woche, "Starcraft" ist für ihn ein wichtiger Teil seines Lebens. "Ich will bei den Spielen mitfiebern, live dabei sein." Obwohl er seit mehr als zehn Jahren Fan der Strategiespielreihe ist, wird das Spiel für ihn nie langweilig. "Ich habe die neue Erweiterung schon vorbestellt und installiert. Um Punkt 00.01 Uhr wird es losgehen."

Einen Teampartner für die online ausgetragenen Zwei-gegen-Zwei-Partien hat Kevin auf dem Hamburger Barcraft kennengelernt: Jan Wagner, 23 Jahre alt und Schiffsbetriebtechniker. Obwohl er weniger und laut eigener Aussage nicht so gut spielt wie Kevin, werden beide trotzdem gemeinsam fremde Welten via Mausklick erobern. "Hier lernt man neue Leute kennen", sagt Kevin am Ende des Abends. "Online würde ich mit ihm eventuell nicht spielen. Aber jetzt kennt man sich ja."

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