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"Die teuerste Anlage der Welt": Meine Ohren sind unwürdig!

Seit mehr als zehn Jahren verspricht auf der Ifa die "Teuerste Anlage der Welt" Hörgenuss unvergleichlicher Qualität. stern.de-Redakteur Ralf Sander hat seine Ohren auf den 780.000 Euro teuren Prüfstand gestellt: Wird er jemals wieder normal Musik hören können?

An schönem Klang ist nichts auszusetzen, im Gegenteil. Hysterische Höhen, miese Mitten und bescheidene Bässe versauen jedes Stück. Weiß ich, sehe bzw. höre ich genauso. Dennoch hält sich mein Aufwand für den Musikgenuss in Grenzen. Im Auto klingt die ab Werk eingebaute Anlage, am Computer tut’s ein Satz Spiele-optimierter 5.1-Lautsprecher. Und im Wohnzimmer arbeitet eine Surround-Anlage aus dem Ausverkauf, die vor allem bei der Musikwiedergabe ihre Mittelmäßigkeit beweist. Besonders hier gibt es Verbesserungsbedarf. Irgendwann. Nachdem ich andere Technikträume verwirklicht habe. Ich bin wohl recht anspruchslos.

Ich sei völlig versaut, meint mein bester Kumpel. Für ihn kann Musik nicht gut genug klingen. Seinem Faible für das sogenannte High-End-Segment der Stereoanlagenbauer sind nur monetäre Grenzen gesetzt. Die allerdings beginnen auf einem für ihn schmerzhaft niedrigen Niveau. Im unteren vierstelligen Eurobereich tummeln sich seine Komponenten. Immerhin: Durch die Suche nach dem optimalen Stereodreieck und strategisch aufgestellte Sofas und andere Schallwellen-Fallen optimiert er sein Wohnzimmer hörbar.

Ich bin ein Ohrenprolet

Für ihn hörbar zumindest. Ich bin offenbar ein Ohrenprolet. Trotz aller Mühe meinerseits: Meine Analyse seiner neuesten Audiohighlights endet seit Jahren immer gleich: "Das klingt irgendwie besser als bei mir zu Hause." Präziser wird es nicht. Mir fehlen offenbar sowohl die Ohren als auch die Worte, um die ihn glücklich machenden Sound-Verschönerungen wahrzunehmen und auch noch adäquat zu beschreiben.

Um ein für alle Mal zu klären, wie ohrgasmusfähig ich bin, mache ich den Test: Seit 1997 stellt jedes Jahr das Fachmagazin "Audio" auf der Ifa "Die teuerste Anlage der Welt" zusammen; mit dem Anspruch, die "Grenzen des klanglich und technisch Machbaren" zu zeigen. Wenn es diese Monstrosität nicht schafft, mich Demut vor hörbarer Perfektion zu lehren, was dann?

Ungefähr fünf Meter breit ist sie, die aus handverlesenen Komponenten zusammengestellte Schallwellenschleuder der Superlative (siehe Fotostrecke). 780.000 Euro sei sie wert, sagen die "Audio"-Macher, und damit sogar recht günstig. Doch weil alles auf den zur Verfügung stehenden Raum abgestimmt sein und außerdem nur Seriengeräte verwendet werden, sei der angepeilte Preis von einer Million Euro deutlich unterschritten worden. Dennoch: Alleine die mannshohen Boxen für 100.000 Euro das Paar, der 1,20 Meter hoher Plattenspieler für 105.000 Euro und die sechs Endstufen im Wert von 130.000 Euro flößen Respekt ein (Liste der Komponenten im Kasten).

Lasst die Show beginnen

Und dann geht es los: Jazz. Von Vinylschallplatte. "Start the Funk" von Ben Harper. Etwas von "der Wärme und der Lebendigkeit" des Jazz scheint den Raum zu erfüllen. Das sind nicht meine Worte, sondern die meines besten Freundes, die mir in den Kopf kommen. Erstmals erahne ich, was er meint, wenn er von Klängen schwärmt, die bisher an mir vorbeigegangen sind. Zweiter Test: Klassik. Von Festplatte, unkomprimiert, also in höchster Qualität abgespeichert. Ein symphonisches Werk von Nikolai Rimski-Korsakoff. "Das Orchester klingt zehnmal besser als beim Konzert", denke ich sofort. Einen solchen Detailreichtum habe ich noch nie gehört. Zum Abschluss: Krawall aus dem Kino. Die Opernszene aus "Das fünfte Element", abgespielt von Blu-ray-Disc. Schnell wechseln sich Soprangesänge, Discobeats und der Krach fliegender Fäuste und krachender Waffen ab. Das Erlebnis ist gewaltig, jede Kleinigkeit ist präzise zu hören, und auch die lautesten Stellen klingen nie unangenehm - ganz anders als häufig im Kino.

Stille. Die Show ist vorbei. Was ist mit mir passiert? Ein Erweckungserlebnis zu Gunsten des High-End-Gottes war es nicht. Aber kalt gelassen hat mich die Vorführung auch nicht. Ich habe Dinge gehört, Atmosphärisches wahrgenommen, was mir unter Alltagsbedingungen nie aufgefallen wäre.

Ich verlasse "Die teuerste Anlage der Welt" mit der Überzeugung: Bei mir ist noch nicht alles verloren. In dem Ohrenproleten klopft von innen ein Hörgenießer gegen die Trommelfelle, der hinaus will. Noch ist er klein und schwach, doch ich kann ihn trainieren. Das Ziel ist nicht Ohrlympia, sondern nur ein bisschen mehr Fähigkeit zum genauen Hinhören. Um klein anzufangen, gibt es erst mal ein paar vernünftige Kopfhörer.

Komponenten der "Teuersten Anlage der Welt" (Auswahl)

KomponenteHerstellerPreis
LautsprecherKef Muon (vorne) und 207/2 (hinten)100.000 Euro (Muon), 30.000 Euro (207/2)
Endstufen6 xMcIntosh MC 2kW und 1 x MC 1.2 kW AC110.000 Euro
PlattenspielerClearaudio Statement105.000 Euro
BeamerSIM2 HAT-500073.000 Euro
AV-PreampMark Levinson No. 50228.000 Euro
Subwoofer4 x Velodyne DD184000 Euro / Stück
NetzwerkplayerLinn Klimax DS16.000 Euro
SACD-PlayerAccuphase DP800/DC80124.000 Euro
Phono-VorverstärkerPass und Naimk. A.
VerkabelungOehlbach
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