Leben und Sterben im Netz Warum der Tod im Web kein Tabu mehr ist


Grandma Betty ist nicht allein: Seit einiger Zeit wird nicht nur Lebensfreude, sondern auch Tod und Leid in sozialen Netzwerken thematisiert. Wie es dazu gekommen ist? Der Versuch einer Antwort
Vivian Alterauge

Blaue Bonbons hat der Onkologe ihr gegeben. Und zum Beweis streckt Betty ihre blaue Zunge heraus. Bestimmt kennen Sie Grandma Betty schon. Eine zarte alte Dame mit den krausen Haaren, die schon zum dritten Mal gegen eine Krebserkrankung kämpft. Diesmal nicht allein, sondern mit vielen Zuschauern. In ihrem Instagram-Account findet man Fotos, kleine Interviews – und sieht sie zu Pharrell Williams Song "Happy" tanzen.

Binnen weniger Monate hat die 80-Jährige mehr als 420.000 Follower gewonnen, darunter auch Pharrell Williams. Alle wollen sehen, wie Oma Betty schlechte und gute Tage hinter sich bringt, wie sie trotz fortgeschrittener Krebserkrankung versucht, das Leben mit ihrer Familie weiterzuführen.

Instagram als ewige Erinnerung

Eigentlich ist der Tod doch etwas Privates, denkt man. Nichts, an dem man massenhaft fremde Menschen teilnehmen lassen möchte. Also kein Thema für Social Media. Und erst recht nichts, das man liked oder kommentiert. Doch genauso wie das moderne Leben teilweise online stattfindet, ist auch das Sterben zu einem Thema in sozialen Netzwerken geworden. Vielleicht, weil es so unbequeme, so beängstigende Wahrheiten zeigt. Und uns an etwas teilhaben lässt, über das sich jeder früher oder später Gedanken machen muss. Immer mehr Junge und Alte teilen die Aufs und Abs ihrer schweren Krankheiten im Internet. Bei Facebook, Twitter oder eben Instagram posten sie Kommentare, laden Bilder und Videos hoch. Und finden Anteilahme, nicht nur von Freunden, sondern auch von Fremden. So wie Grandma Betty.

Es war ihr Urenkel, Zach Belden, der die Idee zum Instagram-Account hatte. Anfang des Jahres lud er ein erstes Bild seiner kranken Ur-Oma hoch. Seitdem folgen regelmäßige neue Fotos und kurze Clips der alten Dame. Einfach, um zu demonstrieren, wie Freude und Liebe die Schmerzen des Kampfes gegen Krebs erleichtern können, sagt Belden. "Wenn man Krebs hat, heißt das ja nicht, dass man die ganze Zeit traurig sein muss", erklärte er dem Fernsehsender ABC. Für Beldens Mutter Hope ist der Account etwas, "dass wir immer haben, erinnern und wertschätzen werden", sagte sie dem Sender Philadelphia Fox.

Geteiltes Leid hilft Betroffenen und Anteilnehmenden

Warum findet das Sterben mehr und mehr im öffentlichen Internet statt? Der Sozialpsychologe Randolph Ochsmann hat sich intensiv mit der Sicht auf das Sterben beschäftigt. Was man als Kranker in solchen Extremsituationen brauche, sei Nähe und Anteilnahme. "Je mehr Menschen Anteil an meinem Schicksal zeigen, desto mehr fühle ich mich gestärkt in dieser Situation." Während man früher darüber sprach, schreibe man heute eben darüber. Menschen, die auf diese Dokumente reagieren, zeigen ein kontraphobisches Verhalten, Angst wird durch Handeln verdeckt. "Es zeigt: Ich lebe noch, es hat den Anderen getroffen."

Indem man sich mit dem Leiden eines anderen beschäftige, lerne man, mit der eigenen Angst vor dem Tod besser umzugehen. Je weniger ich den Betroffenen kenne, desto leichter falle dies. Zudem entspreche es dem allgemeinen Trend, die Privatheit des Todes wieder aufzuheben. "Der Tod war früher immer öffentlich." Seit einigen Jahren steige die Zahl der Todesanzeigen und Jahresgedenken in Zeitungen wieder an. "Oder denken Sie an die Straßenkreuze." Das Internet sei ein weiteres Zeichen dieses Gegentrends, vermutet Ochsmann.

Digitale Tagebücher werden verlegt und verfilmt

Klar, Erfolgsgeschichten von Menschen, die ihre Krankheit hinter sich gelassen und ein Buch geschrieben haben, gab es auch früher. Doch durch Social Media kommen uns diese Geschichten plötzlich sehr viel näher. Gleichzeitig bleiben sie der eigenen Lebenswelt fern, weil sie nur virtuell stattfinden.

Bevor Menschen anfingen, auf Twitter, Facebook oder Instagram über ihre Krankheiten zu berichten, schrieben sie digitale Tagebücher. Eines der bekanntesten Blogs pflegte der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf. 2010 wurde ein bösartiger Hirntumor bei ihm diagnostiziert. Seitdem erzählte er in seinem Blog "Arbeit und Struktur", wie sich der Alltag mit seiner Krankheit gestaltete – bis zu seinem Tod.

Furchtbar und intensiv waren diese Beiträge. Leise und analytisch beschrieb er den grauenvollen Kampf, den er führte. Man konnte nicht aufhören, zu lesen, und musste sich doch überwinden, so weh tat das, was er schrieb. Kein Wunder, dass der Blog als Buch veröffentlicht zum Bestseller wurde. Auch die Niederländerin Sophie van der Stap schrieb zunächst einen Blog über ihre Krankheit, das später als Buch erschien und verfilmt wurde. 2005, van der Stap war damals 22, entdeckten Ärzte einen Tumor in ihrer Lunge. Sophie kämpfte, überlebte. Die Zeiten der Chemo überbrückte sie mit ihrem Blog – und mit neun Perücken. Mit jeder neuen Haarpracht schlüpfte sie in eine andere Rolle. Und zeigte, dass sie trotz Krankheit, Schwäche und dem Gefühl unattraktiv zu sein, sich nicht aufgab. Auch optisch nicht.

Die eigene Verletzlichkeit begreifen

Die digitalen Tagebücher machen nachdenklich. Und manchmal wirken sie wie ein Weckruf. Ganz unvermittelt wird einem die eigene Verletzlichkeit bewusst, die Ungewissheit, wie lange man als gesunder Mensch durchs Leben gehen darf. Sie bieten eine völlig neue Plattform, über den Tod zu lesen, nachzudenken, und auch mitzudiskutieren.

Auch Kate Granger teilt Ängste, Sorgen und den Alltag mit ihrer Krebserkrankung mit fremden Menschen. Im August 2011 stellten Ärzte eine aggressive Krebsart bei ihr fest, die sich in ihrem Bauchraum ausgebreitet und bereits andere Organe angegriffen hatte. Granger wusste, was auf sie zukommt: Die junge Frau ist selbst Ärztin. Ihr Chef schlug ihr vor, ein Tagebuch der Krankheit zu führen. Kate entschied sich für ein Weblog. Und fing an, über ihre Krankheit zu twittern. Sehr offen und unsentimental schreibt sie seitdem über ihren eigenen Tod. Spricht davon, wie es wohl sein wird, wenn sie den "Löffel abgibt". Teilt aber genauso aktuelle Blutwerte mit ihren mittlerweile 21.000 Followern.

"Mit dem Tod verbinden wir traditionell Emotionen wie Traurigkeit, Angst, ein Gefühlswirrwarr, Trauer. Ich frage mich, ob das nicht anders sein kann", schreibt Granger in ihrem Blog. Es ist eine der Fragen, die viele Menschen umtreibt. Offline wie online. Auch wenn sie im Internet keine endgültige Antwort auf drängende Fragen findet – sie findet Anteilnahme. Und regt an, nachzudenken. Das ist in der Tat oft unbequem und erschreckend. Aber wichtig.


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