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"Joost": Zappen im Internet

Die Gründer von Kazaa und Skype planen den nächsten Coup: Ihr jüngstes Internet-Startup Joost soll die Fernsehlandschaft revolutionieren - und ordentliche Werbeeinnahmen bringen.

Von Helene Laube

"Goodbye, Television. Hello Joost!", tönt das gleichnamige Startup-Unternehmen auf seiner Website. Große Worte. Doch die Gründer sind Branchenikonen und wecken entsprechend hohe Erwartungen. Denn hinter Joost stehen Niklas Zennström und Janus Friis - jene Skandinavier, die erst mit ihrer kostenlosen Internettauschbörse Kazaa die Musikbranche gegen sich aufbrachten, dann mit dem Internet-Telefondienst Skype die Telekommunikationsindustrie aufmischten und diesen schließlich für 2,6 Milliarden Dollar an das Ebay verkauften.

Jetzt haben Zennström und Friis das Fernsehen im Visier. Noch befindet sich Joost in der Testphase. Aber wenn der Online-Videodienst in den nächsten Monaten auf Sendung geht, soll er "eine neue Art des Fernsehens bieten, unabhängig von den Sendeplänen und Einschränkungen des herkömmlichen TVs", versprechen die beiden prominenten Gründer. Dabei sollen die Zuschauer auf Computern TV-Sendungen und Filme aus dem Angebot der Medienkonzerne ebenso schauen können wie von Profis und Amateuren produzierte Videos - und zwar wann sie wollen und umsonst. Finanziert wird das Ganze mit Werbeeinnahmen, die Joost mit den Rechteinhabern teilen wird.

Die Bildqualität soll besser sein als das, woran man sich bei Youtube und anderen Online-Videodiensten gewöhnen musste. Wie beim Fernseher ist das Zappen durch die TV-Kanäle möglich. Hinzu kommen Internetfunktionen, mit denen Nutzer nach den verschiedenen Angeboten suchen, mit ihren Freunden chatten oder einen Sender mit eigenem Programm aufbauen können.

"Das Beste verbinden"

Die Werbetreibenden sollen ihre Spots bei Joost mit interaktiven Funktionen erweitern können. Erste Tests mit Kunden wie T-Mobile USA und L'Oréal laufen bereits. "Wir wollen das Beste des Fernsehens mit dem Besten des Internets verbinden", sagt Friis.

Das wollen Youtube, Brightcove, Revver und zahlreiche andere ähnliche Videodienste allerdings auch. Und die Medienkonzerne und Hollywoodstudios, die den Großteil der attraktiven Inhalte produzieren, wollen ebenfalls via Internet zum Kunden - vorzugsweise ohne die Mittelsmänner in Luxemburg (Joost), Edinburgh (Revver) oder im Silicon Valley (Youtube). News Corp. etwa wird die Inhalte der Fernsehtochter Fox und anderer über die konzerneigene Website Myspace vertreiben und bietet TV-Shows und Kinofilme bereits via Direct2Drive an. Umsonst ist das jedoch nicht, genauso wenig wie Apples erfolgreicher Musik- und Filmladen iTunes.

Erfahrungen wie mit Kazaa wollen sich Zennström und Friss diesmal ersparen. Der damit mögliche kostenfreie Tausch von Milliarden urheberrechtlich geschützten Dateien war illegal und hatte Klagen der US-Musikindustrie zur Folge. Diesmal garantiert Joost, keine Urheberrechte zu verletzen. Zwar basiert der Videodienst auch auf der sogenannten Peer-to-Peer-Technologie und nutzt die Rechner der Nutzer zum Speichern und Übertragen der Daten. Aber anders als bei Kazaa können Anwender die Dateien nicht auf ihre Rechner herunterladen, stattdessen werden die Inhalte als Stream geliefert. Zusätzliche Technologie soll verhindern, dass die Nutzer die auf ihrem Computer gespeicherten Daten zu einem Video zusammenbauen können.

Die Kazaa-Gründer hatten damals vergebens versucht, mit der Musikindustrie eine legitime Nutzung der digitalen Musikangebote auszuhandeln, waren aber "fünf Jahre zu früh dran", so Friis. Mit der TV-Branche verhalte es sich anders: "Die ist gegenüber Onlinevideo aufgeschlossen - sie hat vom Debakel der Musikindustrie gelernt."

FTD