VG-Wort Pixel

Online-Handel Amazon: Wie Händler bei Facebook Fake-Bewertungen kaufen

Amazon Bewertungen Fakes
Fake-Bewertungen gibt es bei Amazon zuhauf
© GaudiLab / Getty Images
Wer sich bei Amazon auf die Kunden-Bewertungen verlässt, sollte lieber noch mal genau hinschauen. Im großen Stil kaufen Händler falsche Bewertungen ein - und organisieren sich dafür über Facebook.

Beim Online-Shopping sind Bewertungen anderer Kunden oft Gold wert. Schließlich geben sie einen Einblick, welche Fehler drohen und wie sich die Produkte über längere Zeiträume schlagen. Bedenkt man dann, dass bei Amazon die Kundenbewertungen auch noch den Platz im Ranking in den Suchergebnissen beeinflussen, ist es kein Wunder, dass Händler sich alle Mühe geben, gute Bewertungen zu bekommen - und dafür auch zu fragwürdigen Mitteln greifen.

Über die unrealistisch überschwänglichen Bewertungen ist wohl jeder schon mal gestolpert. Da werden dann nur die gute Verpackung und das Design gelobt - und dann fünf Sterne vergeben. Andere Bewertungen werden gleich immer wieder aus denselben Textbausteinen zusammenkopiert. Dahinter scheint ein System zu stecken, wie eine aktuelle Recherche der "Washington Post" zeigt. In Facebook-Gruppen besorgen sich die betrügerischen Händler "Tester" und lassen die dann die Bewertungsspalten fluten - obwohl Amazon bezahlte Bewertungen bereits vor mehr als einem Jahr verboten hat.

Falsche Bewertungen bei Amazon en Masse

Das Ergebnis der Suche der "Washington Post" ist erschreckend. In manchen Rubriken, etwa bei Bluetooth-Kopfhörern oder Abnehmpillen, stehen mehr als die Hälfte der Reviews unter Fälschungsverdacht. Auch bei einer Stichprobe der deutschen Amazon-Seite fanden sich bei Bluetooth-Kopfhörern und etwa USB-Sticks viele Produkte mit Hunderten Bewertungen, die vermutlich nicht echt sind.

Entdeckt wurden die Betrügereien mit Tools wie Review Meta. Gibt man dort einen Link zu einem Amazon-Produkt ein, analysiert das Programm die Bewertungen und beurteilt, ob die echt sind. Anzeichen für falsche Reviews sind zahlreich, etwa immer wieder benutzte Textbausteine, ungewöhnliche Ausführlichkeit oder die Tatsache, dass andere Bewertungen des Testers wegen Betrugsverdacht gelöscht wurden. Auch wenn ein Nutzer gleich mehrere der Topprodukte einer Rubrik bewertet hat, schlägt das Programm Alarm.

"Tester gesucht"

Organisiert wird das Ganze in Facebook-Gruppen, schreibt die Zeitung. Dort bieten die Händler ihre Produkte zum "Testen" an - und entschädigen die Freiwilligen mit kostenlosen Produkten oder einem Preisnachlass. Eine Testerin der Zeitung, die einer der Gruppen beitrat, bekam allerdings sehr schnell auch Geld für die Tests angeboten. Die Gruppen gibt es auch für deutsche Nutzer, in einigen werden völlig offen Kommissionen in Geldform für eine Review angeboten. Die fallen mit vier oder fünf Euro in Bar oder einem Gutschein über zehn Euro erstaunlich niedrig aus.

Natürlich bedienen sich die Gruppen oft eines Feigenblattes und erlauben nur Angebote, in denen die Tester unabhängig bleiben. Auch viele Tester selbst beteuern Transparenz und erklären in ihren Bewertungen, dass sie die Produkte gestellt bekommen haben. Das Dilemma: Wer regelmäßig Produkte erhalten möchte, kann schlecht seine Verrisse vorzeigen. Die Tester haben also klare Anreize, Produkte positiv zu bewerten.

Kampf gegen Windmühlen

Der Handelsriese ist sich des Problems bewusst, erklärt die "Washington Post", die pikanterweise Amazon-Chef Jeff Bezos gehört. Der hatte sich als erster überhaupt dafür eingesetzt, im Internet den Nutzern über Bewertungen eine Stimme zu geben, und damit einen Internet-Standard gesetzt. Entsprechend kämpft Amazon nun nach eigenen Angaben dafür, sie glaubhaft zu halten. Der Internetriese wirft regelmäßig Händler raus, die Bewertungen kaufen, hat seit 2015 auch fünf Händler verklagt. Man nehme das Problem ernst und bekämpfe es "aggressiv", sagte ein Sprecher der Zeitung. Experte Ming Ooi, der bei Fakespot, einem ähnlichen Angebot wie Review Meta, arbeitet, glaubt nicht, dass das ausreicht. Gegenüber der Zeitung schätzte er die Lage als kritisch ein. "Das Problem wird eher größer."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker