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Arbeiter sind verärgert: "Das ist doch Hühnerscheiße": Hoher Amazon-Manager in den USA kündigt wegen Umgang mit Corona-Protesten

In Amazons Lagerhäusern mehren sich die Proteste gegen den Umgang des Konzerns mit dem Coronavirus. Drei Aktivisten wurden vor die Tür gesetzt. Der Amazon-Vizepräsident Tim Bray hat deshalb nun gekündigt - und findet klare Worte für seinen ehemaligen Arbeitgeber.

Amazon-Logistikzentrum

In zahlreichen Amazon-Lagerhäusern war Unmut über unzureichende Schutzmaßnahmen laut geworden 

Picture Alliance

Die Situation in Amazons Lagerhäusern in den USA ist angespannt - und das nicht nur, weil das Geschäft des Konzerns brummt. Viele Arbeiter fühlen sich angesichts der Krise schlecht informiert und unzureichend vor dem Virus geschützt. Einige von ihnen organisierten deshalb Proteste und wurden prompt gefeuert. Dem Vizepräsident Tim Bray platzte deshalb die Hutschnur: Er warf seinen Job hin. In einem Blogpost erklärt er seine Entscheidung.

Einfach hat er die sich wohl nicht gemacht. Er verliere durch seine Kündigung mindestens eine Million Dollar - und den wohl besten Job seines Lebens. "Ich habe mit absolut großartigen Menschen arbeiten dürfen", erklärt er. "Mir geht es deshalb ziemlich mies." Er habe sich aber schlicht nicht mehr in der Lage gesehen, noch für den Konzern zu arbeiten.

Amazon und das Gift

Er sieht die Kündigung der Protestler, die er anders als im deutschen Gebrauch des Wortes als "Whistleblower" bezeichnet, als Anzeichen dafür, dass im Konzern etwas schief läuft. "Protestler herauszuwerfen, ist kein Nebeneffekt von makroökonomischen Zwängen oder der Funktionsweise des freien Marktes", ist er sich sicher. "Es ist ein Zeichen für ein Gift, das durch die Venen der Betriebskultur fließt. Und ich möchte dieses Gift weder verabreichen noch trinken."

Als Belege für diese Vergiftung der Betriebskultur nennt er den konkreten Umgang mit drei Protestlern. Einer von ihnen, Christian Smalls, hatte Proteste in einem Lagerhaus in Staten Island organisiert. Die Amazon-Führung habe dann intern diskutiert, ihn als "nicht besonders smart oder artikuliert" zu schmähen, um ihn in der öffentlichen Wahrnehmung abzuwerten. Das geht aus geleakten Notizen aus einem Meeting hervor, bei dem auch Amazon-Chef Jeff Bezos anwesend gewesen sein soll. Bray bestätigt die Aussagen zwar nicht selbst, verlinkt aber den "Vice"-Artikel darüber, ohne ihm zu widersprechen. Eine recht klare Aussage.

Smalls war später unter merkwürdigen Umständen entlassen worden. Daraufhin hätte er sich zur Unterstützung an eine Gruppe von Klima-Aktivisten bei Amazon gewandt, der auch Bray angehörte. Tatsächlich organisierten zwei der Aktivisten zur Unterstützung einen Videocall - und wurden prompt ebenfalls entlassen. "Die Begründung war lächerlich. Jeder konnte sehen, dass es um die Proteste ging", echauffiert sich Bray.

Nicht mehr zu rechtfertigen

Für ihn war das der Punkt, an dem er seine Arbeit beim Konzern nicht mehr rechtfertigen konnte. "Das Management hätte die Veranstaltung blocken können, es hätte externe Teilnehmer verbieten können, es hätte eine Teilhabe verlangen können", führt er aus. "Es gab eine Menge Möglichkeiten und noch viel Zeit. Stattdessen feuerte man die Aktivisten."

Auch bei der Auswahl der Kündigungen sieht Bray ein Problem. "Ich bin sicher, es ist ein Zufall, dass alle dunkelhäutig, Frauen oder beides sind, oder?" Einer der Gekündigten, Bashir Mohamed, habe erklärt, sein Beispiel habe andere einschüchtern sollen. "Sehen Sie das anders?", fragt Bray rhetorisch. In der Original-Fassung nannte er die ganze Aktion noch "Chicken shit", was sich direkt mit Hühnerscheiße übersetzen lässt, im Englischen aber auch für feige Handlungen genutzt wird. Mittlerweile hat er den Begriff entfernt. "Mir wurde gesagt, es wirke böswillig und ich entschied, dass es nichts zur Sache beträgt."

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Keine Fundamentalkritik

An sich sieht Bray bei Amazon sogar gute Ansätze und glaubwürdige Versuche, die Mitarbeiter der Lagerhäuser zu schützen, etwa indem man schnell viele Masken besorgte. Trotzdem sehe der Konzern die Mitarbeiter dort zu selten als Menschen, "sondern als gleichförmige Einheiten, die auswählen und einpacken". Der Konzern habe immer wieder ein gigantisches Potenzial bewiesen, Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen. "Aber es fehlt ein Verständnis der menschlichen Kosten des gnadenlosen Wachstums und der Anhäufung von Geld und Macht."

Das läge auch an der Perspektivlosigkeit der Lagerarbeiter. Bei seiner Einheit, dem Cloud-Dienst AWS, sei ein solcher Umgang mit Mitarbeitern nicht vorgekommen. "Dort werden Mitarbeiter gut behandelt, die Work-Life-Balance bedacht und versucht, die Diversität zu erhöhen. Es ist im Großen und Ganzen eine sehr ethische Organisation, deren Führung ich ehrlich bewundere", so Bray.

Das sei aber auch in der größeren Macht der Mitarbeiter begründet: "Die Gehälter sind im Schnitt sehr hoch, unglückliche Mitarbeiter könnten jederzeit über die Straße gehen und einen genauso gut oder besser bezahlten Job bekommen." Den Lagerarbeitern bliebe diese Option nicht. "Also werden sie wie Dreck behandelt - so ist der Kapitalismus", gibt sich Bray niedergeschlagen.

Für Bray gibt es daher auf Dauer nur eine Lösung: Amazon - und alle anderen großen Konzerne - müssen Regeln auferlegt bekommen, die Arbeitern die Interessenvertretung und vernünftige Löhne garantieren. "So wie es in anderen Ländern wie Frankreich schon heute ist."

Quellen: Blogpost, Vice

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