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Basecamp Ein Chef wollte sich entschuldigen. Nach dem Meeting kündigt ein Drittel der Mitarbeiter

Meetings sollen Probleme eigentlich lösen (Symbolbild)
Meetings sollen Probleme eigentlich lösen (Symbolbild)
© pixelfit / Getty Images
Eigentlich wollte das Software-Unternehmen Basecamp ein Problem lösen, als es letzte Woche ein Machtwort zu politischen Diskussionen in der Firma sprach. Stattdessen löste es Chaos aus. Das Entschuldigungs-Treffen machte alles nur noch schlimmer.

Es ist eine klare Position: Man dulde von nun an keinerlei interne Diskussionen über Politik und gesellschaftliche Themen, kündigte Basecamp-Chef Jason Fried letzte Woche in einem Blogpost an. Und brachte damit eine Lawine ins Rollen. Die endgültige Eskalation folgte ausgerechnet bei dem Meeting, das die Wogen glätten sollte.

Der Stein des Anstoßes war eine Liste, die in dem internen Online-Forum der Firma seit 2009 gepflegt wurde. Die "besten Namen aller Zeiten" waren darauf gelistet - lustige Kundennamen, die man auch als Wortspiele, Peinlichkeiten oder Anspielungen verstehen könnte. So, wie man es aus den "Simpsons" oder Teenager-Humor kennt. Doch während die Firma immer weiter wuchs, nahm auch die Zahl der Mitarbeiter zu, die diese Liste deutlich weniger lustig, sondern wegen des überproportionalen Anteils an afroamerikanischen und asiatischen Namen schlicht als rassistisch empfanden.

Eine Entschuldigung eskaliert

Die Diskussion darüber hatte in den letzten Wochen zunehmend für hitzige Debatten gesorgt. Und am Ende für das Politik-Verbot im Forum gesorgt. Das enthielt auch eine klare Ansage: Wer nicht mehr für die Firma arbeiten will, kann gehen. Und erhält auch ein Abfindungspaket. Doch was die Gemüter beruhigen sollte, machte viele der 57 Mitarbeiter erst recht wütend. Vor allem die Entscheidung, die Debatte von oben und in aller Öffentlichkeit abzuwürgen, verärgerte viele. Am Freitagmorgen wollten Fried und sein Mitgründer David Heinemeier Hansson sich eigentlich entschuldigen. Doch das Zoom-Meeting kostete sie mehr als ein Drittel der Mitarbeiter.

Fried habe müde ausgesehen, berichteten Teilnehmer des digitalen Treffens. Basecamp hat kein Büro, alle arbeiten seit Jahren von Zuhause. Das interne Forum nimmt daher die Rolle des gemeinsamen Arbeitsraumes ein. Wohl auch ein Grund, warum der Kampf darum so hitzig geführt wurde. Im Meeting soll Fried sich persönlich entschuldigt haben. Die Entscheidung nahm er aber nicht zurück, lediglich die viel kritisierte Verkündung gestand er als Fehler ein. Dann gab er die Diskussion darum doch frei. Und die Lage eskalierte endgültig.

Große Bühne für den Streit

Denn plötzlich wurden die monatelangen internen Forumsdiskussionen auf die große Bühne gehoben. Zweieinhalb Stunden arbeiteten sich die Mitarbeiter an dem Thema ab. Dabei wurde vor allem die Anmerkung eines Mitarbeiters heiß diskutiert, ob eine solche Liste mit möglicherweise rassistischen Namen tatsächlich zu einer Grundlage rassistischer Gewalt werden könnte. Und dann verstieg sich der als konservativ geltende Strategie-Chef Ryan Singer zu einer Aussage, die das Fass zum Überlaufen brachte: Es gäbe gar keine "White Supremacy", verkündete er. Eigentlich sei es rassistisch, anderen Rassismus vorzuwerfen. "Man wird zu oft als Nazi bezeichnet, weil man eine andere Meinung hat."

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Von Fried bekam Singer laut Berichten von Teilnehmenden gegenüber "The Verge" keine Gegenrede, sondern einen Dank für den Wortbeitrag. Auch Aufforderungen eines schwarzen Mitarbeiters, sich klar von der Ideologie einer Weißen Vorherrschaft abzugrenzen, kam Fried nicht nach. Er stellte zwar klar, dass er wegen seiner jüdischen Wurzeln ablehne, "wenn eine Gruppe die andere dominiert", gegen die in den USA durch Donald Trump immer weiter aufgetrommelte White Supremacy Bewegung spezifisch wollte er sich aber nicht äußern.

Ein Drittel will kündigen

Das bereue er mittlerweile, sagte er "The Verge" am Montag. Kein Wunder. Mindestens 20 der 57 Mitarbeiter haben seit dem Meeting angekündigt, nicht weiter für die Firma arbeiten zu wollen. Und das, obwohl bereits 30 Minuten nach dem Ende angekündigt wurde, dass Singer die Firma verlassen werde. Das kam durchaus überraschend: Der Manager ist seit fast 18 Jahren an Bord, er war der vierte Angestellte überhaupt. Zudem hat er seine Aussagen relativiert, er habe White Supremacy nicht allgemein leugnen wollen, sondern sich nur auf die aktuelle Firmendebatte bezogen. Doch das Signal und die mittlerweile sehr deutliche Abgrenzung der Firmenleitung von jeglicher Form der White Supremacy kamen zu spät.

Nicht allen der Kündigenden geht es um die konkrete Debatte um Rassismus, stellten einige von ihnen bei Twitter oder in Interviews mit "The Verge" klar. Sondern am Umgang des Führungsduos damit. Statt eine klare Haltung zu zeigen, hätten sich die Chefs um Entscheidungen gedrückt. Gleichzeitig reagierten sie sehr empfindlich darauf, dass die Mitarbeiter die Firmenkultur dann selbst retten wollten. In einem Komitee hatten 20 Mitarbeiter zusammen eine Aufarbeitung der Firmenkultur zur Rassismus-Problematik im Konzern erarbeitet. Der Blogpost war auch eine Reaktion darauf - und enthielt eine klare Aussage dazu: ein Verbot von Komitees. Die Entscheidungen sollten nur noch die beiden Gründer treffen.

Vorzeige-Management

Die Enttäuschung der Mitarbeiter darüber dürfte auch deshalb so groß sein, weil Basecamp lange als Vorzeigebeispiel für gutes Management galt. Die Firma arbeitete schon Jahre vor der Corona-Krise komplett von Zuhause aus, Fried und Hansson hatten mehrere Bücher über ihre Erfahrungen zu guter Firmenkultur, dem Umdenken von Prozessen und zu Problemlösungen in Firmen geschrieben. Genau diese Kultur hatten sie aber selbst nicht umsetzen können. "Wir hatten das Problem identifiziert, herausgefunden wie es dazu kam und uns versprochen, es nicht noch einmal dazu kommen zu lassen", erklärte einer der Mitarbeiter aus dem Komitee seinen Frust gegenüber "The Verge". "Es war genau das, was eine Firma tun sollte. Die Chefs weigerten sich, die Führung zu übernehmen. Also haben wir es selbst getan."

Der letzte Blogpost nach der Ankündigung stammt noch aus den Tagen vor dem Meeting am Freitag. Fried schrieb dort darüber, dass Entscheidungen nicht schwer sein müssen. "Eine Entscheidung ist Raten, was später sein wird", erklärt er dort. Ob man sich verschätzt habe, könne man immer erst im Nachhinein sehen. "Die Zukunft wird zeigen, ob man richtig lag, das tut sie immer."

Quellen:Blogpost, The Verge


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