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Gezielte Werbung im Internet Wie eine Schwangere sich vor der Industrie versteckte

Eigentlich wollte Janet Vertesi nur verhindern, dass Firmen von ihrer Schwangerschaft erfahren und ihr Online-Werbung für Babyprodukte schicken. Doch am Ende kam sie sich vor wie eine Kriminelle.
Von Timo Brücken

In den Augen der Werbeindustrie ist eine Schwangere fünfzehn mal so viel wert wie eine Frau, die kein Kind erwartet. "Die Daten der meisten Leute sind pro Person etwa zehn Cent wert", sagt die Soziologin Janet Vertesi. Bei schwangeren Frauen steige der Preis hingegen auf bis zu 1,50 Dollar. Sie sind wertvolle Ziele für Werbung, weil sie langfristige Kaufentscheidungen treffen. "Wenn ich mich für Pampers oder Huggies-Windeln entscheide, bedeutet das ziemlich viel Kohle für eine von beiden Firmen." Vertesi muss es wissen, denn in den vergangenen neun Monaten hat sie online vor allem eines versucht: ihre eigene Schwangerschaft vor den Datensammlern der Werbeindustrie geheim zu halten. Und das war alles andere als einfach.

Eigentlich lehrt Vertesi an der US-Universität Princeton, nun machte sie sich selbst zum Forschungsobjekt. Um herausfinden "worauf es ankommt, wenn man verhindern will, verfolgt und in Datenbanken gesteckt zu werden", wie sie auf der Internet-Konferenz "Theorizing the Web" in New York sagte. "Aber eben aus einer ganz persönlichen Perspektive." Dazu musste sie zunächst die größten Datenquellen ausmachen, aus denen sich Firmen bedienen können, die ihr Strampler und Babyöl andrehen wollen.

Kein Wort auf Facebook!

Nummer eins: Social Media. Wer auf Facebook oder Google+ postet, dass Nachwuchs im Anmarsch ist, kann damit rechnen, dass Werbetreibende davon erfahren und entsprechende Anzeigen schalten. So verdienen die sozialen Netzwerke ihr Geld. Deswegen verordnete Vertesi Familie und Freunden: Kein Wort auf Facebook! Das tat sie natürlich nicht über das soziale Netzwerk, sondern per E-Mail oder Telefon. Alle hielten sich daran, bis auf ihren Onkel, der per Facebook-Nachricht gratulierte. Vertesi kündigte ihm kurzerhand die virtuelle Freundschaft.

Ihre E-Mails verschickte sie ab sofort nur noch von einem eigenen Server. Denn auch Dienste wie Gmail scannen die Nachrichten ihrer Nutzer. "Außerdem bin ich heute hier um den Preis für den kreativsten Einsatz von TOR entgegenzunehmen", scherzte Vertesi bei ihrem Vortrag. Das beliebte Verschlüsselungstool sei "wirklich der einzige Weg" gewesen, sich im Internet zu bewegen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Methoden wie bei Geldwäschern

Online einkaufen wollte die werdende Mutter aber trotzdem weiterhin. Dazu musste sie ein paar Vorkehrungen treffen: Sie meldete ein neues Amazon-Konto an, verknüpfte es mit der zuvor angelegten sicheren E-Mail-Adresse und trug eine Packstation als Lieferadresse ein. Blieb noch die Bezahlung: Kreditkartendaten hätten zu ihr zurückverfolgt werden können, also benutzte sie nur noch Amazon-Geschenkkarten, wie man sie gegen Bargeld im Laden kaufen kann. Doch genau das hätte die Tarnung fast auffliegen lassen. Als Vertesis Mann in einer Drogerie 500 Dollar in Gutscheine umtauschen wollte, um einen Kinderwagen zu kaufen, sah er an der Kasse eine Warnung. Beim Umtausch von so viel Bargeld sei der Ladenbetreiber verpflichtet, die Behörden zu informieren. Es könnte sich ja schließlich um den Versuch handeln, Geld zu waschen.

Werdende Eltern als Geldwäscher? "Zusammengenommen waren all meine Aktivitäten genau das, was man von Kriminellen erwartet", sagte Vertesi. "Nicht von jemandem, der ein Kind bekommt." Dabei wollte sie sich nur vor den Datensammlern der Industrie schützen - einer ziemlich erfolgreichen Branche. Vor zwei Jahren erkannten Datenanalysten der US-Supermarktkette Target die Schwangerschaft einer Teenagerin, noch bevor ihr eigener Vater davon wusste. Was dem Unternehmen einfalle, seiner Tochter Coupons für Babykleidung zu schicken, beschwerte sich der Mann damals: "Wollen Sie sie ermutigen, schwanger zu werden?" Nur um wenig später zurückzurudern: "Das Kind kommt im August. Ich muss mich entschuldigen."

Hier können Sie den ganzen Vortrag von Janet Vertesi im Video sehen (ab Minute 2:45, englisch):

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