Internethype "Chatroulette" Jeder Dritte zieht blank


Ekel, Spaß und Langeweile - beim Internethype Chatroulette kommt all das zusammen. Auf der neuen Plauderplattform kann man sich in Sekundenschnelle mit wildfremden Menschen via Webcam verbinden lassen. Doch nicht immer macht der Anblick Freude.
Von Jonas Schmidt

Ein wenig mulmig ist mir schon, als ich die Seite chatroulette.com aufrufe. Üblicherweise schalte ich meine Webcam nur dann ein, wenn ich mein Gegenüber am anderen Ende der Leitung kenne. Jetzt soll der Zufall entscheiden. Dabei war das Chatten noch nie meine große Leidenschaft, dem Zwitschern in 140 Zeichen oder der ständigen Statuseingabe auf Facebook habe ich mich bisher auch verweigert. Als Social Offliner werde ich nun auf das anonyme Chatkarussell aufspringen.

20.000 Chatpartner täglich

Mit einem relativ simplen Prinzip hat die Video-Chatplattform des 17-jährigen Andrey Ternovsky aus Moskau in kurzer Zeit viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Per Zufall werden Menschen via Webcam miteinander verbunden. Sie können sich sehen, miteinander sprechen und auch schreiben. Eigentlich habe er diese Seite nur für Eigenbedarf entwickelt, um sich mit seinen Freunden auszutauschen, behauptet der junge Russe in einem Blog der "New York Times“. Er habe nicht einmal dafür werben müssen, denn der kostenlose Videochat habe sich schnell herum gesprochen. Schon 20.000 Besucher zählt die Seite täglich. Jeder kann hier jeden sehen - und das scheint es so spannend wie peinlich zu machen. "Sie müssen mindestens 16 Jahre alt sein", steht auf der weißen, sehr schlicht gehaltenen Webseite. Eine Warnung, die hier nicht ohne Grund steht, wie ich bald feststellen werde. Ein Klick auf "Play" und es geht los. Zwei schwarze kleine Fenster öffnen sich, daneben ein Textfeld zum Chatten.

Amüsant oder abschreckend?

Erst mal bleibt meine Kamera ausgeschaltet. Mir ist das Ganze noch nicht geheuer und ich bin dankbar, dass es diese Option gibt. Und da ist auch schon der erste Chatpartner: Ein bärtiger Kerl, der in einem dunklen Ledersessel sitzt. Er grinst mich an, dann greift er zur Tastatur und ist weg. Ich werde aufgefordert, die F9-Taste zu drücken. Gesagt, getan. Aus meinem Lautsprecher dröhnt nun verzerrte arabische Popmusik. Ein junger Mann blickt gelangweilt in die Kamera, kaut dabei auf einem Kaugummi herum. Kaum will ich Hallo sagen, ist auch er schon wieder weg. Der Nächste, bitte. Da traut sich wohl jemand nicht vor die Kamera, es ist nur eine verspiegelte Schrankwand zu sehen. F9. Da nähert sich etwas der Kamera. Igitt, es ist ein Penis. Ich haue auf F9. Wieder Musik, diesmal lautstarker Rock. Ein lässiger Typ, leicht übergewichtig, liegt auf einem Sofa und stopft sich Chips in den Mund. Eine Hand hat er aber noch frei, um mich schnell wegzuklicken. Wie sollte es auch anders sein: noch ein Penis, diesmal in günes Licht getaucht. Was ich von all dem halten soll - ich weiß es in diesem Moment noch nicht. Ich drücke wieder F9 und sehe nichts, höre aber lautes Schmatzen. Nun kommt auch das Bild hinzu. Ich bin in einer Studenten-WG gelandet. Ausnahmsweise mal kein Live-Porno. Hier ist man viel zu träge, um mich sofort wieder wegzuklicken - das Sandwich schmeckt einfach zu gut. Ich tippe ein schüchternes "Hi" in das Textfenster und prompt kommt sogar ein "Hallo" zurück. Auf die Frage, wo sie denn herkämen folgt "Swiss". Dann ist aber auch schon Schluss. Ergiebige Unterhaltungen sehen anders aus.

Schauplatz der Exhibitionisten

Wer vor der Kamera nichts Aufregendes zu bieten hat, wird gnadenlos weggeklickt. Meine nächsten Chatpartner wollen sich gar nicht erst unterhalten, sondern viel lieber einfach nur beobachten lassen. Ein älterer Herr sitzt auf einem Sofa und starrt gegen eine graue Wand. Trister geht es nicht. Privatsphäre spielt bei vielen Nutzern keine Rolle. Chatroulette ist ein Paradebeispiel für die unerbittliche Suche nach Aufmerksamkeit und für die freiwillige Selbstentblößung im Internet. Es ist auch Treffpunkt jener, die ihre Einsamkeit betäuben wollen. Jeder dritte Klick offenbart die Schattenseiten: Hier treffen sich Exhibitionisten und Sexsüchtige. Nicht selten bekommt man männliche Genitalien oder komplett entkleidete Menschen zu sehen. Kein Zweifel, Chatroulette ist eine neue Sucht.

Gefangen in der Klickhölle

Eine letzte Chance will ich diesem digitalen Zirkus noch geben: Meine Kamera ist eingeschaltet und ich habe mir eine afrikanische Holzmaske aufgesetzt. Etwas Originelleres habe ich gerade nicht zur Hand. Denn Mitschnitte auf Youtube zeigen: Man muss kreativ sein, um seinen Chatpartner möglichst lange in der Leitung zu halten. Doch die Ernüchterung kommt schnell, meine Strategie geht nicht auf: Zwei Jungs zeigen mir gleich zu Beginn einen Mittelfinger. Langsam finde ich das alles nur noch abstoßend und albern. Das Hin- und Herklicken reicht mir jetzt, ich will nur noch raus hier. Schön, dass das in der virtuellen Welt so einfach ist. Trotz des längst geschlossenen Browserfensters habe ich noch immer das Gefühl, beobachtet zu werden. Da hilft nur noch der Ausschalter.


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