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Kolumne: Neulich im Netz: Netzwerke am Rande des Gruselkabinetts

Dank unruhiger Zeiten wachsen Netzwerke. Menschen merken, dass sie in Teams, Freundeskreisen oder anderen Formen der Gemeinschaft weiter kommen. Was liegt näher, als hierfür das Internet zu nutzen. Stark im Kommen: der Open Business Club.

So ein Netz-Forum ist eine wunderbare Sache und macht viel Spaß - und diesmal nicht nur den Betreibern. Herr Hennes von Intershop meint, "man findet alte Freunde und Geschäftspartner wieder und gewinnt unkompliziert neue". Keine Ahnung, wie lange Herr Hennes schon bei Intershop ist, aber als Erbe der New Economy-Blase dürfte es einige "alte Freunde" geben, die dem einstigen Börsenliebling und heutigen Flachnotierer skeptisch gegenüber stehen und manchem aus dem Management am liebsten den Hals umdrehen möchten. Der Rauch verbrannten Geldes zieht eben nur langsam ab.

Der Open Business Club (OpenBC) networkt People, wie es auf neudeutsch locker heißt - und das mittlerweile sogar auf Chinesisch. Ich persönlich habe nun keine süß-sauren Bekannten wieder getroffen, geschweige denn Geschäfte mit der boomenden Nation eingetütet, vielleicht sollte ich es ja mal auf Spanisch, Finnisch, Russisch oder Portugiesisch versuchen.

Wer sucht, der... sucht

Daneben ist OpenBC das größte Kontakt-Sushi-Band für arbeitslose Berufsgruppen, die sich dort klumpen: Mittlere Manager beispielsweise, aber auch Grafiker und Architekten rudeln neuerdings durch die unterschiedlichen Netzwerke. Die Formulierung "suche gerade" anstelle einer Firma häuft sich. Doch OpenBC bietet auch viel viel Spaß und Stoff für tolle Geschichten.

"Tatsächlich, das war 1998", schreibt ein vergessen geglaubter Weggefährte, mit dem gemeinsam ein großer redaktioneller Online-Auftritt entstand. Vor einer halben Ewigkeit, denn ein Onlinejahr sind drei Hundejahre. Eine andere ehemalige New-Economy-Dame hat es jetzt ins alpenländische Ausland verschlagen, wo sie sich als "Innovation Manager" verdingt. Beruf: unbekannt. Das allein wäre ja schon unterhaltsam, doch erst die süffisante Frage eines Gästebuch-Schreibers gibt der Angelegenheit die pikante Note. Welche Art von Innovation denn in ihr Ressort falle. Und das Beste: Der Neugierige betreibt die Plattform mindblowjob.com. Sehenswert übrigens.

Manchmal wird's sogar geschäftlich

Und so haben alle großen Spaß beim Wiederentdecken. Man kann jeden als Kontakt hinzufügen, was dieser bestätigen muss, sieht Beziehungsgeflechte, macht Marketing in eigener Sache und freut sich des virtuellen Lebens. Mittlerweile kann man sogar Telefonkonferenzen arrangieren, sich in ungezählten virtuellen Zirkeln engagieren und - ja, ich kann es bestätigen - Geschäfte machen.

Mittlerweile treffen sich Menschern in vielen Städten auch ganz real und basteln an ihren Netzwerken. Fotos am Rande des Gruselkabinetts bekommen hier Gesichter, während sie online vor allem zur Erheiterung beitragen. Und über manche Kontaktsammler kann man nur den Kopf schütteln. Wer über 1.000 Menschen seine Buddies nennt und dazu in 50 und mehr Foren umhergeistert, kann im richtigen Leben nicht viel zu tun haben. Sie würden sogar Gott zu ihren Kontakten zählen, wäre er denn in OpenBC.

Guido Augustin
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