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Reportage: Das Gebot der Stunde: Feiert!

Gesteigertes Gemeinschaftsgefühl im Online-Auktionshaus mit den vier bunten Buchstaben: Die "Ebay Live!" sollte zusammenbringen, was zusammen geboten hat. stern.de hat sich die Kuschelparty angeguckt.

Durch weit geöffnete Türen weht die herbstliche Berliner Luft. Ein Studentenpärchen kuschelt sich im Tempodrom in eine Wandnische. Party im Großstadtdschungel? Nicht ganz - die Nische ist aus Beton, nicht aus Plüsch, und im Raum kursieren Worte wie "Turbolister" und "Höchstgebot". Wer - wie die beiden - auf Namen wie Eaglesanych und Erorlo hört, geht heute nicht ins Kino, sondern ins Seminar. Willkommen im Ebay-Universum.

Bei Eaglesanych und Erorlo geht es um Ebayritis im Anfangsstadium - Körpertemperatur und Faszination steigend, doch der Keller ist noch nicht zum Warenlager geworden. Bisher haben sie nur einen einzigen Akkubohrschrauber als Trophäe aus der virtuellen Kaufwelt. Doch das soll anders werden, und darum sind sie hier. Das weltgrößte Online-Kaufhaus hat seine Schäfchen zum ersten deutschen LebenLernenFeiern-Treffen auf die "Ebay Live!" nach Berlin eingeladen. Über 2000 kamen - Profiverkäufer und Anfänger, Hausfrauen und Schüler. Und Studenten wie Eaglesanych und Erorlo.

"Wir wollen einsteigen", sagen sie, hören sich dabei entschlossen an und funkeln abenteuerlustig mit den Augen. "Man kann wirklich sagen, dass das ein Geschäft der Zukunft ist. Alles kaufen und danach verkaufen", verrät Eaglesanych die Quintessenz ihres Planes. Und da Erfahrung bekanntlich unbezahlbar ist, hat die Besucher auch der Eintrittspreis von 25 Euro nicht abgeschreckt. Für das Geld kann man immerhin zwei Seminare besuchen und ein bisschen was futtern.

Die Seminarteilnahmer kann nichts aufhalten - auch keine Verbotsschilder

Eaglesanych und Erorlo gehen das ganz professionell an: Kaum haben sie das Gelände betreten, wird der Schlachtplan ausgearbeitet. Er macht ein Grundlagenseminar und lässt sich etwas über Turbolister - Programme - mit denen man unkompliziert viele Artikel gleichzeitig anbieten und verwalten kann-, erzählen. Sie lauscht den Tipps und Tricks von Powersellern und einem Vortrag über den ersten Verkauf.

Schlangestehen am rappelvollen Seminarzelt, und das ständige "Zurr-zurr" der Reißverschlüsse an den Zelteingängen zeigt, dass der Weg auf die Dachterrasse nicht ganz so leicht zu finden ist. Der Tür zur großen Arena hilft es wenig, dass sie den Hinweis "Kein Durchgang" trägt - schnell haben die verspäteten Lernwilligen die Abkürzung lokalisiert und drücken sich gegenseitig die Türklinke in die Hand.

Drinnen ist es ein bisschen wie in der Schule: viele aufmerksame Blicke, ein paar Notizblöcke, ab und zu ein gelangweiltes Gähnen. Und Streber, die den Referenten mit hilfreichen Kommentaren oder "Bei mir war das aber so"-Geschichten unterstützen. Nicht immer sind die Blicke dankbar. Fragen hingegen sind erwünscht - nach einem Vortrag verschwinden regelmäßig kleine diskutierende Gruppen in ruhigere Ecken.

Fortschrittlicher Seminarplan

Wolfgang Weber beispielsweise, der als professioneller Datenschützer über vertrauensvolles Handeln referiert, ergibt sich nach dem Vortrag geduldig Teilnehmern, die ihm von unzuverlässigen Käufern, bösen Verkäufern und den Lücken des Systems berichten. Gemeinsamer Wunsch: Leid klagen und als Antwort nicht nur eine standardisierte E-Mail erhalten. Einige fragen sich, ob es in der Ebay-Verwaltung auch noch Menschen gibt. Erorlo hat Glück gehabt, sie kommt mit glänzenden Augen aus ihrem Verkaufs-Seminar. "Das hat richtig weitergeholfen", sagt sie und man hat das Gefühl, dass man die Minuten bis zu ihrem ersten Verkauf schon ticken hören kann. Sie hat Glück gehabt - ein Plätzchen in einem Einsteigervortrag ist gar nicht so leicht ergattert, die Auswahl dürftig.

In der Seminarstatistik des Ebay-Universums führen die "Fortgeschrittenen" konsequent mit 39: 8 Terminen, denn der Versteigerungsriese mag treue Anhänger. Gelegenheitskäufer und -verkäufer sitzen mit langen Gesichtern in Seminaren über professionelle Angebotsgestaltung oder Verkäufer-Tools für Profis. Pech gehabt. Eaglesanych dagegen wirkt wie ein ernsthafter Fall von Ebayritis, als er aus dem Zelt kommt - hat den Veranstaltern denn niemand gesagt, dass man Jurastudenten nicht in Seminare über rechtliche Grundlagen gehen lassen sollte?

Tipps ergattern dank Cafeteria-Taktik

Viel besser funktioniert das informelle Seminarwesen. Wer sich nur geschickt und langsam genug zwischen den Cafeteriatischen hindurchschlängelt, kann schon einmal grob die Gesprächsthemen sortieren. Aha, Verkäufer sollten auf ein Auktionsende in der Mittagszeit oder vor der Tagesschau achten. Nachts ist Jagdsaison für geschickte Käufer. Zwei Bilder funktionieren besser als nur eins. Ist etwas Spannendes dabei, pirscht man sich langsam näher. Kurz bevor es auffällig wird, stellt man dann den eigenen Becher auf dem Tisch und sagt "Hallo", lächelt nett und baut auf das viel beschworene Gemeinschaftsgefühl. Das funktioniert. Eaglesanych und Erorlo sind noch nicht ganz soweit, sondern beobachten die Szenerie erst einmal von ihrer Wandnische aus.

Alte Hasen packen aus

Dabei steht nur drei Tische entfernt von ihnen borris5 mit seiner Freundin und Kumpel moenix, und die drei sind richtig alte Ebay-Hasen. Immer im Visier: Möbel aller Art. Wer hätte gedacht, dass man mit Bücherregalen aus einem Kiosk, die in einer Versteigerung für einen Euro zu haben waren, beim nächsten Umzug glatt 44 Euro Gewinn machen kann? Im Moment suchen die drei nach Möbeln für ihre Firma berlinzimmer.de, eine Art Kurzzeit-Mitwohnzentrale, die auch diversen angereisten Besuchern ein kuscheliges Plätzchen in der Großstadt verschafft hat.

Kuriose Ausstattungsgegenstände kommen gut an, bei Ebay wimmelt es davon. "Wat wir nich gekriegt haben, war 'ne Theaterrequisite, 'ne zwei Meter hohe Säule. Drei Minuten vor Auktionsende stand die noch bei einem Euro - wie willst du sowas auch transportieren?" Ihr Strategie-Tipp also: Suchen nach 'Selbstabholer Berlin'. Gerade in großen Städten soll das Wunder wirken, die potenzielle Mitbieterzahl ist gleich mal eingegrenzt. Merke: Bier trinken mit Ebay-Hasen macht klug. Wäre auch etwas für eaglesanych und Erorlo, denn borris5 hat eine Geschäftsidee: Warum nicht flippige Sachen kaufen und sie dann an all die glittersüchtigen Landmenschen mit Großstadtsehnsucht weiterverhökern? Sein altes Fahrrad ging - obwohl es zwei Jahre auf dem Balkon geparkt hatte – für 180 Euro nach Österreich.

Die Suche nach den Preistreibern

Sind hier alle so geschäftstüchtig und professionell? Nein, es gibt auch den Parade-Ebayristen. kolesch1950 zum Beispiel ist mit ihrem Sohn unterwegs. Und beweist, dass Ebay längst schon mehr ist als ein Online-Versteigerer. Trotz Digicam, Drucker und Handyheadset aus dem Reich der bunten Buchstaben haben beide noch nie bei einer Versteigerung mitgemacht. "Ich kaufe nur, was ich brauche, und dann auch immer über Sofortkauf". Wo stecken sie bloß, die hemmungslosen Bieter, die immer die Preise in die Höhe treiben?

Vielleicht gehören ja Kattina aus Brandenburg und ihr Mann zu dieser Sorte. Immerhin kommen beide recht begeistert aus einem Powerseller-Seminar und versichern, dass das "gar nicht verkehrt" war. Schätzung: Ebayritis im mittleren Stadium. Zu Beginn waren sie nur auf der Jagd nach Überraschungseierfiguren, inzwischen wird mehr ver- als gekauft. Sie haben es auf Klamotten abgesehen - Handtaschen, Schuhe, das Paar Strümpfe zu ein Euro. Ab und zu auch mal etwas Ausgefallenes wie eine Jeans-Cord-Hose für den Sohn. "Gibt's sicher auch in nem Laden in Berlin, aber dann müsst ich durch die ganze Stadt flitzen und zahl exorbitante Preise". Zack, das saß, der Einzelhandel geht getroffen zu Boden. Bei Neuware muss der "Sofort Kaufen"-Knopf her, gesteigert wird bei Gebrauchtem, Bietfieber inklusive. "Es gibt schon das eine oder andere, wo man sich mitreißen lässt. Neulich war's ein Adidas-Pullover. Den hab ich nicht gekriegt."

Die Vereinigung findet nicht statt

Okay, es gibt also auch Menschen, die sich um Pullover balgen. Ebay wirkt immer mehr wie eine zu groß geratene Familie, mit Kindern und Rentnern und schwarzen Schafen. Die Schafe haben viele schon getroffen, stellt sich heraus - Lieblingsstreit ist der über Ware, die auf dem Postweg verloren gegangen sein soll. Die Tendenz: "Unversichert schick ich nichts mehr". Doch ansonsten mag jeder seine Wahlfamilie total gern, schwärmt von netten Menschen und sagt, wie schade es ist, dass man so wenige persönlich kennt. Solche Ersttreffen sollten auf der 'Live!' eigentlich en masse stattfinden, doch irgendwas ist schiefgelaufen.

Vielleicht waren's die 25 Euro Eintritt, die gemeinsam mit Anreise- und Übernachtungskosten viele von außerhalb abgeschreckt haben, oder die Sehnsucht ist doch nicht so groß, oder man trifft sich sowieso schon, nur inoffiziell. Glücklich tuschelnde Ebay-Vereinigte, die sich zum ersten Mal in die Augen blicken, sind im Getümmel jedenfalls nicht zu orten.

Wer hat das, was ich nicht hab?

Die Körperkontakte mit Unbekannten beschränken sich auf das Unterhaltungsprogramm. Zum Beispiel, wenn im Ring aufgeblasene Sumo-Ringer mit einem lauten Platsch auf die Matte fallen. Rein in das Kostüm, raus aus der Angst vor Gelächter. Für die Zuschauer ist das fast noch witziger als für die Akteure. Alleine Aufstehen geht gar nicht, der mögliche Auktionswert von Mini-Kränen steigt kurzfristig ins Unermessliche.

Die Ereigniskarte für den Mattensport ist ziemlich begehrt und wird an der Tauschstation hoch gehandelt. Irgendwo zwischen den Tauschwilligen versuchen zwei Mitarbeiterinnen, das Ganze in geregelte Bahnen zu leiten. Ein vereinzelter Anarchist kategorisiert den Markt schon kurz vor dem Tauschstand, um die wirklich attraktiven Angebote abzufangen. Heiß umkämpft sind das Kochen mit Fernsehkoch Ralf Zacherl, das "Ich kann's fast so gut wie Schumi"-Gefühl im Fahrsimulator und die Gelegenheit, sich von Malern portraitieren zu lassen. Sensationsgieriges Volk. Die Kärtchen fürs lustige Münzenraten hingegen hängen wie Blei an der Wand.

Feiern ohne Mindestgebot

Der Abend kommt, und die drei Bäume vor dem Tempodrom strahlen in buntem Licht. Sieht aber kaum jemand, weil drinnen die Party tobt. Ebay-Mitarbeiter haben in großen Gruppen die Tanzfläche gestürmt, und dem Sog haben sich auch die Besucher nicht entziehen können. Eaglesanych und Erorlo wollen sich vielleicht noch einen Profiseller schnappen, ein bisschen essen, ein bisschen gucken. Cocktailgläser klirren, statt Tastaturgeklapper hört man Stimmengewirr. Ebayritis abseits von Ebay-Riten - jawoll, auch Menschen, die dauernd vor dem Rechner hängen, können sprechen und tanzen. "Was ich grad anhab, ist übrigens ersteigert, voll im Trend, nur zwei Euro", klingt es von der Seite. Test bestanden, Ebay ist alltagstauglich.

Claudia Fudeus
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