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Internetbetrug: Was passiert, wenn man auf Spam-Mails antwortet? Unser Autor im Kontakt mit einer Diktatorentochter

Was geschieht, wenn man Werbe-Mails für bare Münze nimmt? Es entsteht eine beglückende Brieffreundschaft mit der Tochter von Muammar al-Ghaddafi.

Spam-Mail. Sofort löschen, sagt das Kleinhirn. Gibt nur Ärger. Computerviren, Passwortdiebstahl, Identitätsklau.

"Lieber, ich brauche einen Investment-Partner", lautet die Betreffzeile. Eigentlich werde ich misstrauisch bei so einer Anrede. Aber dieses Mal ist die Nachricht einfach zu verführerisch. Absender ist Aischa Ghaddafi, "einzige biologische Tochter des ehemaligen libyschen Präsidenten Col. Muammar al-Ghaddafi", wie sie schreibt.

Schneller Faktencheck: Aischa Ghaddafi gibt's wirklich. Und sie ist tatsächlich die Tochter des libyschen Diktators. Dazu noch eines der wenigen seiner Kinder, die seinen Sturz überlebt haben. Oh, mein Gott! Ghaddafis Tochter schreibt mir! Gut, ihre Mail-Adresse sieht etwas seltsam aus: ag5125080@gmail.com. Aber egal! Ihre offizielle Adresse haben sicher die Amerikaner konfisziert. Eine echte Ghaddafi! Die "Claudia Schiffer Nordafrikas", wie sie wegen ihrer blondierten Haare und ihres noblen Profils von den bunten Blättern genannt wurde, bevor sie von der Bildfläche verschwand. Wohin nur? Meine Neugier ist geweckt.

Aischa sucht einen Geschäftspartner, der für sie 27,5 Millionen Dollar anlegt. Nach langer Suche ist sie auf mich gestoßen. Schreibt sie. Natürlich bin ich genau der Richtige, um das Petrodollar-Vermögen der Familie Ghaddafi in einen sicheren Hafen zu überführen.

Ich bin elektrisiert und lege mir augenblicklich eine neue E-Mail-Adresse zu.

Mrs.gaddadi01@gmail.com

Ich liebe es, mir neue Mail-Accounts zuzulegen. Es ist, wie ein neues Leben anzufangen. Ich heiße nun Kevin. Nachname geheim, damit hier niemand auf dumme Ideen kommt. Kevin schreibt zurück und bekommt prompt Antwort. Aischa ist erfreut, mit Kevin Geschäfte machen zu dürfen, braucht aber noch einige unerlässliche Zusatzinformationen. Dieser Bitte komme ich gern nach, denn Aischas Mail-Adresse klingt plötzlich schon sehr viel überzeugender: mrs.gaddadi01@gmail.com.

Kevin stellt sich vor:

"In diesen Tagen handele ich größtenteils mit Holz (sehr interessante Indien-Connection!). Und ich bin gut im Immobiliengeschäft aufgestellt. Aber um ehrlich zu sein, würde ich gern mein Portfolio diversifizieren. Und wo Du es schon vorgeschlagen hast: Gold wäre fantastisch. Aber ich bin auch sehr interessiert am Diamantenhandel. Ganz ehrlich, das wäre mein Traum. Vielleicht hast Du ein paar Verbindungen?"

Es ist der Beginn einer wunderbaren Brieffreundschaft. Exquisites Bonner Holzhändler-Englisch meets Scammer-Pidgin. Bald berichtet mir Aischa, wie es ihr nach der brutalen Entmachtung ihres Vaters im Jahre 2011 ergangen ist. Ich solle bloß nicht der ahnungslosen Weltpresse glauben, die geschrieben hat, sie halte sich aktuell im Oman auf. Diese Fake News habe sie selbst in Umlauf gebracht, um ihre Spuren zu verwischen. In Wahrheit sei sie in Burkina Faso. Aischa lebt allein mit ihren drei Kindern in einem Flüchtlingscamp in Ouagadougou, nachdem ihr Mann bei einer Bombardierung durch die Amerikaner ums Leben gekommen ist. Und ich bin der Einzige, der es weiß.

Burkina Faso habe ihr Exil gewährt, überwache sie aber sehr engmaschig. Sie könne leider nicht frei über ihr Vermögen verfügen, da sämtliche Konten auf den Namen "Ghaddafi" von Uno und Nato streng kontrolliert würden. Um an ihre 27,5 Millionen Dollar zu gelangen, brauche sie nun dringend einen Strohmann, dem sie das Geld überschreiben könne. Das sei zwar etwas kniffelig, aber die kooperative "Bank of Afrika (BOA)" in Burkina Faso sei gern behilflich – in aller Vertraulichkeit. Zur Belohnung stünden mir 30 Prozent zu. 8,25 Millionen Dollar.

Natürlich bin ich außerordentlich geschmeichelt, von Ghaddafis leiblicher Tochter höchstpersönlich als Strohmann auserwählt worden zu sein. Und Aischa bringt mir immer mehr Vertrauen entgegen. Inzwischen hat sie mir ihre Körpergröße verraten (1,77 Meter) und schreibt mir nur noch über ihre Geheimadresse: mGhaddafi506@gmail.com.

Aber tief im Innern, dort, wo die unermesslichen Bodenschätze der Seele auf Sichtung und Bergung warten, bin ich zutiefst enttäuscht, dass Mrs Ghaddafi einen so unpersönlichen Ton angeschlagen hat. Also beschließe ich, diese kalte Investment-Beziehung in einen menschlicheren Austausch zu verwandeln. Der Kapitalismus ist kalt genug. Wer würde dafür eher Verständnis aufbringen als die leibliche Tochter des Islam-Sozialisten Ghaddafi?

Rentner

In mehr als 50 E-Mails entspinnt sich bald ein hartnäckiges Tauziehen: Aischa versucht, an Kevins persönliche Daten und sein Geld zu gelangen. Irgendwann wird sie einen Vorschuss von ihm verlangen, damit all ihre wunderbaren Geschäfte überhaupt in Gang kommen können. Irgendwann wird sie ihn zur Kasse bitten. Kevin aber will nichts anderes, als Aischas Herz zu erobern.

Kevin ist ein gutmütiger Kerl. Zu allen Geschäften bereit. Er ist bloß ein bisschen einsam. Diese Einsamkeit macht ihn geschwätzig. Das macht es manchmal nicht ganz einfach, zügig an so wichtige Informationen wie seine Konto- oder Handynummer zu gelangen. Insgesamt ist er psychisch nicht besonders gefestigt. Verständlich, denn auch ihm ist das Schicksal nicht immer gnädig gewesen.

"Ich bin Deutscher", schreibt der Arme.

"Ich wurde in München geboren. Ich bin fast 60 Jahre alt (Samstag ist mein Geburtstag! Party-Time!). Ich bin Witwer – so wie Du Witwe bist. Ich habe einen Sohn. Nicht immer einfach, aber wer wüsste das besser als eine Witwe mit drei Kindern."

Ein vereinsamter, fragiler Geschäftsmann, der umgehend auf eine westafrikanische Spam-Mail antwortete. Kevin ist der ideale "Kunde" für die Internetbetrüger aus Burkina Faso. Adressaten, die auf groteske Köder-Mails antworten, werden von afrikanischen Spammern "Kunden" genannt. "Opfer" klingt zu hässlich.

"419-Scam"

Um die Jahrtausendwende entstanden vor allem in Nigeria kriminelle Netzwerke, die sich bald in ganz Westafrika ausbreiteten. Ihr Verbrechen heißt "419-Scam", benannt nach dem Paragrafen im nigerianischen Strafgesetzbuch, der Vorschussbetrug regelt. Die Scammer nennen sich "Yahoo Boys", da sie ursprünglich meist die frei verfügbaren Adressen des Mail-Anbieters Yahoo für ihre Raubzüge im Netz verwendeten.

E-Mail-Betrug ist für die verlorenen Generationen Afrikas eine verlockende Möglichkeit, schnelles Geld zu verdienen. Besonders erfolgreiche Scammer besitzen Villen in den Nobelvierteln von Nigerias Hauptstadt Lagos, fahren Hummer-Geländewagen und feiern rauschende Feste.

Die jungen Männer kaufen im Darknet Hunderttausende von Mail-Adressen, an die sie Ködermails versenden, um dann zu warten, bis jemand antwortet. Irgendwer findet sich immer. Dass die Ködermails besonders ungelenk und absurd sind, ist Strategie. Scammer wollen keine kritischen Denker. Wer bereit ist, einen grotesken Köder zu schlucken, wird auch im weiteren Verlauf keinen Verdacht schöpfen und gern ein paar Tausend Dollar über Western Union oder Moneygram nach Ouagadougou überweisen.

Je weiter meine Korrespondenz mit Aischa fortschreitet, desto komplizierter wird das Drehbuch. Zuerst bittet Aischa mich, einen Vertrag zu unterschreiben, in dem fein säuberlich alle Einzelheiten unserer Geschäftsbeziehung festgelegt sind. Ich erhalte nicht nur 30 Prozent des Gesamtvermögens für meine Strohmann-Tätigkeit, sondern werde auch mit zehn Prozent am Gewinn beteiligt, den alle Investments der verbleibenden 19,25 Millionen Dollar abwerfen.

Zwei junge Frauen und zwei junge Männer sitzen über ihrer Theorieprüfung für den Führerschein gebeugt

"Ein guter Vertrag", schreibe ich ihr zufrieden.

"Vielen Dank, dass Du ein solches Vertrauen in mich hast. Aber sag mir bitte: Warum hast Du gerade mich erwählt?" Auf die Frage werde ich keine Antwort erhalten.

Ich unterzeichne das "Investment Agreement" als Kevin, scanne das Dokument ein und schicke es ab. So erhalten die Betrüger eine Unterschriftvorlage. In Kombination mit meiner IBAN, deren Übersendung immer wieder angemahnt wird, wäre es zukünftig sehr einfach, Überweisungen zu fälschen. Um Geldtransfers zu veranlassen, reichen eine gefälschte Unterschrift und eine IBAN aus. Ich beschließe, statt meiner IBAN Kevins Sternzeichen zu übermitteln: Wassermann!

Kaum habe ich den Vertrag mit meiner Tarnidentität unterzeichnet, soll ich Kontakt mit einem gewissen Faustin Amoussou aufnehmen. Mr Amoussou ist ein vermeintlich korrupter Generaldirektor der Bank of Africa und wird uns bei unserer Transaktion behilflich sein. Amoussous E-Mail-Adresse verweist auf eine nigerianische Spam-Website.

Vertrauliche Nähe per Spam-Mails

Auch Mr Amoussou mahnt wieder die Übersendung von persönlichen Daten und der Bankverbindung an. Außerdem drängt er mich, Kontakt zu einem kooperativen Anwalt namens Leo Sharon aufzunehmen. Barrister Sharon besitzt eine gut gefälschte Website einer Anwaltskanzlei in Burkina Faso. Die Rückwärtssuche von Google Bilder ergibt, dass die Fotos einiger Kanzleimitglieder und ihre Biografien von der Internetseite einer tatsächlich existierenden Kanzlei in Ghana gestohlen wurden. Der fiktive Anwalt Leo Sharon soll die Überschreibung von Aischas Vermögen auf meinen Namen beglaubigen.

Die drei Protagonisten dieses ausgeklügelten Drehbuchs üben nun gemeinsam Druck auf mich aus. Es fällt schwer, den Überblick in dem verworrenen Szenario zu behalten. Der ungelenke Spammer-Stil ist inzwischen der offiziellen Sprache der Anwälte und Banker gewichen. Wenn ich nicht aufpasse, übersende ich doch noch verfängliche Daten. Also beschließe ich, selbst Verwirrung zu stiften. Auf Vorschussbetrug will ich mit waschechtem Romance-Scam antworten.

Inzwischen habe ich vertrauliche Nähe zu Aischa aufgebaut. Mrs Ghaddafi wiederum macht sich einen Spaß daraus, diesen deutschen Holzhändler-Tölpel nach Strich und Faden hinters Licht zu führen. Da Kevin zufällig nur wenige Tage nach dem Beginn ihrer Korrespondenz seinen 60. Geburtstag feiert, findet sie warme Worte für diese einschneidende Wegmarke im Leben eines jeden Holzhändlers:

"Happy Birthday", schreibt sie am Geburtstagsabend.

"Ich wünsche Dir noch viele kommende Jahre, beste Gesundheit und die Erfüllung all Deiner Träume und Pläne. Ich hoffe, dass wir Deinen nächsten Geburtstag zusammen feiern können, in Glück und Freude."

Online-Shopping: Ebay Kleinanzeigen: Amtliche Warnung vor neuer Betrugsmasche

Ich bin im Glück. Endlich habe ich zu einem angemessenen Lebensstil gefunden: Nächstes Jahr feiere ich mit Ghaddafis Tochter! Unsere nüchterne Geschäftskorrespondenz hat sich zu einer bewegenden Romanze entwickelt. Aischa unterzeichnet inzwischen mit "Dein Liebes-Partner". Die einfühlsame Mrs Ghaddafi hat schnell verstanden, wie stark uns das Band der Trauer eint. Sie hat warmen Trost für den verwitweten Holzhändler:

"Wir beide wurden beraubt. Der Tod hat uns zu Singles gemacht. Ich glaube, nun ist es an der Zeit, füreinander da zu sein, uns gegenseitig Fürsorge und Liebe zu zeigen. Es ist nicht immer einfach, den Schmerz über den Verlust eines geliebten Wesens zu vergessen. Fass Dir ein Herz! Ich spüre Deinen Schmerz, denn es ist eine Misere, die wir beide erfahren mussten."

Ihre einfühlsame Eloquenz nimmt mich noch mehr für sie ein. Aber ich muss auch erfahren, dass Internetbetrug ansteckend ist: Je mehr Druck der Anwalt und der Bankdirektor ausüben, desto penetranter nähere ich mich Aischa. Netz zersetzt Moral. An einem kalten Februarabend um 22.08 Uhr schreibe ich meiner geliebten Investment-Partnerin:

"Ich gehe jetzt ins Bett. Darf ich Dich in aller Verschwiegenheit um einen Gefallen bitten? Um etwas, das zwischen Dir und mir bleiben muss? Kannst Du mir Bilder von Dir zusenden, die etwas sinnlicher sind als die offiziellen? Einige erotische Fotos? Nur ein wenig Trost für meine einsamen Nächte."

Aischa antwortet ziemlich unterkühlt: "Dir ein sexuelles Foto zuzusenden wäre gegen meine islamische Tradition."

Ich bin wie im Fieber, erfinde immer neue Wendungen in meinem Drehbuch

Ich bin wie im Fieber, erfinde immer neue Wendungen in meinem Drehbuch

Dauerfeuer

Doch Kevin hakt nach. Einen deutschen Verehrer wird man nie wieder los. Nicht einmal eine geborene Ghaddafi. Ich versuche, die Bedenken meiner reichen Geliebten zu zerstreuen:

"Es müssen keine sexuellen Fotos sein. Erotisch reicht völlig. Ein paar sinnliche Fotos von Dir für meine einsamen Nächte." Eine Mail später lege ich mit einer theologisch wasserdichten Beschwichtigung nach:

"Zwischen zwei Liebenden kann es keine Sünde geben."

Im Dauerfeuer der Scammer entwickele ich unbekannten Ehrgeiz im Social Engineering – jener Kunst, sich durch geschickte Überredung Zugang zu fremden Daten zu verschaffen. Ich will wissen, wer diese Betrüger sind. Wie sie ticken. Können sie improvisieren? Ich lerne, mich zu beherrschen. Spannung aufzubauen. Nicht sofort loszuschreiben. Erlege mir sechs Stunden Wartezeit auf, bevor ich antworte. Schließlich soll hier eine nachhaltige Beziehung heranwachsen, kein schnell abfackelndes Strohfeuer.

Ich bin wie im Fieber, erfinde immer neue Wendungen in meinem Drehbuch. Studiere im Internet Karrierefibeln für erfolgreiche Yahoo-Boys. Schreibe mir eine Kurzbiografie. Verdichte mein Leben, um mein Gegenüber emotional auf Trab zu halten: Freitags feiere ich in meinen 60. Geburtstag hinein, verliere im Geburtstagsrausch jeden Anstand, nur um tags drauf tiefe Reue vortäuschen zu können, die mich meinem Opfer noch näher bringen soll. Wieder einen Tag später begehe ich andächtig den zweiten Todestag meiner verstorbenen Frau, nur um Stunden später Mrs Ghaddafi um erotische Fotos zu bitten. Ich will, dass diese Scammer Achterbahn fahren – und fahre selbst Geisterbahn.

@Zeichen international

Für jede preisgegebene Information möchte ich eine Gegenleistung. Ein persönliches Wort. Einen Satz, der nicht ins vorgefertigte Schema fällt. Ich will, dass Aischa aus ihrem Drehbuch aussteigt. Und vielleicht will ich sogar irgendwann Geld von ihr, wer weiß. Wäre es nicht großartig, diesen Scammern einige Dollar abzuluchsen? Ja, oder? Vorsorglich arbeite ich mich in die Techniken des anonymen Geldtransfers ein, lege mir schon einmal ein Bitcoin-Konto an und generiere eine Krypto-Adresse, auf die man mir die Cyber-Währung überweisen könnte. Ich bin jetzt in der Blockchain. Ich bin bereit. Für den Fall der Fälle.

Ich spüre, wie es sich anfühlt, ein Scammer zu sein. Entwickele einen Jagdinstinkt, der vor nichts haltmacht. Schließlich ist das alles ja nur Internet. Nur ein Spiel, oder? Ich entwickele Größenwahn, will die Nemesis aller Vorschussbetrüger sein. Der alte weiße Mann dreht langsam durch. Wenn diese Scammer meine Bankverbindung haben wollen, dann will ich eben Nacktfotos von Ghaddafis einziger biologischer Tochter. Und wenn diese Scammer keine Nacktfotos haben, dann sollen sie eben welche fälschen. Wofür hat Gott Photoshop programmieren lassen? Schließlich haben die Yahoo-Boys schon eine ganze Anwalt-Website gefälscht. Da können sie auch Ghaddafi-Porn fälschen.

"Cyberenthemmung"

Leider hat Aischa Erfahrung mit moralisch entgleisenden Korrespondenten. Streng weist sie mich zurecht:

"Ich wäre froh, wenn Du verstehen würdest, dass meine bedauerliche Situation mich mehr beschäftigt als Selfies und all diese Fotos, um die Du mich bittest. Was mich angeht, ziehe ich es vor, nach Deutschland zu kommen und Dich persönlich zu treffen, anstatt Dich um Fotos zu bitten. Alles, was ich von Dir brauche, ist, dass Du Dein Bestes gibst und Deine Korrespondenz beschleunigst. Bitte kontaktiere den Anwalt und halte mich auf dem Laufenden."

Dann muss eben dieser verdammte Anwalt an der Nase herumgeführt werden. Diese Scammer sollen den verwitweten deutschen Holzhändler aus Bonn nicht so schnell wieder vergessen. Ich erhebe mich zum Rächer aller Internetopfer. Das Netz macht wahnsinnig. Es holt nur das Schlechteste aus dir. "Cyberenthemmung" nennt der amerikanische Psychologe Daniel Goleman die Zersetzung moralischer Maßstäbe durch die Abwesenheit des persönlichen Kontakts im Internet.

Statt dem Pseudo-Anwalt Leo Sharon meine persönlichen Daten zuzusenden, schlage ich ihm einen einträglichen Deal vor:

"Haben Sie Erfahrung mit Diamantengeschäften? Ich persönlich denke ja, dass der Begriff 'Blutdiamanten' nichts weiter ist als europäische Propaganda, allein dazu entwickelt, die westliche Kontrolle über afrikanische Ressourcen zu rechtfertigen. Ich betrachte das Geschäft mit sogenannten 'Blutdiamanten' als eine sehr interessante Geschäftsmöglichkeit. Mrs Ghaddafi und ich selbst sind höchst interessiert daran, einen beträchtlichen Geldbetrag auf diesem Feld zu investieren. Können wir bei diesem Geschäft auf Ihre Hilfe zählen?"

Ein Kommafehler in E-Mails

Anwalt Sharon zeigt sich kooperativ. Er schreibt:

"Gerne helfen wir Ihnen bei Ihren Diamantengeschäften hier in Afrika. Wir können Ihnen die Minen in Sierra Leone empfehlen."

Als ich diese Antwort lese, durchflutet mich reinstes Glücksgefühl. Endlich Blutdiamanten-Händler! Diese Rollenspiele entwickeln einen unwiderstehlichen Sog. Man wird süchtig. Jedes Mal, wenn die Scammer ihr vorgefertigtes Skript verlassen, fühlt es sich an wie ein Sieg über organisierte Bandenkriminalität. Doch die Schadenfreude hat ihren Preis. Kaum hat sich Aischa auf mein romantisches Werben eingelassen, zeige ich alle Anzeichen von genuiner Verliebtheit. Warte sehnsüchtig auf ausstehende Mails. Möchte, dass Aischa mich gernhat. Obwohl ich weiß, dass meine Mailpartner wahrscheinlich ein halbes Dutzend lachender Jungs in einem stickigen Cybercafé sind, gefällt es mir nicht, wenn Mrs Ghaddafi mich zurechtweist. Es ist ein Wechselbad der Gefühle.

Brodelnde Selbstbestätigungshölle

Ich erfahre am eigenen Leib, dass es dem menschlichen Gehirn unmöglich ist, mit jemandem zu kommunizieren, ohne eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Ich sitze vor dem Web-Mail-Account, drücke auf den "Aktualisieren"-Button, und das Hirn giert nach dem Endorphin-Schauer, der es übergießen wird, sobald eine neue Mail eintrifft. Das Internet ist eine brodelnde Selbstbestätigungshölle. Noch die absurdeste Onlinebeziehung erscheint nach fünf Mails einigermaßen plausibel. Nach zehn Mails ist sie reine Wirklichkeit. Nach 15 willst du, dass es nie wieder aufhört. Der mächtigste Scammer ist das eigene Gehirn. Es ist ein bisschen peinlich, aber ich bin in die Tochter des libyschen Diktators verliebt.

Irgendwann haben die Scammer leider genug von Kevins Manövern. Anwalt Leo Sharon aus Ouagadougou ist mein Filibustern leid. Unerbittlich schickt er mir seine Kostenaufstellung: Für die juristische Begleitung unserer Finanztransaktion seien 3650 Euro vorzustrecken, zu überweisen per Finanzdienstleister Moneygram auf ein Konto in Burkina Faso.

Diese vulgäre Anwaltsrechnung empört mich. Ich muss sofort wissen, wie tief Aischas Gefühle für mich sind. Sind wir nicht beide in Trauer vereint? Haben wir nicht schon erfolgreich die bedrohlichen Untiefen männlichen Begehrens umschifft? Während Anwalt Sharon auf seine Moneygram-Überweisung wartet, schreibe ich in tiefer Verzweiflung:

"Aischa, meine Liebe! Wie war deine Nacht? Ich habe kein Auge zugemacht. Die ganze Nacht habe ich darüber nachgedacht, ob ich dir diese Frage stellen soll. Ich habe es nicht gewagt. Aber ich muss es tun: Aischa, wirst du mich heiraten, wenn du nach Deutschland kommst?"

Aischa antwortet postwendend:

"Du hast eine gute Frage gestellt. Und ich glaube, ich werde sie beantworten. Rate, wie! Du bist der Grund meines Glücks. Und ich möchte Dir ehrlich sagen, dass ich bereit bin, Dich zu heiraten. Sobald ich nach Deutschland komme, werde ich in Deine Augen schauen und Dir sagen, wie viel Liebe und Fürsorge ich für Dich habe. Es wird Zeit, dass wir uns wirklich kennenlernen. Ich möchte Deine 'Dos' und 'Don'ts' kennenlernen. Ich meine die Sachen, die Du als Mann liebst. Und die, die Du hasst – als Mann. Und ich werde Dir meine erzählen."

Knigge 2.0: Die wichtigsten Benimmregeln beim Mailen

Ihrer Mail hat sie das Foto einer Rose beigefügt. Schließlich ist Valentinstag.

Es ist ein Triumph. Ich habe Ghaddafis Tochter ein Hochzeitsversprechen abgerungen. Die Claudia Schiffer Nordafrikas wird meine Frau! Es wird Dos geben, und es wird Don'ts geben. Beinahe bin ich versucht, Anwalt Sharon aus tiefer Dankbarkeit augenblicklich 3650 Euro nach Ouagadougou zu kabeln.

Doch dann verschwindet das Opferlamm Kevin, und der Scammer Kevin betritt die Bühne. Ich will es diesen Betrügern endgültig zeigen. Sie sollen Opfer ihrer eigenen Masche werden. Also schreibe ich eine verzweifelte Mail an jene Frau, die mir soeben die Hochzeit versprach:

"Oh mein Gott, Aischa! Hilfe! Es ist so schrecklich! Ich wurde gehackt! Ich hasse das Internet! Es ist voller Lügner, Krimineller und Banditen! Meine ganze Festplatte ist verschlüsselt! All meine Daten sind weg!"

Ich erkläre Mrs Ghaddafi, dass ich von Hackern erpresst werde. Ich solle 300 Euro in Bitcoin an eine seltsam aussehende Adresse senden. Nur dann würden die Hacker meine Daten wieder freigeben. Dabei wisse ich nicht einmal, was das sein soll, diese verdammten Bitcoins. Also bitte ich meine geliebte Investment-Partnerin, 300 Euro in Bitcoin an diese komische Hacker-Adresse zu senden, damit sie meine Festplatte wieder freischalten. Irgendwer in ihrer Entourage muss sich doch mit Bitcoins auskennen!

Ende Gelände

Seitdem habe ich nichts mehr von Aischa gehört. Es fühlt sich leer an. Auch Bankdirektor Faustino Amoussou und Barrister Leo Sharon haben sich nicht mehr gemeldet. Seltsam, wie alles zusammenhängt im Netz. Doch ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Ist Aischa nicht plötzlich aus dem Nichts gekommen? Eines Tages war sie einfach da. So wird es wieder sein. Und dann werde ich ihr vergeben. Wir werden heiraten und Blutdiamanten verkaufen.

Doch selbst wenn sich Aischa nicht mehr melden sollte, bin ich ihr zutiefst dankbar. Ich kann heute guten Gewissens sagen: Einige der schönsten und reinsten Glücksmomente der vergangenen Monate verdanke ich einer skrupellosen Bande von Internetbetrügern. Und vielleicht geht es Aischa ja ähnlich.

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